Toter Mann mit Brüsten

Wörtches Crime Watch N° 150 Murat Somers Krimis sind weder schrill, noch bunt, sondern ganz schlicht, ja fast bieder. Doch sie gewähren einen spannenden Einblick in die türkische Homosexuellen-Szene.

Etiketten dienen zur schnellen Information und als Hilfestellung für die Kaufentscheidung. Besonders bei den Kämpfen um Anteile im Krimimarkt ist ein zündendes oder verwirrendes Etikett etwas ganz und gar Feines: „Transen-Thriller“ verspricht zumindest Ungewöhnliches, ein „Hop-Çiyi-Yaya“-Krimi gar Unerhörtes.

„Hop-Çiyi-Yaya“, erklärt der türkische Schriftsteller Mehmet Murat Somer, „war ein türkischer Schlager in den frühen Sechzigern. In Comedy-Shows wurde es bald zum Synomym für feminine Schwule“. Bis Murat Somer den Begriff 2003 wieder aufnahm und eine Serie von Krimis danach nannte, die alle im Transvestiten-Milieu Istanbuls spielen. Die Hauptfigur gehört zu der langen kriminalliterarischen Reihe namenloser Helden, betreibt einen Nachtclub, arbeitet tagsüber in der IT-Branche und teilt mit seinem türkischen Privatdetektiv-Kollegen Remzi Ünal (der Serienheld von Celil Oker, dessen bedächtig-deskriptivem Stil Murat Somer folgt) die Leidenschaft für Aikido.

Räumen wir zunächst mal das ganze Verkaufsgeklingel weg – also alles was mit „schrill“, „der türkische Almodóvar“, „die türkische Miss Marple“ etcetera – zu tun hat, dann kommen wir den Texten Murat Somers näher. Denn die sind weder schrill, noch bunt, und schon gar nicht führen sie die Leserschaft an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Sie sind – literarisch gesehen – ganz schlichte, einfache, gar biedere Krimis, die zum Beispiel von den großartigen „schwulen“ Kriminalromanen eines Joseph Hansen oder den in der Tat etwas glamouröseren Texten von Tony Fennelly unerreichbar weit entfernt sind.

Mehmet Murat Somers Romane sind eher „Verständigungstexte“ – und dass das Genre Kriminalliteratur zunehmend als Verständigungstext-Maschinchen herhalten muss, spricht einerseits für seine zunehmende breite Akzeptanz, andererseits aber auch für seine literarische Marginalisierung. Das aber nur nebenbei.

Polizei und Hassprediger

Die Hop-Çiyi-Yaya-Romane haben natürlich eine hohe politische Signifikanz. Die Türkei, zwischen zunehmender „Re-Islamisierung“ und Säkularisierung hin- und hergerissen, ist kein Ort homophiler Toleranz und Aufgeschlossenheit. Im ersten Band der Serie geht es um gezielte, tödliche Gewalt, um „Hassmorde“ gegen Schwule und Transsexuelle. Was in Murat Somers Kriminalromanen Fiktion ist, ist gleichzeitig massenmedial verschwiegene, vertuschte oder mit den Tätern einvernehmlich beschönigte Realität. Prügelnde Polizei und Hassprediger in blutiger Eintracht gegen Menschenrechte.

Insofern ist es nur logisch, dass es im gerade erschienenen zweiten Band der Serie, ­Der Kussmord um das Erpressungspotential und die politischen Implikationen geht, wenn konservative Politiker ihre Sexualität auszuleben wagen. Auch das führt direkt zu Gewalt, Mord und Elend, deren fatale Folgen der namenlose Held nur noch zu dämpfen versuchen kann.

Wenn man bereit ist, über die literarischen Schwächen und Unbedarftheiten hinwegzulesen, dann bieten Murat Somers Bücher sympathisch unvoyeuristische und präzise Einblicke in ein Milieu, das nicht per se exotisch und „schrill“ ist, sondern wegen seiner sich verändernden Position in der türkischen Gesellschaft erhöhter gesellschaftlicher Aufmerksamkeit – auch außerhalb der Türkei – bedarf.

„Anatomieunterricht anhand einer eindeutig männlichen Leiche mit kecken Brüsten und jeder Menge Silikon in Wangenknochen und Lippen? Jenun. Die Zeiten ändern sich“, rässoniert der Held, als er ein Mordopfer auf dem Obduktionstisch betrachtet. Wie eine Gesellschaft aber mit ihren Außenseitern umgeht, das belegt nicht nur nach Hans Mayers Überzeugung ihren demokratischen Status. Und wenn Kriminalromane hin und wieder als gesellschaftliche Seismografen dienen, dann ist das in Mehmet Murat Somers Fall zu loben.

Die Propheten-Morde Mehmet Murat Somer (Peygamber Cinayetleri, 2003), Roman. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier, Klett-Cotta/Tropen, Stuttgart 2009, 240 S., 16,90

Der Kuss-Mord (Buse Cinayeti, 2003/ The Kiss-Murderer, 2008) Roman. Aus dem Englischen von Isabel Bogdan. Klett-Cotta/Tropen, Stuttgart 2009, 271 S., 17,90

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15:30 27.08.2009

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