Torschluss

Linksbündig Ist Fußball unser Leben?

Es war ein echtes Spitzenspiel: Der Bezirksligist 1. FC Lok Leipzig empfing den Landesligisten Erzgebirge Aue II und verlor mit 0:3. Nach der Begegnung kam es - offenbar ermutigt durch die jüngsten Krawalle in Italien - zu unerwartet schweren Ausschreitungen: Polizisten wurden verletzt, selbst deren Pferde wurden attackiert. Daraufhin musste ein "Zeichen" gesetzt werden, und etwa 60 Spielbegegnungen wurden abgesagt. Wieder einmal müssen sich nun die Fußball-Funktionäre fragen lassen: Geht man so mit Hooligans um? Geschehen immer nur Zeichen, nie Wunder?

Wodurch genau unterscheiden sich Hooligans von "echten" Fans? Eine erste bedrohliche Steigerungsform von Fan ist "englischer Fan". Er identifiziert sich derart stark mit seinem Verein, dass er zwischen sich und dem Team kaum mehr unterscheiden kann. Für englische Fans gilt: "Fußball ist unser Leben". Sie wollen nicht nur, dass ihr Team gewinnt, nein, sie wollen selbst Sieger sein. Von dort aus ist es nur ein kleiner, aber doch entscheidender Schritt zum Hooligan, dem "Schmittianer" unter den Fans: Dieser macht sich die berühmte Unterscheidung zwischen "Freund und Feind", von der man aus zivilisatorischer Sicht behaupten kann, sie solle auf dem Rasen spielerisch sublimiert werden, zum triebhaft exekutierten Lebensinhalt. Hooligans machen den historischen Fortschritt eines in Stellvertretung ausgetragenen Wettkampfes rückgängig, indem sie sich an roher Gewalt und brechenden Knochen berauschen. Dem regressiven Hooligan ist es am Ende egal, ob seine Mannschaft die gegnerische schlägt. Ihm geht es darum, buchstäblich selbst den Gegner zu schlagen.

Es mag schon vorgekommen sein, aber man kann sich nicht recht vorstellen, dass es nach Siegen dauerhaft erfolgreicher Mannschaften zu schwerer Randale, angezettelt von eigenen Anhängern, kommt. Bayern-Fans sind in der Regel ziemlich brav. Entweder ist beständiger Misserfolg für ein erhöhtes Aufkommen an Fan-Frust und -gewalt mitverantwortlich. Oder aber es zieht den gewaltbereiten Hooligan ganz besonders zu Verlierer-Vereinen hin.

Beides ist richtig. Das unerträgliche Warten darauf, endlich einmal selbst der Gewinner zu sein, führt zu einem Frust, der sich Luft verschaffen muss. Steffen Kubald, Präsident von Lok Leipzig und einst selbst ein Fußball-Schläger, sagte vergangene Woche: "Ich bin nicht daran schuld, wenn Fans Hartz IV bekommen." Demnach ist es also wie im echten Leben: Der angetrunkene Fußball-Hooligan schlägt auf gegnerische Fans oder die Polizei ein. Der betrunkene Hartz-IV-Hooligan schlägt Frau und Kinder. Nur damit hier kein Missverständnis aufkommt: Vieles spricht - entgegen Kubald - dafür, dass beide Tätergruppen nicht verwechselt werden dürfen. Und selbstredend gibt es ebenso viele nicht-gewaltbereite Fußball-Fans wie es nicht-gewaltbereite Arbeitslose gibt. Aber die pathologischen Extreme sind offenbar verwandt: Es geht hier schlicht darum, das Verlieren nicht länger ertragen zu können.

Auch in dieser Zeitung hieß es vor einiger Zeit: "Lok symbolisiert den Underdog. Lok ist DDR-Tradition, die von selbstherrlichen Präsidenten aus dem Westen ruiniert worden ist." Am vorvergangenen Wochenende hat es sich als traurige Wahrheit erwiesen: Derjenige, dessen Niederlage von vornherein feststeht - und insbesondere Hooligans sind, psychopathologisch gesehen, notorische Verlierertypen -, wird ganz besonders für bedrohte Verlierervereine schwärmen. Metaphorisch gesprochen: Der unentwegte Abstiegskampf ist ein Tummelplatz für jene, die ihren Frust, am Ende immer die Betrogenen zu sein, in Ersatzsiege umwandeln müssen.

Die beste Prävention gegen Randale lautet: Gewinnen! Daraus wären unmögliche, aber auch mögliche Konsequenzen zu ziehen: Selbstverständlich dürfen Hooligans nicht mehr ins Stadion. Das ist skandalös. Jeder kleine Ladendieb bekommt Hausverbot. Wer aber den Frust des Verlierens als solchen abschaffen will, muss Niederlagen unmöglich machen. Schon im Fußball-Stadion wäre das eine grausame Vorstellung, denn man hätte den gesamten Spielbetrieb einzustellen. Oder ein ewiges Unentschieden anzuordnen. Wer will das schon? Spiele abzusagen, ist ein lächerliches Symbol. Und mit Zwangsabstieg zu drohen, so wie der Fifa-Chef, ist geradezu kontraproduktiv. Man kann nicht einfach die Tore zumachen - weil das Verlieren, das man im wahren Leben ja auch nicht dauerhaft wird verhindern können, im Stadion etwas erträglicher wird.


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00:00 23.02.2007

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