Toll

Linksbündig Ein Vorschlag zum Umgang mit Mautomatisierung

Die deutsche Lkw-Maut sollte sowas wie die Neuerfindung des Sex mit informatischen Mitteln werden, die schärfste Innovation seit dem tiefen Teller: das berührungslose Ablesen des wundervollen Verkehrsströmens, das Handel und Wandel sowie den fahrzeugverliebten Deutschen zutiefst belebt. Eine hyperzärtliche Leidenschaftlichkeit, die man nicht einmal mehr spürt - so fein gedacht war die Maut.

Jedoch haben Politiker, Ministerialbürokraten und Großunternehmensführer, wie immer bei TvO (Technologie von Oben), die Komplexität der Software unterschätzt, genauer gesagt die Komplexität der Wirklichkeit, ganz genau gesagt: die Merkwürdigkeit des Menschen. So war es bereits im Juli 2002 bei einem Test auf der A3 bei Idstein zu vier schweren Auffahrunfällen gekommen, da Autofahrer die Maut-Kontrollsensoren für eine Radarfalle gehalten und riskante Bremsmanöver eingeleitet hatten.

Das vorläufige Scheitern von Toll Collect Co. weist darauf hin, dass die vermeintlichen Oberwirklichkeitsgestalter das Projektziel des berührungslosen Agierens missdeutet haben; sie stehen mit der Wirklichkeit offenbar nur noch beschränkt in Kontakt. In einem Land mit vier Millionen Arbeitslosen eine Technologie mit einem Auftragsvolumen von 7,73 Milliarden Euro so zu entwickeln, dass sie gerade mal 830 Jobs bringt, macht deutlich, was man heute unter politischen Rahmenbedingungen verstehen darf.

In Ländern wie Frankreich, Spanien oder Irland ist die Straßenmaut an Kassenhäuschen zu entrichten, an dem System hängen europaweit mehrere hunderttausend Arbeitsplätze. Das deutsche Großmautunterfangen folgte jener modernen ökonomischen Leitströmung, die an eine friedliche Nutzung der Neutronenbombe erinnert: Arbeitsplätze verschwinden, Technologie bleibt übrig.

Allerdings geht es bei softwarebasierter Technologie nicht mehr wie bei analoger Technik darum, Komplexität zu reduzieren, sondern sie im Gegenteil erst zu ermöglichen. Das im Deutschen unbezähmbar angelegte Bedürfnis nach Gründlichkeit sieht sich dadurch einer Herausforderung gegenüber, die in den Wahnsinn führt; Kombinatorik nennen die Mathematiker den Weg dorthin. Software ist das, was die Zivilisation in eine Zuvielisation verwandelt.

Schon die schlichten technischen Lösungen wie die in Österreich zur Mautomatisierung verwendeten Mikrowellen-Sender, die innen an die Lkw-Windschutzscheibe geklebt werden, weisen gravierende Mängel auf. Durch metallisierte Scheiben hindurch - mit denen etwa zwei Prozent der Fahrzeuge ausgestattet sind - funktioniert der Sender zum Beispiel nicht.

Und auch die Nutzer bocken; ihre Psychologie zu ignorieren, ist ein weiteres klassisches TvO-Symptom. Im Lauf eines bemerkenswerten pädagogischen Prozesses - der digitalen Revolution - haben PC-Benutzer sich zu einer unfassbaren Duldsamkeit heranziehen lassen und bezahlen inzwischen brav für jedes Betriebssystem-Update, das sie mit lustigen neuen Sicherheitslücken und Fehlern versorgt. Die Bereitschaft des Lkw-Transportgewerbes als auch der Medien, sich in der selben Weise innovationsberauscht der virtuellen Schönheit von Toll Collect hinzugeben, haben die Verantwortlichen aber nicht ganz richtig eingeschätzt.

Nach dem Scheitern der Verhandlungen zwischen Verkehrsministerium und Betreiberkonsortium fordern Bürgerrechtsorganisationen nun den sofortigen Abbau der 300 bereits installierten Kontrollbrücken, um eine mögliche Umnutzung zur Überwachung des gesamten Fahrzeugverkehrs auszuschließen. Mir ist bei der Gelegenheit eine alte Geschichte aus einem Fix Foxi-Heftchen eingefallen, in der für Fußgänger ein Gehschein eingeführt wird; dem Lupo, einer Figur mit Charakterschwächen, wird er dann auch gleich entzogen.

In den Maut-Debatten im Internet fällt auf, dass neben der obligaten Boykotthaltung ("Meine Daten kriegst du nicht") nach langer Zeit auch wieder affirmative Strategien Erwähnung finden - "gezielte Überinformation", durch die simulierter Sand ins digitale Getriebe gestreut werden soll. Anlässlich der Volkszählung in den achtziger Jahren hatten manche zu Zählende in das vorgesehene Formular nur "siehe Anlage" eingetragen und nützliche Informationen wie etwa einen handschriftlichen (nicht maschinenlesbaren) Lebenslauf beigefügt.

Wie das mit Fahrzeugen funktionieren soll, deren Nummernschilder von automatischer Bilderkennung erfasst werden, ist zwar noch nicht im Detail klar, aber im großen Ganzen: Macht die Maschinen toll.


00:00 27.02.2004

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