Top allein reicht nicht

Lehrermangel Die Schulen brauchen keine Lückenfüller aus der Industrie, sondern engagierte Leute, die gerne mit jungen Menschen arbeiten und diese für ihr Fach begeistern können

Endlich mal eine gute Idee, wie man gleich mehrere Krisen auf einmal, wenn nicht lösen, so doch entschärfen könnte: In den Unternehmen muss dringend Personal abgebaut werden. Wohin mit den gut ausgebildeten Spitzenkräften? In die Schulen, denn da fehlen ja Lehrer, vor allem in den Naturwissenschaften! Sage niemand, sie wären nicht pädagogisch qualifiziert! Die Top-Leute haben schließlich gelernt, CO2-Schleudern als umweltfreundlich zu verkaufen und Anwohner von Atomkraftwerken in Sicherheit zu wiegen...

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Seiteneinsteiger? Gerne, aber dann richtig

Im Ernst: Es ist nichts dagegen zu sagen, dass mehr Seiteneinsteiger in die Schulen kommen, Menschen also, die Erfahrungen im Berufsleben außerhalb der Schulen gesammelt haben und die diese Erfahrungen glaubwürdig weitergeben können. Da gibt es mehrere Möglichkeiten: Sie kommen als Gäste, für ein paar Stunden, und berichten den Schülern über ihr Praxisfeld. Oder, noch besser: die Schüler gehen hinaus zu ihnen, in den Betrieb, ins Theater, wo auch immer sie Praxiserfahrungen sammeln können. Schüler diskutieren mit den „Top-Leuten“ aus den Betrieben, mit Betriebsräten und Umweltschützern. Toll. Gerne. Doch damit wird keine einzige Lehrerstunde eingespart, im Gegenteil – das braucht Lehrkräfte als engagierte Organisatoren. Das wäre ein sinnvolles pädagogisches Programm, aber nichts, um den Lehrermangel zu beheben.

Die andere Möglichkeit: Der Lehrerberuf wird noch mehr für Seiteneinsteiger geöffnet. Physiker, die von ihrer Sache begeistert sind, Geografen, die lieber mit Kindern im Wald herumlaufen als Straßen für Navi-Karten zu fotografieren: Gerne. Aber dann müssen sie den Beruf wechseln und sich für diese anspruchsvolle Tätigkeit qualifizieren. Es ist absurd, dass ausgerechnet die Bundesbildungsministerin nach Jahrzehnten der Diskussion um die Reform der Lehrerausbildung meint, das könnten irgendwelche Leute für zwei Stunden pro Woche erledigen. Die Hochschulen müssen Weiterbildungsmodule anbieten, und im Referendariat muss man sich auf solche berufserfahrenen Seiteneinsteiger einstellen.

Einfach nebenher geht nicht

Ja, wir brauchen dringend Lehrernachwuchs. Der Beruf des Lehrers muss aufgewertet werden, damit er für die besten jungen Leute attraktiv wird, wie es zum Beispiel in Finnland der Fall ist. Doch der Vorschlag, Menschen aus der Wirtschaft mal kurzfristig für die Schule abzustellen, wird genau das Gegenteil bewirken. Das sieht so aus, als ob Unterrichten etwas sei, was man mal eben nebenher machen könnte. Für engagierte Lehrkräfte muss es Entwicklungsmöglichkeiten geben – Weiterbildung, Karriere, mehr Gehalt, wie in der Wirtschaft auch. Gerade wird die Lehrerausbildung in vielen Bundesländern reformiert, weil man begriffen hat, dass es für diesen Beruf nicht reicht, ein guter Fachwissenschaftler zu sein. Lehrerarbeit ist anspruchsvoll und es ist Beziehungsarbeit – Lehrkräfte müssen gut mit Schülern umgehen können und es verstehen, sie für ihr Fach zu begeistern. Das kann man lernen, es setzt aber neben pädagogischem Handlungswissen auch Persönlichkeit voraus.

Also: Wir müssen die richtigen Leute für den Lehrerberuf gewinnen – und das sind nicht diejenigen, die in Unternehmen lieber mit Zahlen und Zeichnungen arbeiten als mit jungen Menschen. Sie durch eine auf den Beruf bezogene Ausbildung zum Erfolg führen und dann auch noch angemessen bezahlen – das ist der richtige Weg, um die Lehrerlücke nicht nur irgendwie zu füllen, sondern die Schulen insgesamt erfolgreicher zu machen.

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