Topographie ist Bundessache

Neuer Anlauf für das Dokumentationszentrum auf dem einstigen Gestapo-Gelände Bisher hat Berlin nur bewiesen, wie sehr es mit einem solchen Vorhaben überfordert ist

Nachdem das anspruchsvolle Projekt des Architekten Peter Zumthor auf dem Gelände des früheren Reichssicherheitshauptamtes in Berlin gescheitert ist, soll nun für das Dokumentationszentrum "Topographie der Terrors" ein weniger aufwändiges Gebäude errichtet werden. Doch wann es dazu kommt, ist offen. Zunächst einmal muss das Vorhaben neu ausgeschrieben werden. Wer dann auch immer den Zuschlag erhält, wird nach den Worten der Berliner Senatorin für Stadtentwicklung, Ingeborg Junge-Reyer (SPD), nicht mehr als 23 Millionen Euro verbauen können, nachdem der eingestellte Zumthor-Bau bereits 15 Millionen gekostet hat. Die "Topographie" leidet bis heute darunter, dass ihr eine Große Koalition der Ignoranz nicht den gleichen Rang zuerkennt wie dem Holocaust-Mahnmal und dem Jüdischen Museum.

Da es Stadthistoriker, Ministerialdirektoren und Politiker gibt, die es bis heute nicht begriffen haben, muss ihnen der besondere Charakter des Ortes an der einstigen Berliner Prinz-Albrecht-Straße offenbar noch einmal erklärt werden: Es handelt sich um die frühere Terrorzentrale des NS-Staates, in der die Überwachung, Verfolgung und Ermordung aller tatsächlichen und angeblichen Gegner des Regimes und der Massenmord an ganzen Volksgruppen geplant, befohlen und organisiert wurden. Daraus ergibt sich die spezifische Funktion der "Topographie" in der deutschen Gedenkstättenlandschaft und ihre zentrale Bedeutung für die Erinnerungsarbeit. Nicht Gedenken und Opfergeschichte, sondern Analyse und Dokumentation der Verbrechen, der Verbrecher und des sie tragenden Systems stehen im Mittelpunkt.

Die in Umlauf gesetzte Behauptung, Holocaust-Mahnmal, Jüdisches Museum und Haus der Wannsee-Konferenz machten eine weitere Einrichtung in der Hauptstadt im Grunde sachlich überflüssig, geht von der irrigen Annahme aus, das Vernichtungsprogramm der Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) habe sich auf die europäische Judenheit beschränkt. Sie beweist nur, wie dringend es ist, dieses im öffentlichen Bewusstsein inzwischen durchgesetzte Gedenkmonopol aufzuheben. Nicht weniger ahnungslos ist die im Kreis der Verantwortlichen ebenfalls gepflegte Vorstellung, die "Topographie" sei eine Gedenkstätte wie andere auch, also beispielsweise mit Sachsenhausen oder Ravensbrück vergleichbar.

Berlin hat in mehr als einem Jahrzehnt hinreichend bewiesen, dass es mit dem Projekt der "Topographie" politisch, finanziell und organisatorisch überfordert ist. Die forcierte Entscheidung für den Zumthor-Entwurf, ohne Rücksicht auf die Funktionalität des Gebäudes und die Interessen der künftigen Nutzer, zeigte deutlich, dass es den Verantwortlichen nie um die Sache, sondern stets nur um ein weiteres architektonisches Prestigeobjekt für die Stadt ging. Die Betreibung des Bauvorhabens ohne vorherige seriöse Kostenprüfung und ohne rechtzeitige Einholung von Fachgutachten zur bautechnischen Machbarkeit des Entwurfs durch die Berliner Bauverwaltung fügte zum falschen Ehrgeiz noch die fachliche Inkompetenz, ihn auch durchzusetzen.

Aus alledem folgt zwingend die Forderung, der "Topographie" als drittem Großprojekt endlich den gleichen Rang zuzuerkennen, wie dem Holocaust-Mahnmal und dem Jüdischen Museum. Das heißt: Übernahme durch den Bund und Bereitstellung ausreichender Bau- und Betriebsmittel wie in den beiden anderen Fällen. Wer die Realisierung eines Neubaus an die Bedingung knüpft, ein Ausgabenlimit einzuhalten, das von Fachleuten stets als unrealistisch eingeschätzt wurde, verrät nur einmal mehr sein Desinteresse an einer Fortführung des Projekts.

Ein Rückzug auf formale Einwände, wie der Hinweis auf den Bericht der Enquete-Kommission und die Entscheidung des Bundestages, die zentralen Gedenkstätten zu 50 Prozent durch den Bund zu fördern, trifft nicht den Kern der Sache. Es geht hier um eine politische, keine administrative oder juristische Frage. Ist eine Entscheidung als notwendig erkannt und politisch gewollt, finden sich erfahrungsgemäß auch Mittel und Wege, sie durchzusetzen. Auch Parlamentsbeschlüsse sind korrigierbar.

Die besondere Bedeutung der "Topographie" muss nicht durch ein weiteres spektakuläres Architekturdenkmal von zweifelhaftem Wert unterstrichen werden. Sie liegt im Inhalt der von ihr geleisteten Arbeit. Die angemessene Form dafür findet sich bei der Rückkehr zu der ursprünglich vorgesehenen Randbebauung, die streng funktional, das heißt, auf die Bedürfnisse der Nutzer zugeschnitten ist und gleichzeitig das Gelände selbst zum Sprechen bringt, statt es zu dominieren.

Damit nicht wieder über die Köpfe der Betroffenen hinweg, ohne sie zu fragen oder auch nur zu informieren, sachfremd entschieden wird, muss das Verfahren geändert werden. Der Stiftung "Topographie" muss - wie in vergleichbaren Fällen bereits erfolgreich praktiziert - die Rolle des Bauherrn oder - falls das zuständige Kultur-"Ministerium" dazu nicht bereit ist - zumindest eine gleichberechtigte Teilhabe an dieser Funktion vertraglich zugestanden werden. Sonst besteht die Gefahr, dass sich die Fehler von gestern wiederholen.

Der Autor ist Gründungsdirektor der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz; er war Mitglied der Jury des ersten und des zweiten Wettbewerbs und der Fachkommission des Berliner Senats für das einstige Gestapo-Gelände.

00:00 23.07.2004

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