Toter Mann am "Toten Mann"

Soldatenwelten Vor 90 Jahren begann die Verdun-Schlacht, die zehntausende Soldaten unter der Erde zwang. Nun erforscht ein Deutscher Verein den Weltkriegstunnel

Etwa zehn Meter geht es in dem lehmigen Einstieg hinab, bis der Schein der Taschenlampen eine düstere Welt eröffnet: Verrostete Handgranaten, Munition und Gasmasken liegen zwischen Gesteinsbrocken und Bohlenresten in 16 Kavernen. Alles Zeugnisse eines längst vergessenen Kriegsalltags, den Markus Klauer und sein Team akribisch erfassen. Hunderten deutschen Soldaten bot die unterirdische "Landwehr-Stollenkaserne" am Ostufer der Maas einst Zuflucht vor der lebensfeindlichen Oberfläche. Über den Köpfen der Infanteristen tobte vor 90 Jahren eine menschenfressende Apokalypse: Die Schlacht von Verdun. 1.250 deutsche Geschütze hatten am 21. Februar 1916 das Höllenfeuer eines gezielt Menschen verzehrenden Kampfes um wenige Quadratkilometer Boden eröffnet. Eine Auszeit von dem Inferno boten zehntausenden Soldaten nur rund 60 betonierte Festungen - oder tausende aus der Not entstandene Tunnel.

Während die Ende des 19. Jahrhundert errichteten Forts wie Douaumont bis heute Attraktionen sind, ist über diese Stollen im Wortsinne Gras gewachsen. Neben kleineren Unterständen trieben vor allem deutsche Pioniere mit sprichwörtlicher Akkuratesse Tunnel von oft kleinstadtartigen Ausmaßen ins Erdreich. Das ist das Ergebnis von Klauers jahrelangen Recherchen. Der 43-jährige Bundeswehroffizier aus Remscheid arbeitet neben seinem Job als Grabungsleiter für den Verein "Deutsches Erinnerungskomitee Argonnerwald 1914-1918" (DEA), der sich zu dem in Deutschland noch weitgehend unbeachteten Zweig der "Schlachtfeld-Archäologie" rechnet. Mit einer Bestandaufnahme dieser ganz eigenen Kulturlandschaft wollen die DEA-Leute den leidvollen, gleichwohl im kollektiven Gedächtnis vergessenen Soldatenalltag des Ersten Weltkriegs aufarbeiten. Die Friedensarbeit des Vereins, der mittels restaurierter Objekte der Nachwelt das Unvorstellbare vorstellbarer machen will, wird von französischer Seite zunehmend als kulturhistorisch "wertvoll" geschätzt.

"Dauernd hämmerten die schwersten Kaliber über uns, so dass alles dröhnte und zitterte, man erwartete jeden Augenblick den Einsturz", erinnerte sich der Kommandeur des brandenburgischen II./Reserve Infanterieregimentes 35, Major Pachaly. "Stunde auf Stunde verrann, jeder Begriff für die Zeit ging verloren. Die Luft im Tunnel wurde immer unerträglicher, man hatte das Gefühl, als sollte man ersticken." Gleichwohl harrten Pachaly und seine Soldaten in der 3,5 Meter breiten, "Kronprinzentunnel" genannten Röhre aus. Bis zu 30 Meter tief unter der Erde zog sie sich durch die seit März 1916 bitter umkämpfte Anhöhe "Toter Mann" am Westufer der Maas. Einen Steinwurf entfernt waren Hunderte Kameraden im "Bismarck-" und "Gallwitztunnel" ebenso dankbar für eine Unterwelt, die immerhin mit Kleinbahn, Lazarett, Sodafabrik, Küche und Schlafstätten ausgestattet war.

Um jene Soldatenwelten 90 Jahre später zu finden, bedarf es Fachwissens. Die einst ihrer Vegetation beraubte Anhöhe "Toter Mann" ist wieder dicht bewaldet. Spurlos verschluckt scheinen militärische Hinterlassenschaften gigantischen Ausmaßes, drei Großtunnel der wilhelminischen Armee. Deren Eingänge sind verschüttet oder zugemauert. Um etwa in den Gallwitztunnel zu gelangen, muss sich Klauer durch einen rund 40 Meter tiefen Luftschacht, die "Himmelsleiter", abseilen. Neben Klauer, den Verdun seit einem Studienbesuch 1983 gepackt hat, verpassen rund ein Dutzend Mitstreiter kaum eine der jährlichen Exkursionen. Stets mit dabei ist der 31-jährige Feuerwehrmann Oliver Scheer und der um fünf Jahre ältere Wim Degrande, Kundendienstfachmann aus Belgien.

Warum Verdun? Warum ein 25 Quadratkilometer großes Stück Boden, einem Friedhof gleich, auf dem geschätzte 200.000 Soldaten den Tod fanden, 700.000 Menschen verletzt oder vermisst wurden, dessen Boden gespickt ist mit Munition und Ausrüstung? Die Anziehungskraft erklärt sich aus der Ungeheuerlichkeit der Zahlen, findet Scheer, "aus eben jenem traumatischen Soldatenalltag". "Es ist heute schwierig, das Martyrium von einst zu verstehen", ergänzt Degrande. Die Hitlers Angriffskriegen vorausgegangene "Urkatastrophe", die gleichwohl im kollektiven Gedächtnis kaum mehr Platz hat, aufzuarbeiten, ist für Klauer Passion wie Friedensvermächtnis. Zwar haben viele DEA-Mitglieder einen militärischen Hintergrund. Dennoch trennen sie Welten von jenen "wehrübenden Grabräubern", die mit Detektoren die Wälder durchstreifen. "Unsere Projekte dienen Forschungszwecken und sind mit den Behörden abgestimmt", betont Klauer.

Schlachtfeld-Archäologie ist in den USA seit langem ein Thema, wie etwa die Erforschung des legendären Schauplatzes der Schlacht am Little Big Horn (1876) in den achtziger Jahren belegt. Seit zehn Jahren nahm auch in Europa, insbesondere in Großbritannien die Aufmerksamkeit für das lange verkannte und sperrige Metier zu, so Susanne Wilbers-Rost, Leiterin der Archäologischen Abteilung der Museum und Park Kalkriese GmbH. Erst allmählich habe sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass diese Stätten kulturelle Relikte mit besonderer Aussagekraft seien: "Eine Momentaufnahme wird hier quasi tief gefroren im Erdreich." Trotzdem sieht die Archäologin, die in der Nähe von Osnabrück die antike Varus-Schlacht (9 n.u.Z.) ausgräbt, die Materie in Deutschland noch stiefmütterlich behandelt. Neben der belasteten Nazi-Vergangenheit gibt es handfeste Gründe: "Die häufig geringe Anzahl von Funden erschwert insbesondere bei älteren Schlachtfeldern die Lokalisierung wie die weitergehende Erforschung." Erst allmählich werde deutlich, wie bisherige Methoden weiterzuentwickeln seien.

Die Fakten sind bereits bekannt - mit dem Hinweis ignorierte die etablierte Forschung diejenigen, die auf Hobbybasis seit Jahrzehnten die kulturhistorisch gänzlich ungeliebten Weltkriegs-Schlachtfelder erforschten. Dass seine Arbeiten überflüssig sind, bestreitet der belgische Militärhistoriker Franky Bostyn entschieden. Als Mitbegründer der "Association for Battlefield Archaeology in Flanders" (ABAF) hatte sich Bostyn etwa mit der Ausgrabung von 300 Meter deutschen Schützengrabens im so genannten "Bayernwald" nahe Yperns einen Namen gemacht. Seine Rekonstruktion, die anlässlich des 90. Jahrestags des Kriegsausbruches 1914 Beachtung fand, gewährt erhellende Einblicke in das karge Soldatenleben. Zudem gibt die ausgeklügelte Graben- und Bunkerkonstruktion nebst ihrer Standortwahl auf dem einzigen Höhenrücken der Region Antworten auf die Frage, warum die Fronten trotz größter Anstrengungen der Entente jahrelang praktisch unverändert blieben.

Mit den Großtunneln nahe Verduns fand das DEA den deutschen Einfallsreichtum im lebensfeindlichen Kriegsalltag bestätigt. Im März 1916 waren die strategisch wichtigen Anhöhen "304" und "Toter Mann" zum Brennpunkt der Schlacht geworden; zu einem Ort, der bald einer Mondlandschaft gleichen sollte, wo eine Maschinerie aus Artilleriefeuer, Flammenwerfern und Giftgas den Tod zehntausendfach über Angreifer wie Verteidiger brachte. Verstärkungen fielen bereits auf dem Weg in die vordersten Schützengraben. Daher begannen ab August 1916 deutsche Pioniere auf dem "Toten Mann" in Frontnähe unterirdische Versorgungsrefugien zu graben. Bis März 1917 entstanden so Bismarck-, Gallwitz- und Kronprinzentunnel, der mit rund 1.000 Metern Länge der Größte war und rund 1.000 Soldaten Schutz bot.

Ähnlich spezialisierte Anlagen hat der Verein neben der "Landwehr-Stollenkaserne", die zu einem Bereitstellungssystem auf dem östlichen Maasufer gehörte, im so genannten "Fuchsbau" ausgemacht: Einem eigenen Sanitätstunnel auf der Anhöhe "304". Um diese Unterwelten unter widrigsten Umständen zu schaffen, entwickelten die deutsche Pioniere ein standardisiertes Verfahren. Es basierte auf eingespielten Teams, sowie Spaten, Spitzhacken und "Stollenrahmen", einem genormten Verschalungs-Baustein, der aus vier Brettern zusammengesetzt die Maße 80 Zentimeter mal 1,20 Meter, oder 1,20 mal 1,80 Meter ergab. Ein Stollenrahmen nach dem anderen wurde ins Erdreich gesetzt. Für Klauer steht fest: "Die deutsche Seite hatte früh gelernt: Schanzen spart Blut." Darum habe man dort mehr Augenmerk auf die Verteidigungsanlagen gelegt als die Entente.

Die These von der deutschen Schanzkunst konnte das DEA in den Argonnen verifizieren. Rund 20 Kilometer von Verdun entfernt galt der Frontabschnitt als ruhig. Schützengräben- und Tunnelsysteme blieben nahezu unverändert, wurden von deutscher Seite massiv ausgebaut und empfehlen sich als Forschungsobjekt par excellence. Unweit des Ortes Varennes-En-Argonne legt der Verein derzeit einen etwa 200 Meter langen "Bataillonstunnel" frei, der für Besucher zugänglich gemacht werden soll. Dass solche Anschauungsobjekte wichtig sind, finden inzwischen auch offizielle Stellen. Während das Engagement bis vor Jahren nur geduldet wurde, erfährt der Verein nun Unterstützung. So leistet das DEA für Stéphanie Jacquemot vom lothringischen Ministerium für kulturelle Angelegenheiten wertvolle Arbeit: "Die Überreste aus den Weltkriegen genießen den gleichen Schutz wie die aus der Antike."

Ein Erhalt der Großtunnel auf der Höhe "Toter Mann" dürfte sich ob des Aufwands kaum mehr umsetzen lassen. Und das, obwohl sich nirgends besser Ausmaß und Tragik des Stellungskriegs demonstrieren ließe, findet jedenfalls Klauer. Selbst in den monströsen Unterwelten gab es keinen definitiven Schutz. Der Fachmann hat Konstruktionsmängel ausgemacht, die die Stollen zu "Menschenfallen" machten: Aus Rohstoffmangel war etwa an Stützpfeilern gespart worden. Das rächte sich. Am 19. August 1917 schlugen Geschosse eines 40-Zentimter Geschützes bis in die Küche des Kronprinzentunnels durch: 100 Soldaten wurden abgeschnitten. Bis heute hat der Tunnel die Toten nicht freigegeben.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 17.02.2006

Ausgabe 38/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare