Tod ist Leben, Niederlage Sieg

Mythenpflege im Nahen Osten Bush glaubt nur dann an Selbstbestimmung, wenn er der Selbstbestimmer ist

Mit Blick auf den Mittleren Osten "überarbeitet" so ziemlich jeder die Geschichte. Dennoch hat es wohl noch nie eine US-Administration gegeben, die so bewusst unredlich und rücksichtslos Tragödie zu Erfolg, Niederlage zu Sieg und Tod zu Leben umdeklariert hat, und ich muss hinzufügen, dass die amerikanische Presse hierbei Komplize ist. Dabei fühle ich mich weniger an Vietnam erinnert, vielmehr an jene französischen und britischen Kommandeure im Ersten Weltkrieg, die immer wieder die Lügenmär vom (möglichen) Militärsieg über den deutschen Kaiser verbreiteten, während sie Hunderttausende ihrer Männer durch das Schlachthaus an der Somme oder in Verdun trieben. Im Unterschied dazu treiben wir heute Hunderttausende Araber durch das Schlachthaus - es interessiert uns nicht einmal.

Ben Alis "Chiffon-Folter"

Vergangene Woche kam eine von Bushs blindesten Fledermäusen - seine Außenministerin Condoleezza Rice - zu Besuch nach Beirut. Rices Besuch war typisch für jene Grausamkeit, die derzeit in Washington herrscht. Sie sprach kühn von knospenden "Demokratien" im Mittleren Osten. Das Blutbad im Irak ignorierte sie auf ganzer Linie ebenso wie wachsende sektiererische Spannungen im Libanon, in Ägypten und Saudi-Arabien. Der Schlüssel zum Verständnis dieser Art von Gleichgültigkeit dürfte Rices Aussage vor dem Senats-Komitee für Internationale Beziehungen sein, als sie den Iran als "die größte strategische Herausforderung" verurteilte, der sich die USA in der Region gegenüber sähen. Der Iran stehe im Widerspruch "zu der Art von Mittlerer Osten, wie ihn die Vereinigten Staaten anstreben".

Bouthaina Shaaban ist einer der klügsten Köpfe der syrischen Regierung, die durchaus nicht nur mit klugen Köpfen gesegnet ist. Er sagt: "Was soll das für eine Art Mittlerer Osten sein, den die USA anstreben? Sollen die Staaten des Mittleren Ostens sich etwa an Vorstellungen anpassen, die jenseits des Ozeans entworfen werden?" Maureen Dowd, die beste und - ehrlich gesagt - auch einzig lesenswerte Kommentatorin der langweiligen New York Times schrieb im Februar, Bush "glaubt nur dann an Selbstbestimmung, wenn er der Selbstbestimmer ist ... Die ›Bushies‹ sind eher besessen davon, die Amerikaner auszuspionieren, als auszuloten, wie man in anderen Kulturen denkt und reagiert" - und besessen davon, sich mit Schurkenregimes einzulassen, hätte sie noch ergänzen können.

Nehmen wir das Beispiel Donald Rumsfeld, der mithalf, das "Shock-and-Awe"-Fiasko im Irak auszulösen. In der Trümmerlandschaft dort sitzen mehr als 100.000 Amerikaner fest. Derweil reist Rumsfeld fröhlich durch Nordafrika, um sich mit einigen der hässlichsten Diktatoren zu konsultieren, unter anderem mit Tunesiens Präsidenten Zine el-Abidine Ben Ali - der Mann mit dem größten Geheimdienst in der arabischen Welt. Seine Polizei hat die Methoden perfektioniert, wie man "Terrorverdächtigen" Informationen entlockt. Die Gefangenen werden nach unten gedrückt, dann stopft man ihnen in Bleichmittel getränkte Lappen in den Mund, bis sie fast ertrinken.

Diese Methode haben die Tunesier vom Nachbarn Algerien gelernt - wo man sich übrigens noch kruderer Methoden bedient. Viele der insgesamt 150.000 Opfer des inneren Krieges gegen die Islamisten gehen auf das Konto von Todesschwadronen der algerischen Regierung. Ich selbst habe einige dieser Algerier in London interviewt. Diese Leute sagten mir, in Algerien würden die Opfer nackt auf einer Leiter festgebunden. Sollte die "Chiffon-Folter" (Folter mit dem Lappen) versagen, stecke man dem Opfer ein Rohr in die Kehle und leite Wasser aus einem Hahn in den Schlund - bis der Gefangene sich aufblähe wie ein Ballon.

Blitze schleudernder Jehova

Ich erwähne das alles nur, weil Rumsfeld sich jetzt auch bei Algerien anbiedert. Im Februar, bei seinem Besuch in Algier, verkündete er: "Die Vereinigten Staaten und Algerien verbindet eine facettenreiche Beziehung. Diese besteht unter anderem in einer Kooperation von Militär zu Militär. Wir wissen die Kooperation, die uns auf dem Gebiet des Counter-Terrorismus zuteil wird, wirklich sehr zu schätzen."

Ich gehe davon aus, die "Chiffon-Technik" ist leicht zu erlernen, ebenso die Misshandlung von Gefangenen - siehe Abu Ghraib, um nur ein Beispiel zu nennen. Derzeit tut man übrigens so, als sei Abu Ghraib der Fehler von ein paar Journalisten und nicht der Fehler von ein paar amerikanischen Schurken. Denn jüngst griff Rumsfeld unsere Art der Berichterstattung über die Folter in Abu Ghraib mit den Worten an: "Überlegen Sie mal, wie enorm viele Zeilen und TV-Stunden sich mit der Gefangenenmisshandlung (!) in Abu Ghraib beschäftigen, und vergleichen Sie dies mit dem Umfang der Berichterstattung, sagen wir mal über die gefundenen Massengräber Saddam Husseins."

Entlarven wir diese freche Lüge: Schon 1983 hatten wir das üble Regime Saddams bloßgestellt - vor allem den Einsatz von Giftgas. Mir wurde damals ein Visum für den Irak verweigert, weil ich die üble Folterpraxis - ausgerechnet in Abu Ghraib - offengelegt hatte. Und was tat Rumsfeld zu dieser Zeit? Er besuchte Bagdad und katzbuckelte vor Saddam. Er erwähnte ihm gegenüber nicht die Mörder oder Massengräber - obwohl er davon wusste. Vielmehr bat er das Biest von Bagdad um Wiedereröffnung der US-Botschaft im Irak.

Mit den üblichen Höflingen im Schlepptau gibt es allerdings keine Probleme für Rumsfeld - man lese nur George Melloans kürzliches Interview mit dem Biest von Washington in einer Boeing 737: "Großzügig räumt er mir Zeit für einen Plausch ein, der sich um die Verteidigungsstrategie dreht. Helles Sonnenlicht strömt herein, beleuchtet sein Gesicht... Während ich ihm am Tisch gegenübersitze - hoch über den Wolken - frage ich mich, reicht die Macht dieses Blitze auf Gesetzesübertreter schleudernden modernen Jehovas aus für jene Aufgaben, die seiner noch harren?"

Tragödie und Mythenpflege Hand in Hand. Die monumentale Katastrophe im Irak - nur noch Routine, eine monumentale Katastrophe ohne Konturen, ein sich entwickelnder "Bürgerkrieg". Die Amerikaner haben den Boden bereitet für das Desaster, das heute gern als Krieg von Irakern gegen Iraker dargestellt wird. Man tut so, als habe Amerikas brutale Besatzung nichts mit der schrecklichen Gewalt zu tun, die sich derzeit im Irak entlädt. Man sagt ihnen, rauft euch zu einer nichtsektiererischen Regierung zusammen, aber sie lehnen ab.

1920 erhoben sich die Iraker gegen die Britenherrschaft im Land, und Winston Churchill bezeichnete den Irak damals als "undankbaren Vulkan". Lehnen wir uns also zurück, genießen wir die Aussicht: Demokratie für den Mittleren Osten, die Menschen werden mehr Freiheiten genießen. Geschichte zählt nicht, nur die Zukunft. Wie aber sieht die Zukunft der Menschen im Mittleren Osten wirklich aus? Noch düsterer, noch blutiger? Ich denke, alles wird davon abhängen, ob unser "moderner Jehova" seinen Job erledigen kann, während das grelle Sonnenlicht hereinströmt und sein Gesicht blendet.

Aus dem Englischen von Andrea Noll / siehe auch ZNet


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00:00 10.03.2006

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