Tod von Shireen Abu Akleh in Jenin: Aufarbeitung beginnt – dank ihres US-Passes

Meinung Nachdem die israelische Polizei mit Knüppeln auf die Trauernden der getöteten Journalistin eingeschlagen hatte, fordert auch Annalena Baerbock Aufklärung. Leider kommt diese nicht allen Journalisten zuteil, die in Israel getötet wurden
Am 13. Mai 2022 kommt es in Jerusalem zu Auseinandersetzungen zwischen israelischen Sicherheitskräften und palästinensischen Trauernden, die den Sarg der getöteten Al-Jazeera-Journalistin Shireen Abu Akleh zu ihrer Ruhestätte begleiten
Am 13. Mai 2022 kommt es in Jerusalem zu Auseinandersetzungen zwischen israelischen Sicherheitskräften und palästinensischen Trauernden, die den Sarg der getöteten Al-Jazeera-Journalistin Shireen Abu Akleh zu ihrer Ruhestätte begleiten

Foto: Ahmad Gharabli/AFP/Getty Images

Mit Knüppeln schlugen israelische Polizisten auf die Träger von Shireen Abu Aklehs Sarg in der Altstadt von Jerusalem ein, sodass dieser fast zu Boden geglitten wäre. Das Video von diesem brutalen Einsatz geht um die Welt, die nachgereichte Erklärung ist bezeichnend: Die israelischen Sicherheitskräfte hätten palästinensische Fahnen entfernen wollen, teilte die Polizeiführung mit. Und sie macht einmal mehr deutlich: Bereits das Zeigen von Symbolen palästinensischer Selbstbestimmung gilt Israel als krimineller Akt. Selbst Trauernden wird das nicht zugestanden – oder gerade ihnen nicht.

Nun hat sich auch Außenministerin Annalena Baerbock der Forderung nach einer Aufklärung des Todes von Abu Akleh angeschlossen. Das ist gut so, denn ohne internationalen Druck wird wohl nie geklärt werden, wer die 51-jährige palästinensisch-amerikanische Journalistin vergangene Woche in Jenin erschoss. Digitale Recherchen und Augenzeugenberichte legen den Schluss nahe, dass es ein israelischer Soldat war, der den tödlichen Schuss abgab. Doch die Weigerung der palästinensischen Sicherheitsbehörden, das Tatgeschoss israelischen Ermittlern im Rahmen einer gemeinsamen Untersuchung zu zeigen, lässt Raum für Zweifel.

Damit wird der Kampf um die Frage, wer den Tod der langjährigen Israel- und Palästina-Korrespondentin des katarischen Senders Al Jazeera zu verantworten hat, einer nicht allein um die Wahrheit, sondern – wie so oft in dem Konflikt – um das überzeugendere Narrativ. Und da verfügt die israelische „Hasbara“-Maschinerie, wie die israelische Regierung ihre Öffentlichkeitsarbeit gerne nennt, über die stärkeren Ressourcen: Collateral damage oder andere beschönigende Begriffe werden die Public-Diplomacy-Beschäftigten von Außenministerium und von den israelischen Verteidigungsstreitkräften schon finden, um den Kritikern in den westlichen Regierungen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Vor Baerbock hatte bereits US-Außenminister Antony Blinken eine „transparente Untersuchung“ des Todes gefordert.

Seit 2000 wurden 30 Journalisten getötet

So sehr Baerbocks und Blinkens beherzter Einsatz für die Pressefreiheit im besetzten Palästina zu begrüßen ist, dürfte er leider damit zusammenhängen, dass Abu Akleh neben der palästinensischen auch die US-Staatsangehörigkeit besaß. Journalistinnen und Journalisten, die ohne ausländischen Pass ihrer gefährlichen Arbeit in Hebron, Khan Yunis oder Jenin nachgehen, wird diese Aufmerksamkeit in der Regel nicht zuteil: 140 von ihnen sind laut Reporter ohne Grenzen seit 2018 durch israelische Sicherheitskräfte verletzt worden, seit 2000 wurden 30 Journalist*innen getötet, zuletzt Yaser Murtaja und Ahmed Abu Hussein im Frühjahr 2018 am Rande des Gazastreifens. Über einen deutschen, französischen oder US-amerikanischen Pass verfügten die beiden Reporter nicht.

Wenn der Druck, eine unabhängige internationale Untersuchung des Todes Shireen Abu Aklehs einzuleiten, bis zum Antrittsbesuch von US-Präsident Joe Biden in Jerusalem und Ramallah im Juni nicht nachließe, wäre das schon ein Erfolg. Denn im Schatten des Streits um die Deutungshoheit geht der israelisch-palästinensische Konflikt in voller Härte weiter: 19 Menschen sind seit März bei Terroranschlägen ums Leben gekommen, 27 Palästinenser wurden bei der Suche nach den Tätern von israelischen Sicherheitskräften getötet. 46 Opfer zu viel.

Markus Bickel ist Leiter des Israel-Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv

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