Toter ohne Leiche

Balkanisches Wirtshaus Rada Ivekovics Essayband "Autopsie des Balkans" will nichts systematisch beweisen

Wer Jugoslawien nicht betrauert, hat kein Herz, wer es wieder herstellen will, hat keinen Verstand. Mit diesem Spruch beginnt eine neue Generation, sich mit den Ergebnissen der Kriege zu arrangieren. Rada Ivekovic, eine herausragende Vertreterin der Generation des zweiten, zerstörten Jugoslawien, mangelt es weder an Herz noch an Verstand. So ist ihre Autopsie des Balkan eine präzise, aber auch sehr traurige Veranstaltung geworden. An und in der sezierten Leiche findet die Pathologin des verendeten Jugoslawien historische Verletzungen, angeborene Missbildungen, die Folgen von Fremdeinwirkungen wie von ungesunder Lebensweise, eine Fülle von Traumata, die sich teils gegenseitig bedingen, teils auch nicht. Wer auf eine kriminologische Untersuchung hofft, kommt nicht auf seine Kosten. Der Patient ist eines Bilanztodes gestorben, und die Pathologin ist nicht auf der Suche nach dem Mörder. Ivekovic geht es vielmehr um den Toten. Sie bleibt immer hart am Objekt und opfert es nicht monoman einem Gedanken. So ist ihr Werk unsystematisch geblieben - sehr im Unterschied zu den vielen Auseinandersetzungen von westlicher Seite, deren Autoren in Jugoslawien alle nur irgend etwas Abstraktes bewiesen sehen wollen.

Die Philosophin und Orientalistin Rada Ivekovic, geboren 1945 in Zagreb, hat ihr Land 1992 verlassen, eben um dort bleiben zu können. Im Jahr ihres Fortgangs widmete ihr und einigen anderen prominenten "Hexen" die nationale Wochenzeitung Globus, damals Flaggschiff und Zerstörer des Tudjman-Regimes, einem dem Geist jener Jahre entsprechenden, abscheulichen Nachruf. Globus nahm sie, zusammen etwa mit Slavenka Drakulic und Dubravka Ugresic, in eine Tabelle auf, mit der kompromittierende Details aus ihren Biographien verraten oder einfach erfunden wurden: Serbische Verwandte, Ehepartner oder Lebensgefährten, Größe der Wohnung, berufliche Stellung im "Serbokommunismus", Verrat am neuen Vaterland durch Abwesenheit, als sich die Daheimgebliebenen gerade im Opfermythos suhlten. Rada Ivekovic war das Ärgste, was man damals in Kroatien sein konnte: eine "Jugo-Nostalgikerin".

Mit ihrer "Autopsie" hat Ivekovic den Vorwurf von damals weder abgewiesen noch einfach positiv gewendet. Jugoslawien ist für sie "ein Toter, dessen Leiche fehlt und den man nicht betrauern kann". Sie denkt Jugoslawien noch als ein Ganzes; in diesem Ganzen, nicht in den Spaltprodukten, sucht sie die Erklärung für die Katastrophe der neunziger Jahre. "Jugoslawien hat sich nicht selbst auf die Probe gestellt", konstatiert sie; es hätte sich von seinen Subjekten immer wieder neu erfinden lassen müssen. Wie das aber hätte gehen können in einem so armen, von so vielen ererbten Problemen geschüttelten und von Versuchungen heimgesuchten Land, einem doch diktatorisch regierten Staat, macht sie nicht wirklich plausibel - wie Ivekovic überhaupt nie die konkreten Fehlentscheidungen benennt, die das Projekt schließlich scheitern ließen. "Brüderlichkeit und Einheit" konnten ohne Freiheit nicht ans Ziel kommen, erkennt sie. Wo lag der Fehler von Anfang an? Hätte Jugoslawien als parlamentarische Demokratie überlebt, oder mit den Ideen von Milovan Djilas? War dann mit Titos Nationalitätenpolitik der Weg in den Untergang nicht schon beschritten? Solche Erörterungen sucht man bei Ivekovic vergebens. Aber sie will Jugoslawien ja auch nicht neu erfinden. Die Zukunft liegt auch Ivekovic in Europa, dessen "Unbewusstes" der Balkan war und das sich auch heute nicht kennt. Der Gestus der Aus- und Abgrenzung, für Europa seit jeher konstitutiv, habe hier, in der Peripherie, seine verheerende Wirkung entfaltet. Eine Art von Ausgrenzung und Verdinglichung ist es auch, das wird bei der Lektüre klar, wenn westliche Analytiker mit den "pro-westlichen" oder "abendländischen" Kroaten, den "sozialistischen" oder "antiimperialistischen" Serben, den "liberalen" oder "multikulturellen" Bosniern Partei zu gehen meinen. Wie Rada Ivekovic von Jugoslawien müssen wir Westler von Europa erst sprechen lernen.

Ihr "psychopolitischer Essay" ist nicht eben einfach zu lesen. Die Autorin spricht von "ihrem" Jugoslawien, und zu ihr gehören die Gedanken über Feminismus und balkanisches Patriarchat ebenso wie ihre Kenntnisse über indische Kultur und buddhistische Religion, die Kindheitserinnerungen an Urlaube an der Adria und frühe Versuche, den allgegenwärtigen roten Stern in der Landesflagge abzuzeichnen. Das alles fordert dem Leser mal an Landeskenntnis, mal an universeller Bildung einiges ab. Zu den interessantesten Kapiteln für den neugierigen Ausländer gehört das über die "balkanska krcma", das balkanische Wirtshaus, jenen halböffentlichen Raum, in dem das Klima von Rauchschwaden vergiftet ist, wo jeder Außenseiter zum Feind und jeder edle Gedanke zu Schanden wird. Brillant ist ihre Betrachtung zu den Schwesterstädten Belgrad und Zagreb, den "siamesischen Zwillingen", deren Trennung das Blut erst fließen lässt. Dass ein kleiner österreichischer Verlag es gewagt hat, ein so kluges und intimes Werk zur notorischen Projektionsfläche Jugoslawien sensibel und kundig übersetzen zu lassen, kann nicht genug gepriesen werden.

Rada Ivekovic: Autopsie des Balkans. Ein psychopolitischer Essay. Aus dem Französischen von Ilona Seidel. Literaturverlag Droschl, Graz 2001. 210 S., 31,- DM

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00:00 12.10.2001

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