Tote Ernte

Terminator-Technologie Im brasilianischen Curitiba noch einmal kalt gestellt - doch die Saatgutkonzerne wollen den gesamten Weltmarkt erobern

Wenn der deutsche Umweltbundesminister Siegmar Gabriel 2008 die Vertragsstaaten der UN-Konvention über die biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity - CBD) in Bonn begrüßt, wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Thema wieder auf der Agenda stehen, die so genannte Terminator-Technologie. Beim diesjährigen Treffen der CBD vor wenigen Wochen im brasilianischen Curitiba wurde sie zwar einmal mehr kalt gestellt; doch die Begehrlichkeiten an dieser Art von gentechnischer Veränderung, die in Curitiba in erster Linie von den Regierungen Kanadas, Australiens und Neuseelands vertreten wurden, sind groß.

Terminator-Pflanzen bringen eine tote Ernte hervor. Das ausgebrachte Saatgut keimt, wächst und blüht zwar in altbekannter Weise. Auch wird der weibliche Teil der Blüten vom Pollen bestäubt und der Samen wächst zur Frucht aus. Doch in dieser Phase der Entwicklung setzt ein genetischer Mechanismus ein, der dazu führt, dass der Samen selber nicht mehr keimfähig ist. Für die Landwirte würde dies bedeuten, Jahr für Jahr neues Saatgut einkaufen zu müssen, den Global Playern unter den Saatgutproduzenten dagegen entstünde dadurch ein weltweiter Markt mit völlig abhängigen Nachfragern.

Dabei widerspricht die Terminator-Technologie nicht nur Gerechtigkeitsgrundsätzen, sondern auch allen Prinzipien nachhaltigen Wirtschaftens. Seit Menschengedenken zweigen die Landwirte einen Teil ihrer Ernte ab, um es im folgenden Jahr als Saatgut einzusetzen. So lange das, was die Erde hervorbringt, ihnen gehörte, war das kein Problem. Doch seitdem die großen Saatguthersteller wie Monsanto, Syngenta, Bayer, Delta Pine Land ihre Produkte patentieren lassen, gibt es Auseinandersetzungen darüber, ob von den Bauern für das aus der Ernte gewonnene Saatgut Lizenzgebühren zu bezahlen sind. Deshalb sinnt die Saatgutindustrie nach Möglichkeiten, den traditionellen Nachbau von Züchtern und Landwirten einzuschränken.

Um die kommerzielle Verwendung von Terminator-Saat wird, obwohl ihr Einsatz nach wie vor reine Zukunftsmusik ist, schon seit geraumer Zeit heftig gestritten. Immer wenn es Anzeichen dafür gibt, dass eine Regierung, eine Firma oder ein anderer Akteur die Entwicklung der Technologie voran treiben will, regt sich auf der ganzen Welt lauter Protest. So auch im vergangenen Winter, als der Jahresbericht 2005 des US-Gentechnikkonzerns Monsanto bekannt wurde. Darin veränderte der Konzern die Sprachregelung der bislang gültigen Erklärung, insgesamt auf die Terminator-Technologie verzichten zu wollen, und unterschied plötzlich zwischen Nahrungs- und Nicht-Nahrungspflanzen, was in der 1999 veröffentlichten Erklärung noch keine Rolle spielte. Erst auf internationalen Protest hin hat der Konzern dies wieder zurück genommen, allerdings mit der Einschränkung, dass er sich daran nicht gebunden fühle.

Dass die Saatgutriesen versuchen, die rechtlichen Rahmenbedingungen in ihrem Sinne zu wenden und die traditionellen Rechte der bäuerlichen Produzenten einzuschränken, haben sie in der Vergangenheit immer wieder unter Beweis gestellt. Zuletzt und überraschend offen forderte beispielsweise die Dachorganisation der europäischen Saatgutzüchter im Herbst des vergangenen Jahres, den Nachbau des Saatgutes komplett zu verbieten. Ein Sprecher des US-Landwirtschaftsministeriums, das an der Entwicklung der Terminator-Technologie beteiligt war und ist, formuliert dies so: Man wolle den "Wert patentierten Saatguts von US-Konzernen steigern und neue Märkte in Ländern der Zweiten und Dritten Welt erobern".

Derzeit wird die Terminator-Technologie als Auskreuzungsschutz angepriesen. Mit ihr soll verhindert werden, dass gentechnisch veränderte Sorten die konventionelle oder ökologische Landwirtschaft kontaminieren oder Abschnitte gentechnischer Veränderungen auf verwandte wild lebende Arten überspringen, was nicht vorhersehbare Konsequenzen für die biologische Vielfalt haben kann. Doch die Schutzfunktion von Terminator-Pflanzen beim Einsatz von gentechnisch veränderten Pflanzen ist Augenwischerei. Steril sind nämlich nur die Samen, die Pollen dagegen sind nach aktuellem Kenntnisstand in der Lage, andere Pflanzen zu befruchten. Kommt es also zum Beispiel zur Befruchtung von Pflanzen eines Nachbarfeldes, wären die dann entstehenden Samen steril und der Einsatz als Saatgut nicht mehr oder nur eingeschränkt möglich.

Mit dem Fokus auf die biologische Vielfalt führte sich die CBD den Interessen von indigenen Gemeinschaften besonders verpflichtet. Deren traditionelles Wissen um die biologische Vielfalt ist für ihr alltägliches Auskommen von besonderer Bedeutung. Es leistet aber auch einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung. Die Vertragsstaaten der UN-Konvention hatten bereits im Jahre 2000 ein Moratorium für die Terminator-Pflanzen beschlossen. Die Technologie gefährdet die biologische Vielfalt, das Wissen darüber sowie die traditionellen - in den Ländern des Südens noch heute vielfach praktizierten - Saatgut-Tauschpraktiken und damit die Nahrungssouveränität.

Der Autor ist Mitarbeiter des Gen-ethischen Netzwerks in Berlin.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 30.06.2006

Ausgabe 30/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare