Tödlicher Metropolen-Traum

Loveparade 21 Menschen starben in Duisburg auf dem Techno-Fest. Der Druck aus dem Revier auf die Stadt, die Parade auszurichten, war enorm

Die Gier auf die Loveparade war im Ruhrgebiet riesig. Mochte das Techno-Event in Berlin auch längst als durchkommerzialisierte Massenveranstaltung abgehakt sein – zwischen Dortmund und Duisburg galt die Loveparade auch 2007 noch als grandiose Chance. Die Möglichkeit, das coole Berlin zu beerben, den Schatten der Provinzialität loszuwerden und das Städtekonglomerat möglichst zum Nulltarif als „Metropole“ zu präsentieren, faszinierte Lokalpolitiker und Wirtschaftsförderer. „Unbezahlbar“ seien die Bilder des Mega-Raves, schwärmte etwa der Chef der Wirtschaftsförderungsgesellschaft „metropoleruhr“, Hanns-Ludwig Brauser. Die Parade bringe „Bilder in die Welt von einem Ruhrgebiet, wie es von vielen noch nicht wahrgenommen wurde“.

Begeistert war auch die Presse: „Ein Fest der Superlative“ könne die Loveparade werden, jubelte etwa die im Ruhrgebiet dominierende WAZ, und zog Vergleiche mit den Fanmeilen der Fußballweltmeisterschaft 2006.

Und es gelang im Revier ein kleines Wunder: Die 15 Städte und Kreise der Region konnten sich auf eine gemeinsames Angebot an die Loveparade-Betreiber einigen. Die Marktmacht der Berliner Lopavent GmbH war zwar noch immer so groß, dass sie Städte wie München zu einer „Bewerbung“ auffordern konnte – doch ausgerechnet das zerstrittene Revier stoch die Bayern aus. Essen, Dortmund, Bochum, Duisburg und Gelsenkirchen sollten die Massenveranstaltung von 2007 bis 2011 ausrichten dürfen, entschied die Lopavent des Unternehmers Rainer Schaller, der die Loveparade zur Werbesendung für seine Billigfitness-Kette „McFit“ umfunktioniert hatte.

„Schlafender Riese erwacht“

In einer Region, die seit den preußischen Reformen in drei Regierungsbezirke geteilt und dazu noch auf zwei Landschaftsverbände verteilt ist, galt der Zuschlag als bemerkenswert. Schließlich streitet die Lokalpolitik seit je eifersüchtig um die Fördermittel von Bund, Land und Europäischer Union, mit denen der „Strukturwandel“ genannte Niedergang von Kohle und Stahl abgefedert, mit denen das Verschwinden hunderttausender Arbeitsplätze kompensiert werden soll. Als Folge der nicht vorhandenen revierinternen Koordination ist das Ruhrgebiet gepflastert mit in ihrer Masse unsinnigen Projekten, die sich gegenseitig Konkurrenz machen – und sich gerade deshalb marginalisieren. Neidisch blickten die Städte des Reviers etwa auf Essens Schauspiel mit seinem Aalto-Musiktheater und der Philharmonie. Prompt schuf sich Dortmund ein „Konzerthaus“ – hat aber bis heute Schwierigkeiten, den Bau adäquat zu bespielen.

Ob miteinander wetteifernde Shopping Malls, Universitäten, oder auch von oben dekretierte „Kulturquartiere“: Für eine Koordination der Potenziale reichte der Mut weder bei den Sozial- noch bei den Christdemokraten. In der Landeshauptstadt Düsseldorf herrscht die Angst vor einem ganz Nordrhein-Westfalen dominierenden Ruhrgebiet. Eine Verwaltungsreform, die einem gemeinsamen Regierungsbezirk Ruhrgebiet erstmals eine einheitliche politische Stimme verschafft hätte, bleibt auch unter der neuen rot-grünen Minderheitsregierung in der Schublade.

Was die Politik nicht schaffte, sollte die Eventkultur richten. Ausgerechnet bei der Loveparade gelang die Einigung. „Der schlafende Riese ist erwacht“, jubelte Essens damaliger CDU-Bürgermeister Wolfgang Reiniger nach dem ersten Rave im Revier 2007. Er meinte nicht nur seine knapp 580.000 Menschen zählende Stadt, sondern das ganze Ruhrgebiet.


Doch so schön wie in Berlin, wo die Straße des 17. Juni für die Raver freigeräumt wurde, wo einst im ersten Sonnenlicht vor Christos verhülltem Reichstag getanzt wurde, war der Techno-Trubel im Revier nie. 2007 in Essen gab es noch eine Parade am Rand der Innenstadt. In Dortmund 2008 kreisten die Wagen dann nur auf einem abgesperrten Teilstück der pistolenähnlichen Bundesstraße 1 vor den Westfalenhallen ­– Grund war die „Angst vor pinkelnden Horden und Müllmassen“, notierte die WAZ.

Bochums ehemaliger Polizeipräsident Thomas Wenner sorgte 2009 dann für den Eklat: Gegen alle Widerstände von „Politikern, die über eine Metropole Ruhr schwadronieren“, setzte er bei Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz eine Absage der Loveparade durch. Viel zu klein für eine Million Raver sei Bochum mit seinen nicht einmal 400.000 Einwohnern, fand der Polizeipräsident – und wurde prompt als Sicherheitsfanatiker und Spaßbremse diskreditiert. „Überleben ist wichtiger“, konterte Wenner in einem Offenen Brief. Bürgermeisterin Scholz konnte sich der Unterstützung ihrer Sozialdemokraten sicher sein, die sich um die Vordergärten der Bochumer sorgten. Doch erhöhte sich der Druck auf Duisburg massiv, die Loveparade nicht ausgerechnet im Kulturhauptstadtjahr, im dem sich das Revier unterm Titel „Ruhr 2010“ als kulturelle Metropole von europäischem Rang präsentieren will, platzen zu lassen. Eine Absage sei „nicht gut für das Image des des Ruhrgebiets“, fand etwa der Kultur-Staatssekretär der ehemals schwarz-gelben Regierung, der Christdemokrat Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff. Er drohte seinem Parteifreund, Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland: „Ich hoffe nicht, dass nun auch die Love Parade 2010 ausfällt – zumindest die muss jetzt stattfinden.“

Druck machte auch Kulturhauptstadt-Organisator Fritz Pleitgen: Der ehemalige WDR-Intendant hält „Ruhr 2010“ für ein „immens politisches Projekt“, will mit einem Etat von gerade einmal 60 Millionen Euro das Zusammenwachsen des Reviers von unten vorantreiben, und setzt für seine Kultur-Präsentationen auf Massenveranstaltungen wie die Sperrung der Ruhrgebietsautobahn A 40 Mitte Juli ­– oder eben die Loveparade.

Drei Milliarden Euro Schulden

Viele Faktoren trugen in Duisburg zum Desaster bei. Wohl um Geld zu sparen, wurde das zwischen der A59 und der ICE-Hochgeschwindigkeitstrasse eingezwängte Gelände des Alten Güterbahnhofs für die Mega-Party vorgesehen: Der Transport der erwarteten 1,4 Millionen Raver an alternative Locations, etwa an die offene, an den Berliner Tiergarten erinnernde Sechs-Seen-Platte rund um das Wedau-Stadion, hätte die Stadt Hunderttausende gekostet.

Doch Duisburg ist pleite. Die Stadt drücken über drei Milliarden Euro Schulden. Bürgermeister Sauerland konnte die Loveparade nur mit dem Versprechen durchsetzen, die Kosten des Raves für die Stadt auf Null zu senken. Am Samstag zwängten sich tausende Techno-Fans durch einen 120 Meter langen, nicht einmal 20 Meter breiten Tunnel, vor dem Polizisten, Feuerwehrleute und Bauordnungsamt noch am Freitag gewarnt hatten. Erst am Samstag um neun Uhr soll Sauerland persönlich seine Unterschrift unter die Genehmigung der Parade gesetzt haben – Hunderttausende waren da schon auf dem Weg nach Duisburg.

Acht Stunden später begann das Desaster. Bisher starben 21 Menschen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Sauerland steht vor dem Rücktritt ­– und das Ruhrgebiet vor dem Ende seines Metropolentraums.

Andreas Wyputta ist Journalist, im Ruhrgebiet geboren und lebt in Bochum

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10:10 29.07.2010

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