Total verschuldet?

Ökonomie Die DDR war Ende 1989 nicht bankrott, wie das der „Schürer-Bericht“ seinerzeit suggerierte
Jörg Roesler | Ausgabe 38/2019 21

Wie hoch die DDR gegenüber dem westlichen Ausland verschuldet war, davon hatte die DDR-Bevölkerung in den 1980er Jahren keine Ahnung. Selbst Finanzwissenschaftlern fehlten seriöse Informationen. Man wusste lediglich um den Milliardenkredit, den Franz-Josef Strauß 1983 auf Wunsch Erich Honeckers für die DDR organisiert hatte. Westliche Gläubiger hielten sich an die Gewissheit, Ostberlin werde Kredite zurückzahlen, denn die DDR sei wirtschaftlich intakt.

Im Herbst 1989 geriet diese Ansicht plötzlich ins Wanken. Der Osten sei finanziell bankrott, seine Ökonomie stehe vor dem Kollaps, hieß es in bundesdeutschen Medien. Man berief sich auf ein angebliches Geheimpapier der SED-Führung, das diese Einschätzung zu bestätigen schien – das sogenannte Schürer-Papier. Eine Expertengruppe unter Gerhard Schürer, den Chef der Staatlichen Plankommission, hatte für das Politbüro die interne Vorlage „Analyse der ökonomischen Lage der DDR mit Schlussfolgerungen“ erarbeitet. Darin wurden die Verbindlichkeiten gegenüber westlichen Gläubigern auf 49 Milliarden Valuta-Mark (VM) beziffert. Die Verschuldung im nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet (NSW) sei seit dem VIII. Parteitag (1971) „auf eine Höhe gestiegen, die die Zahlungsfähigkeit der DDR in Frage stellt“.

Das zunächst als „Geheime Verschlusssache“ klassifizierte Dokument blieb in den Turbulenzen, die mit der Ablösung Erich Honeckers verbunden waren, nicht lange geheim. Es wurde immer wieder gern als Beweis für eine finanzwirtschaftlich bedrohliche Situation und die „ökonomische Pleite des SED-Staates“ zitiert. Der SED konnte die Schuld dafür in die Schuhe geschoben werden, dass die DDR-Wirtschaft, als sie mit der Währungsunion ab Juli 1990 freiem Wettbewerb ausgesetzt war, einen Verfall sondergleichen erlebte. Innerhalb eines Jahres ging die Industrieproduktion um 52 Prozent, die aller Wirtschaftssektoren zusammen um 42 Prozent zurück. Darstellungen des „Kollaps der DDR-Wirtschaft“ erhielten ab 1990 ihren Platz in einschlägigen zeitgeschichtlichen Publikationen und wurden an Universitäten verbreitet. Doch blieb zu fragen, ob das Hauptargument für die „marode Ökonomie im Osten“ überzeugen konnte. Wie hoch waren die DDR-Schulden wirklich, gemessen auch am damaligen Verschuldungsstand der Bundesrepublik? Inwieweit hatte sich die Schuldenlast auf die Wachstumsraten in den 1980er Jahren ausgewirkt?

KoKo wurde ausgeblendet

Bis heute werden die Ergebnisse einer 1999 vorgenommenen Überprüfung der Schuldensumme durch Finanzexperten der Bundesbank kaum beachtet. Sie monierten die im „Schürer-Papier“ genannt Summe als zu hoch, da die formaljuristisch nicht zum DDR-Staatshaushalt gehörenden Valuta-Guthaben der von Alexander Schalck-Golodkowski geleiteten „Kommerziellen Koordinierung“ – vermutlich um Honecker sozialpolitisch zum Umdenken zu bewegen – nicht berücksichtigt waren. Hätte man diese Mittel gegengerechnet, wäre Ende 1989 eine Schuldensumme von 19,9 statt 49,6 Milliarden Valuta-Mark ausgewiesen worden. Auf jeden DDR-Bürger bezogen, hätte das eine Verschuldung von 13.540 DM ergeben, während sie in der BRD zur gleichen Zeit bei 15.000 DM pro Kopf lag. Auch war die DDR-Schuldenquote nicht – wie bei einer „kollabierenden“ Wirtschaft zu erwarten – ungebremst gestiegen. Nach dem Bundesbankbericht erreichte die Nettoverschuldung gegenüber westlichen Ländern 1982 beträchtliche 25,1 Milliarden Valuta-Markt, verringerte sich aber dank entschiedener Gegenmaßnahmen bei der Exportpolitik Ende 1985 auf 15,5 Milliarden.

Dies gelang u.a. dank erfolgreicher Bemühungen, das aus der Sowjetunion importierte Erdöl „tiefer zu spalten“ und die gewonnenen Produkte westwärts zu exportieren. Dann allerdings erhöhten sich die Valutaschulden der DDR erneut, weil die Weltmarktpreise für Erdöl ab 1985 deutlich zurückgingen und so die mit dessen Tiefspaltung realisierbaren Gewinne. Dennoch, so dramatisch wie später behauptet war die DDR 1989 keineswegs verschuldet.

Kein Wunder, dass Bundesfinanzminister Waigel im Mai 1990 darauf hinwies, dass die DDR „eine vergleichsweise geringe Auslandsverschuldung“ aufweise. International übliche Zahlen, bezogen auf den Schuldenstand in Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), bestätigten das. Anfang 1990 lagen die Verbindlichkeiten der DDR bei 37,6 Prozent des BIP und waren in etwa so hoch wie die Großbritanniens mit 31 oder der Schweiz mit 35 Prozent. Sehen lassen konnte sich auch die als Ausweis für die Wirtschaftskraft eines Landes genutzte Kennziffer des Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukts. Immerhin hatte es im Osten nach 1945 keinen Marshallplan, dafür sehr viel umfangreichere Reparationsleistungen als im Westen gegeben. Nach dem 1950 für die DDR sehr niedrigen Ausgangswert beim BIP je Einwohner von 39 Prozent des Westniveaus (berechnet nach Angaben zweier Kölner Wirtschaftsforschungsinstitute), kam man 1975 auf 50 Prozent des Wertes im Westen. Dazu hatte neben der mit dem Neuen Ökonomischen System betriebenen Modernisierung und westlichem Technologieimport auch der sich auf zwei Drittel des DDR-Außenhandels belaufende Warenverkehr mit den Ländern des Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe beigetragen. Ab Mitte der 80er Jahre war die SED-Aufholpolitik nur noch wenig erfolgreich. 1989 lag der Vergleichswert des Pro-Kopf-BIP gegenüber der BRD bei 55 Prozent.

Auch wenn heute die DDR-Wirtschaft nüchterner gesehen wird, verbietet es sich, den Ernst der Lage 1989/90 zu bestreiten. Weltwirtschaftlich gesehen wurden die 1980er Jahre für die rohstoffarme DDR zum Verhängnis. Siegfried Wenzel, bis 1989 Vizechef der Staatlichen Plankommission, schrieb in einer 1999 veröffentlichten Studie: „Ohne eine Veränderung der Politik wäre die Zahlungsunfähigkeit der DDR in absehbarer Zeit unausweichlich gewesen. 1989 stand sie jedoch nicht unmittelbar bevor. Ob dies in zwei, drei oder vier Jahren der Fall gewesen wäre, ist heute nur noch eine hypothetische Überlegung.“

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Jörg Roesler ist Wirtschaftshistoriker

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