„Tot sind wir erst, wenn man uns vergisst“

Graphic Novel Ein Jahr nach dem Terror in Hanau erzählen Ferhat Unvars Freund:innen und Familie seine Geschichte
„Tot sind wir erst, wenn man uns vergisst“

Zeichnungen: Ilki Kocer & Burcu Türker

19. Februar 2020 in Hanau. Neun Menschen werden ermordet, von einem Mann, der ihr Nachbar war, aber sie nicht sehen wollte, aus Hass. Ihre Namen waren Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili-Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Kaloyan Velkov und Ferhat Unvar. Ein Jahr später erzählen Ferhats Freund:innen und Familie seine Geschichte. Sie sagen: „Erinnern heißt verändern.“

Zeichnung: Ilki Kocer & Burcu Tüker

Hanau-Kesselstadt. Wenn man hier zusammen aufwächst, dann kennt man sich, das ist wie eine große Familie. Da ist keiner fremd. Es gab nie einen Grund, hier wegzuziehen. Es war Heimat. Du kannst einfach irgendwo auf irgendeiner Parkbank chillen, es kommt keiner und macht dich blöd an. Ganz im Gegenteil. Da kommen Leute, die du vom Sehen kennst, die setzen sich zu dir.

Ferhat hatte diese Mütze, die hatte er immer an, ­jeden Tag. Sein bester Freund wollte, dass er eine neue bekommt. Aber das war eben einfach seine Mütze.

Info

Diese Zitate stammen aus dem Radiofeature Der letzte Tag: Das rassistische Attentat von Hanau von Sebastian Friedrich, produziert von Deutschlandfunk Kultur mit WDR und NDR, ausgestrahlt am 16. Februar und online weiter zu hören u.a. in der ARD Audiothek. Ilki Kocer beschäftigt sich in ihren Comics mit kulturellen Überlappungen und dadurch entstehenden Missverhältnissen. Burcu Türker kombiniert – inspiriert vom echten Leben – Text und Bild zu Geschichten, die gegen Stereotype arbeiten. Zusam-men haben beide 2020 „kim kim illustration“ gegründet.

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Zeichnung: Ilki Kocer & Burcu Tüker

Er hatte gerade seine Ausbildung fertig gemacht, zum Heizungs­techniker. In ­seiner Firma wollte er nicht mehr ­bleiben, er überlegte, ob er studieren sollte oder zu einer anderen Firma wechseln.

Ferhat hatte dieses Talent, dass er in der Schule nur zuhören musste – und dann, flupp, die Klausuren mit Bravour ­bestand. Das Ding ist, ihm wurde früh die Motivation ­genommen. Von den Lehrern. Irgendwann war er zu stolz und hat sein Maul aufgemacht, da hatte er dann diese Auseinandersetzung, wo er vom ­Gymnasium geflogen ist.

Schon als Kind sprach er vier Sprachen. Er konnte Kurdisch, seine Muttersprache, dann Türkisch, Englisch und natürlich Deutsch.

Arjin, eine Freundin, sagte zu ihm: „Ferhat, du bist so ein intelligenter Junge, warum machst du nichts draus?“ Er sagte: „Was soll ich draus machen, es wird mich eh kein Lehrer ernst nehmen. Egal wie schlau ich bin, ich hab schwarze Haare, mich wird kein Lehrer ernst nehmen.“

Serpil Temiz Unvar, Ferhats Mutter, sagte zu ihm: „Ferhat, du musst mehr, mehr arbeiten als deutsche Kinder, du hast ja nicht die gleichen Chancen.“

Zeichnung: Ilki Kocer & Burcu Tüker

Auch die Kids in Kesselstadt haben Träume und Wünsche, sie strengen sich an und strampeln sich ab. Wer will schon nicht Pilot werden – oder Anwalt. Aber wenn ein Lehrer dann sagt, „Aus dir wird doch eh nichts“, wenn er einem Steine in den Weg legt, statt zu motivieren, dann macht einen das fertig.

Wenn man wo sitzt und chillt, und auf einmal kommen Polizisten, fordern die Ausweise und kontrollieren die Taschen: Das macht man einmal, zweimal und, warum nicht, auch dreimal. Aber wenn man das jeden zweiten oder dritten Tag erlebt, hat man irgendwann keine Lust mehr drauf. Das hat sich so ent­wickelt, dass manche Leute einfach wegrennen vor der Polizei, obwohl sie nichts falsch gemacht haben. Die haben nichts ­angestellt. Aber sie haben keine Lust auf die Kontrollen.

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06:00 19.02.2021

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