Tot war Jesus nie

Sachbuch Ist Christus am Kreuz gestorben? Die Spurensuche des Althistorikers Johannes Fried liest sich wie ein Krimi

Wahrscheinlich im Jahr 7, 6, 5 oder 4 vor Christus ist Jeschua geboren, der später Jesus Christus genannt wurde. Als aufgeklärte Zeitgenossen wissen wir, dass über diesen Jeschua wenig Verlässliches bekannt ist und der Aufstieg des Wanderpredigers zum Gottessohn sowie der Ursprung des Christentums auf einer Reihe von zeitgeschichtlichen Verwicklungen und Zufällen beruhen. Aber dass das Auferstehungsdogma auf einem Schwindel beruhen könnte, wer weiß das schon?

Jedenfalls steht mit der aktuellen Arbeit des Historikers Johannes Fried (übrigens der Sohn eines Pfarrers) ein weiteres Fragezeichen hinter diesem Kult, der dann recht bald zur römischen Staatsreligion avancierte. Religiosität war ab da mehr zweckmäßige Reichsideologie: Das Christentum als Reich Gottes auf Erden in Einheit mit dem Machtanspruch des Römischen Reichs über den ganzen Erdenrund.

Jesus konnte untertauchen

Schon in seinem 2019 erschienenen Kein Tod auf Golgatha säte Fried plausible Zweifel an Tod und Auferstehung dieses Jesus. Jetzt öffnete er die Akte noch einmal, geht auf Kritik ein und sammelt neue Indizien, und zwar mit der Akribie eines renommierten Althistorikers in der Rolle von Kommissar Maigret. Die Lösung des Falles leitet er per Indizienkette vor allem aus den kanonisierten Schriften des Neuen Testaments ab und nimmt nur wenige nicht kanonisierte frühchristliche Quellen hinzu. An solchen mangelt es bekanntlich nicht; Dutzende sind im Laufe der Jahrhunderte wieder aufgetaucht, mit Erzählungen über Jesus und seine Lehre, die von den kanonisierten teils erheblich abweichen. Evangelien, also frohe Botschaften, scheinen zu jener Zeit eine Art literarisches Modegenre gewesen zu sein, vergleichbar mit dem Krimi von heute.

Das Ermittlungsergebnis in aller Kürze: Jesus ist zwar gekreuzigt worden, aber nicht am Kreuz gestorben, vielmehr war er nur scheintot. Er hat infolge der Geißelung einen Pleuraerguss an einem Lungenflügel erlitten und ist in ein Koma gefallen. Dass er nicht gestorben ist, verdankte er zuallererst dem Söldner, der ihm mit der Lanze die Seite öffnete, worauf Blut und Wasser herausquollen, die den tödlichen Kollaps der Lunge verhinderten. Der Mediziner kennt das als Punktierung der – nach einem Unfall etwa – mit Wasser gefüllten Pleurahöhle. So konnte der Mann wieder flach atmen. So flach, dass es niemand bemerkte. Lebensrettend war auch, dass wohlgesonnene Freunde den vermeintlich Toten bereits nach sechs Stunden vom Kreuz nehmen und in ein Grab bringen durften, weil das Pessachfest anstand: Joseph von Arimathia und ein Mann namens Nikodemus versorgten den Verletzten mit Myrrhe und Aloe, wickelten ihn nach der Kultpraxis der Juden in Tücher. Dabei klärte der Irrtum sich auf. Die Wunden wurden versorgt und Jesus konnte untertauchen.

Die Begegnungen der Apostel mit Jesus nach der vermeintlichen Auferstehung fanden nach Fried mit dem leibhaftigen Wanderprediger statt: Es waren Abschiedsvorstellungen für seine Anhänger, denn er musste ins Exil, bevor ihn die Römer wieder schnappten. Fried recherchiert auch über das Fortleben Jesu; von einer Gemeinde in Ägypten weiß er, die zu Jesu Lehren passt, auch im heutigen Syrien sind „Nazoräer“ zur fraglichen Zeit nachweisbar. Sein restliches Leben bleibt im Reich der Spekulation. Angesichts des nachweislich leeren Grabes entstand aber die Legende von der Auferstehung. Was den Zeitgenossen plausibel erschien, da es ja nachweislich keine Leiche gab und die Legende sehr gut zu den alten Prophezeiungen passte. Diejenigen Anhänger aber, die vom Fortleben Jesu wussten, konnten das nicht öffentlich kundtun, um sein Untertauchen nicht zu gefährden.

Das Erstaunliche an Frieds Spurensuche, abgesehen vom Ergebnis: Die Auferstehungslegende lässt sich sozusagen systemimmanent zerpflücken. Also auch dann, wenn man prinzipiell an die christliche Überlieferung glaubt und die kanonisierten Schriften des neuen Testaments historisch ernst nimmt, was man ja angesichts der nebulösen Entstehungsgeschichte nun wirklich nicht müsste. In der Tat also ist Jesus im Grab „aufgewacht“ oder „aufgestanden“, wie es in den ältesten hebräischen Berichten heißt, die auch Paulus zunächst noch zitiert, der bei Fried ab hier zum Hauptakteur des frühen Christentums wird, wie wir es kennen. Und hier sieht Fried einen Konflikt mit der herkömmlichen Jesus-Überlieferung. Nicht nur, weil diese eigentlich eine Paulus-Überlieferung ist – das ist nicht neu –, sondern weil sie, so Fried, mit der Lesart der ursprünglichen Jünger nicht übereingestimmt haben dürfte. Die schwerwiegenden Folgen für Kernstücke der späteren Dogmatik sind bekannt, etwa die „Sohn-Gottes“-Debatte und die daraus entstandene Lehre von der Dreieinigkeit. Paulus hat bekanntlich Jesus nicht persönlich erlebt und wahrscheinlich zur fraglichen Zeit auch niemanden aus dem engeren Umkreis gekannt. Seine Beziehung zu Jesus beruhte nach eigener Aussage auf einer Erscheinung des Auferstandenen. Fried nennt das nonchalant ein „psychisches Widerfahrnis“ und kommentiert lakonisch: „Derartige den Verstand übersteigende Erfahrung begegnet in psychologischen Untersuchungen unserer Gegenwart noch immer.“

Paulus fiel jedenfalls auf die Legende herein, übersetzte fortan „aufgewacht“ oder „aufgestanden“ sehr frei mit „auferstanden“ und verkündete die wundersame Auferstehung des Gottessohnes von den Toten. Seine Interpretation setzte sich im Gefolge durch, andere Darstellungen wurden zur „Ketzerei“. Wahrscheinlich im Jahre 30 oder 31 ist Jesus, wohl im Alter zwischen 34 und 37 Jahren, gekreuzigt worden. Das Datum seines Ablebens liegt nach Frieds historischer Spurensuche eher nicht im Jahre 30 oder 31.

Jesus oder Paulus. Der Ursprung des Christentums im Konflikt. Eine historische Spurensuche Johannes Fried C. H. Beck 2021, 200 S., 22 €

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