Totentanz in Tabasco

Mexiko Morde, Folter, Bandenkriege, Schutzgelderpressung – unser Autor kehrt in ein Land zurück, das im Unheil versinkt

Als ich Mexiko 1988 nach einer längeren Gastprofessur an der Nationalen Autonomen Universität (UNAM) verließ, ging eine Welle der Hoffnung auf Veränderung durchs Land. Nach 60 Jahren Herrschaft des Partido Revolucionario Institucional (PRI) sagten die Umfragen einen klaren Sieg von Cuauhtémoc Cárdenas voraus, dem Kandidaten des Partido de la Revolución Democrática (PRD), hervorgegangen aus einer Abspaltung vom PRI. Dieser Cuauhtémoc Cárdenas war der Sohn von Lázaro Cárdenas, dem einzigen Präsidenten Mexikos, der zwischen 1934 und 1940 wenigstens ansatzweise das Programm der 1910 ausgebrochenen und bis in die 1920er Jahre hineinreichenden mexikanischen Revolution umgesetzt hatte, indem er eine Agrarreform vorantrieb und Bodenschätze verstaatlichte. Die 1988 mit Cuauhtémoc Cárdenas ausgelöste Hoffnung wurde durch einen massiven Wahlbetrug zu Grabe getragen, einen der spektakulärsten in der langen Geschichte solcher Betrügereien.

Nach meiner Rückkehr nach Europa erreichten mich aus Mexiko im Laufe der Jahre immer häufiger Horrormeldungen über Kriege zwischen Drogenkartellen, das Abschlachten Tausender von Frauen in Ciudad Juárez (dazu las ich kürzlich eine makabre Beschwichtigung: Der Anteil der ermordeten Frauen an der Gesamtzahl von Morden sei in Ciudad Juárez nicht höher als im Rest des Landes. Es sei daher nicht gerechtfertigt, von „Femizid“ zu sprechen, das Besondere sei lediglich die exemplarische Bestialität der Morde: Die Frauen werden nach der Vergewaltigung und vor ihrer Ermordung gewöhnlich noch auf unbeschreibliche Weise gefoltert). Hinzu kamen Nachrichten über Dutzende von Gouverneuren, die mit den Drogenkartellen unter einer Decke steckten.

Narkokannibalismus

Die wiederholten Einladungen einer mexikanischen Freundin, sie zu besuchen, lösten bei mir zwar Neugier, aber gleich darauf Gänsehaut aus. Bei einem Video-Telefonat per Skype sah ich sie dann – vor meinem Fenster ein hässlicher Winter – in einem tropischen Garten sitzen. In einer Anwandlung von Nostalgie und Abenteuerlust sagte ich schließlich zu und besorgte mir kurzerhand ein Flugticket. Bis zu meiner Reise im Februar beruhigte ich mich damit, dass die Exzesse der Drogenmafia eher im Norden des Landes stattfinden würden und dass ich vom Bundesstaat Tabasco, wo die Freundin lebt, bisher eigentlich nur in Verbindung mit tropischen Früchten sowie Kaffee- und Kakaoplantagen gehört hatte.

Dann stieß ich bei einigen Recherchen auf einen Bericht der Zeitung Sol del Sureste über einen fünffachen Mord auf dem Gelände eines Automobilhändlers, begangen am 22. Mai 2017 in genau dem Stadtviertel von Villahermosa, in dem meine Freundin wohnt. Zwei der fünf Leichen waren geköpft worden. Unter der Überschrift „Narkokannibalismus“ war zu lesen, das Verbrechen werde dem von jungen Männern dominierten Drogenkartell Cartel Jalisco Nueva Generación (CJNG) zugeschrieben. Dieses verlange als neues Initiationsritual von frisch rekrutierten Kandidaten, Mitglieder gegnerischer Kartelle „hinzurichten“ und dann deren Fleisch zu verspeisen. Ich trat meine Reise trotzdem an.

Meine Freundin empfing mich gleich am Flughafen mit einer Liste von Sicherheitsregeln: Auto beim Fahren immer verriegeln, nicht die Fenster herunterlassen, besondere Vorsicht vor roten Ampeln, bei denen im Dunkeln nicht gehalten werden muss, möglichst nie allein auf der Straße gehen, die Jalousien des vergitterten Hauses immer geschlossen halten und so weiter. Sie stellte mir dann einen Untermieter vor, der für eine symbolische Miete bei ihr wohnte, damit ein Mann im Hause war. Sie hatte sich dafür entschieden, nachdem Nachbarn sie telefonisch gewarnt hatten, dass von ihr Schutzgeld erpresst werden könnte. Kurz gesagt: Die Frau lebt in permanenter Angst, und das in einem eher ruhigen Viertel. Schnell stellte ich fest, dass meine Freundin – sie hat einst in Madrid promoviert – politisch nicht nur bestens informiert, sondern auch engagiert war. Eine meiner ersten Fragen lautete daher, was aus der „Hoffnungspartei“ von 1988, dem PRD, geworden sei. Antwort: Nach dem Rückzug von Cuauhtémoc Cárdenas sei beim PRD vom Willen zum Wandel wenig übrig geblieben. Das nach wie vor vom Partido Revolucionario Institucional dominierte politische System habe die Partei absorbiert. Sie paktiere zwischenzeitlich in einigen Gegenden Mexikos – auch für die bevorstehende Präsidentenwahl – mit der Rechtspartei Partido Acción Nacional (PAN). Ich erfuhr zugleich, dass aus einer Abspaltung vom PRI eine neue Partei entstanden war, die sich Movimiento Regeneración Nacional (MORENA) nennt und mit Andrés Manuel López Obrador als Präsidentschaftsbewerber antreten wird, unterstützt vom Partido del Trabajo (PT). Derzeit liegt López Obrador in allen Umfragen vorn, was in diesem Land freilich nicht viel bedeutet. Er tritt bereits zum dritten Mal an, nach zwei verlorenen Wahlen, denen stets massenhafte Proteste wegen Wahlmanipulation folgten.

Die Motive für das Engagement meiner Freundin für diesen Kandidaten konnte ich während meines Aufenthalts nicht so recht ergründen. Neben politischen Präferenzen spielte auch der Faktor Lokalpatriotismus eine Rolle, denn López Obrador kommt aus Tabasco. Ich spürte Zeichen der Resignation, die sich in der Aussage meiner Freundin verdichteten, dass auch eine Partei wie MORENA keine wirklichen Veränderungen bringen werde, solange das „System“ und seine „Strukturen“ die gleichen blieben.

Unerwartet kam ich mit einem weiteren Problem Mexikos in Berührung, der Flut von indocumentados aus Guatemala, Honduras, El Salvador und anderen Staaten. Es handelt sich um junge Männer, die mit allen Mitteln versuchen, die USA zu erreichen, und dazu Mexiko als Transitland durchqueren. Die Zahl derer, die auf diesem Weg ums Leben kommen oder verschwinden, ist hoch. Die einen verhungern oder verdursten, andere werden ausgeraubt und ermordet, wieder andere entführt und von Drogenkartellen versklavt. Nahe bei Villahermosa fährt zweimal täglich ein Güterzug mit Hunderten von Migranten vorbei, die sich über, unter oder zwischen den Waggons festklammern. Einigen gelingt es, in die Waggons einzudringen. Viele sind irgendwann derart erschöpft, dass sie während der Fahrt in den Tod stürzen. Der Zug trägt den Namen „La Bestia“ – die Bestie. Die Haltung der mexikanischen Regierung zu den indocumentados ist wie so vieles in diesem Land ambivalent. Bisweilen werden sie festgenommen und abgeschoben, in den meisten Fällen jedoch schauen die Behörden einfach weg.

Ein gescheiterter Staat

Meine Freundin sprach von Hinweisen, wonach Präsident Peña Nieto Donald Trump einen „Deal“ in der Grenzfrage angeboten habe: Um eine Mauer zwischen den USA und Mexiko zu verhindern, werde sein Land die Kontrollen an der Südgrenze verstärken. Tatsächlich bin ich auf der Nationalstraße von Villahermosa nach Palenque im Staat Chiapas auf eine riesige Kontrollstation getroffen und bekam zu hören: Hier sollten die in Lastwagen versteckten Migranten abgefangen werden.

Der Staat Tabasco ist eines der Zentren der Erdölförderung und -verarbeitung, betrieben vom Staatskonzern PEMEX, der einst unter dem Präsidenten Lázaro Cárdenas gegründet wurde. Obwohl seither in der Verfassung eine staatliche Kontrolle bei der Ausbeutung von Bodenschätzen festgeschrieben ist, gibt es seit längerem eine schleichende Privatisierung, die López Obrador zurückdrehen will. Doch hat PEMEX der Region Tabasco auch als Staatsunternehmen keinen Wohlstand gebracht. Diese Firma funktioniert weitgehend nach den Regeln der Mafia, die Belegschaft bildet eine Art von Kaste, die in einer auf Privilegien gegründeten Welt lebt – mit eigener Gewerkschaft, eigenem Gesundheitswesen, Einkaufszentren und Wohnsiedlungen. Kurz gesagt: Was Villahermosa von der Ölindustrie zu spüren bekommt, sind hauptsächlich höhere Lebenshaltungskosten.

Ansonsten verdient sich die Bevölkerung ihren spärlichen Lebensunterhalt mit einer Unzahl von „Mikroökonomien“. Alle hundert Meter findet sich ein Stand, an dem tacos, enchiladas oder quesadillas zubereitet und verkauft werden. Bei jedem Einparken gibt es jemanden, der einweist und ein Trinkgeld kassiert, in jedem Supermarkt an den Kassen eine Brigade von „Tütenpackern“. Im Umfeld meiner Gastgeberin traf ich auf ein besonderes Phänomen: Familienmitglieder haben akademische Abschlüsse als Betriebswirte, Juristen oder Journalisten, finanzieren aber ihr Leben mit Wäschereien, Spielzeugläden oder Gymnastikzentren.

Was mich während meines Aufenthalts am meisten schockierte, war die Traumatisierung der Menschen durch die Allgegenwart des Verbrechens. Einige Tage vor meiner Abreise traf meine Freundin auf der Straße eine ehemalige Kollegin, die plötzlich in Tränen ausbrach. Vor kurzem waren ihr Sohn und dessen Lebensgefährtin ermordet worden. Die Frau litt besonders darunter, dass es nicht einmal den Versuch einer polizeilichen oder strafrechtlichen Aufklärung gab. Ein anderes Beispiel: Am letzten Tag besuchten wir in einem belebten Viertel ein Fischrestaurant direkt am idyllischen Ufer des Flusses Grijalva. Nach Hause zurückgekehrt, fand meine Freundin in einem Internetportal die Nachricht, dass hundert Meter von jenem Restaurant entfernt eine Leiche mit Schusswunden auf der Straße gefunden worden war. Wie es hieß, hatte das Opfer eine Woche zuvor selbst jemanden umgebracht. Ich stieß dann auf eine Statistik, der zu entnehmen war, dass in Villahermosa allein im Mai 2017 37 Morde begangen wurden, in Mexiko insgesamt 200.000 während des zurückliegenden Jahrzehnts, also 55 Morde pro Tag. Verbrechen, die nicht nur auf Drogenkartelle zurückgingen, sondern ebenso auf das Konto von menudeos (Kleinhändlern) und gewöhnlichen Kriminellen.

In der Zeitung La Jornada las ich, die letzte Ordnungsmacht sei inzwischen die Drogenmafia, der daran liege, eine ausufernde Kriminalität in gewissen Grenzen zu halten. Zwar fahren ständig Patrouillen mit schwer bewaffneten Polizisten durch die Straßen, doch scheint das ohne Wirkung zu bleiben, ein schlecht inszenierter Versuch, staatliche Präsenz in einem Land vorzutäuschen, das inzwischen mit guten Gründen als failed state bezeichnet werden kann. Es war ein bedrückendes Gefühl, meine so liebevollen Gastgeber in dieser Situation zurückzulassen.

Eckart Leiser arbeitet als Hochschullehrer und Psychotherapeut

06:00 02.04.2018

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