Toter Hase Zukunft

Jubiläum Vor 100 Jahren wurde Joseph Beuys geboren. Kann die Kunst eine bessere Welt erschaffen?
Toter Hase Zukunft
Ist es eine Scherbe? Eine Muschel? Ein Stein? Was auch immer, es ist Kunst – wenn man es nur will

Foto (Ausschnitt): Caroline Tisdall

Jeder Mensch ist ein Künstler.“ Soso. Das Banale, vielleicht sogar Tautologische, das man in diesem Satz von Joseph Beuys zu hören meint, ist doch aktivistisch aufgeladen. Denn die individuelle Kreativität steht nur am Anfang eines gedanklichen Dreisprungs, der über die Einmischung ins große Ganze sogleich bei der nächsten Revolution landet, die Beuys von der Kunst her gedacht hat: Die Welt muss eine andere werden, aber wie? Her mit den Ideen, den gewagten, den kranken! Und her mit den Aktionen, den wilden! Der Aufstand sind wir.

Das sagt auch der Filmausschnitt aus I am Greta (2020), der Doku von Nathan Grossman über die Klimaaktivistin Greta Thunberg (der Freitag 42/2020), es sagt auch die Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai in ihrer Rede in Stockholm, der buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh im Interview mit Oprah Winfrey oder der NSA-Whistleblower Edward Snowden im Gespräch mit der Zeitung The Guardian. Es schwirren eine Menge Ideen durch die Klee-Halle des K20 in Düsseldorf, das Epizentrum der Jubiläums-Hommage „Beuys 2021“ zum 100. Geburtstags des Künstlers: Kosmopolitische Übungen mit Joseph Beuys verspricht die Ausstellung, die weit ins Zukünftige, ins Utopische hineinragt, für das es, frei nach Beuys, nur noch eines guten Plans bedarf. Die „Übung“ ist einerseits Training, sie beschäftigt sich mit Denkbarem, sie ermöglicht Entwicklung und Veränderung, ist aber irgendwie auch etwas Spielerisches ohne reale Konsequenzen. Aber sie ist nicht nur Einübung, sondern kann auch Ausübung sein: ein sozialer Prozess, und damit doch schon fast wieder Umwälzung der Verhältnisse.

„Ö ö ö ö“, würde Joseph Beuys wahrscheinlich dazu ins Mikrofon bellen, wie er es 1967 bei der Aktion ö ö Programm zehn Minuten lang im Rahmen der Immatrikulationsfeier der Düsseldorfer Kunstakademie tat, so ganz und gar nicht im professoralen Duktus. Alles kann auch anders sein, nicht nur ein bisschen, sondern vollkommen, schien diese absichtlich so völlig deplatzierte Performance zu sagen. Kunst hatte für ihn eben nichts Elitäres, sie gehörte abgewertet, hineingetreten in den Schlamm und Schmutz des Scheiterns, des Denkens, des Dilettantismus, der Demokratie. „Professor bellt ins Mikrofon“, schrieb der Kölner Express halb empört, halb amüsiert, und vergisst nicht zu erwähnen, dass es im Anschluss als „besonderen Schmaus“ belegte Brötchen gab.

Die gibt es im K20 nicht, aber dafür einen Parcours, der über zwölf Stationen führt, die jeweils mit einer projizierten Beuys-Aktion beginnen und von dort ausgehend Mit- und Gegenstreiter, künstlerische wie diskursive Beiträge in Vielstimmigkeit zueinander positionieren. Wie Beuys nahm der US-Amerikaner Pope.L die Rolle des Provokateurs ein, als er für seine „Crawl“-Performance The Great White Way: 22 Miles, 5 years, 1 Street ab 1978 den New Yorker Broadway im Supermannkostüm entlangkroch, ein Skateboard auf den Rücken geschnallt, um so Armut, Rassismus und Obdachlosigkeit aktivistisch in ein Reich des Absurden zu überführen

„You must act / The climate has changed“, „Vote for your life“, „Practice nonviolence“ – so lauten die plakativen Schriftzüge, die Jenny Holzer auf Bussen und Lastwagen anbringt, die damit als fahrende Spruchbänder sehr explizit zum Handeln auffordern. Egal, ob Beuys denn nun als Pate der Welterneuerung taugt: Der erweiterte Kunstbegriff schart hier als Mutter aller Schöpfung Politik, Wissenschaft und Ökonomie wie unbedarfte Schäflein um sich.

Der Mensch muss zur Seite

Umweltzerstörung, Klimawandel, Pandemie – es ist mittlerweile ziemlich offenkundig, dass „eine Transformation der Gesellschaft auf allen Ebenen überlebensnotwendig geworden“ ist, wie es im Vorwort zum Katalog heißt. Joseph Beuys boxt dafür auf der documenta 5 „für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“, im K20 tritt Angela Davis gegen Michel Houellebecq an.

Betrachtet man die wie choreografiert ablaufenden regierungskritischen Demonstrationen der digital entstandenen Milk Tea Alliance in Thailand, merkt man aber doch, wie viel Zeit vergangen ist, seit Beuys mit seiner Nomadenromantik und seinem quasi-schamanistischen Gehabe vor der Kamera herumimprovisierte, seit seinen linkischen Verrenkungen in wie man dem toten hasen die bilder erklärt von 1965 oder der Aktion I like America and America likes me (1974), in der er in einem Käfig mit einem Kojoten in ein Gespräch trat. Wenn auch die Tiere in den längst überfälligen Entwurf einer artenübergreifenden Kosmopolitik einbezogen werden, sind sie dann hier nicht arg verdinglicht? Donna Haraway weist den menschlichen Exzeptionalismus komplett zurück. Und der britische Biologe, Tierarzt, Anwalt und Autor Charles Foster sagt: .„Artgrenzen sind, wenn nicht illusionär, so doch zumindest vage und manchmal auch durchlässig. Das kann Ihnen jeder Evolutionsbiologe und jeder Schamane bestätigen.“ Foster hat als Dachs, Fuchs oder Otter gelebt. Der Mensch muss sich selbst aus der Mitte rücken. Willkommen zur Konferenz der Tiere! „Make Tofu Not War“ fordert Goshka Macuga in ihrer als 3D-Tapisserie gewebten Zukunftsvision, in der ein Wolf, ein Rentier und ein Eisbär mit Protestbannern den Wald besetzen. Furry-Fandom unter Eichen – Beuys hatte das gefallen.

„Jeder Mensch ist ein Künstler“. Kosmopolitische Übungen mit Joseph Beuys K20, Kunstsammlung NRW, bis 15. August 2021

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06:00 12.05.2021

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