Totes Wasser

Dürre Der Rekordsommer lässt die Fische sterben. Im Hambacher Forst weiß man: Dieses Klima ist menschengemacht
Totes Wasser
Der heiße Sommer hat die Binnengewässer bis zum kritischen Wert von 28 Grad Celsius aufgeheizt und gefährdet ihre Biodiversität

Illustration: derFreitag

An Land rauschen die Bäume. Wind peitscht das Wasser des Stausees auf, über die Wellen rasen Segelboote. Doch die heftigen Böen schaffen es nicht, den beißenden Gestank davonzutragen, der einem hier in die Nase steigt. Es ist der Geruch von totem Fisch, dem man am Aasee in Münster zurzeit nur schwer entkommen kann. Regungslos treiben Kadaver auf dem Wasser. Der Wind treibt sie gen Ufer, wo ein Mann mit seinem Handy Fotos von den vielen toten Tieren schießt, während das Technische Hilfswerk (THW) zusammen mit freiwilligen Helfern der Münsteraner Angelvereine daran arbeitet, die Tiere in große Stahlcontainer zu verfrachten und anschließend abzutransportieren. Arbeiter mit vollen Schubkarren, Journalisten und Schaulustige spazieren gemeinsam den Rundweg entlang, der einmal um den Aasee führt. Vier Tonnen toter Fisch wurden hier alleine in den vergangenen zwei Tagen aus dem Wasser gezogen. Insgesamt wurden 22 Tonnen geborgen.

Till Seume steht am Rand des Sees und beobachtet, wie Männer vom Tiefbauamt mit Keschern die Tierkadaver einsammeln. „Das sind Brassen, Güstern und Karpfen. Also Fischarten, die eigentlich mit wenig Sauerstoff zurechtkommen“, sagt der Fischwirtschaftsmeister. Der 27-Jährige arbeitet beim Landesfischereiverband Westfalen-Lippe und kümmert sich dort vor allem um die Gewässerbewirtschaftung. Es ist sein Traumberuf. Schon als Kind ist er oft mit seinem Vater angeln gegangen, erinnert er sich. Heute kämpft er ums Überleben der Fische in Zeiten von Klimawandel und langen Hitzeperioden. Auf sein Drängen hin schaffte der Fischereiverband „Notfallanhänger“ an: Sie können gemietet werden und sind mit den richtigen Instrumentarien ausgestattet, um überhitzte Gewässer aufzuwirbeln und so mit neuem Sauerstoff zu versorgen. Das rettet die Fische zumeist aus der akuten Gefahr. Eine Methode, die im 40 Hektar großen Aasee jedoch nicht funktioniert.

Der erste Regen spült Gift an

Der wenige Regen der letzten Tage hat die Situation hier noch verschlimmert. „Jeder kennt es: Wenn es nach langen Wärmeperioden endlich mal wieder regnet, ist das Wasser oft schaumig.“ Organische Stoffe, die sich in den trockenen Wochen auf der Straße angesammelt haben, werden dann beim nächsten Niederschlag in den See gespült. Straßenabrieb und Blütenstaub gelangten auf diesem Wege in den Aasee und entzogen ihm Sauerstoff. Das hat die Lage zusätzlich dramatisiert, es gibt nun fast kein Leben mehr im berühmtesten Gewässer Münsters. Herr Seume zeigt auf ein regungsloses Lebewesen. „Schauen Sie, da treibt ein toter Hecht. Der ist sehr anfällig gegenüber Sauerstoffmangel. Genauso wie der Barsch da vorne, der mit den roten Flossen.“ Außerdem seien Zander sehr vulnerabel. „Diese Arten haben unter solchen Bedingungen natürlich keine Chance“, sagt Seume. „Was wir brauchen, ist lange anhaltender Regen.“

Doch den gab es bis jetzt nicht. Der Sommer 2018 in Europa ist durch Dürre, Hitzewellen und überdurchschnittlich viele Sonnenstunden gekennzeichnet. Waldbrände, Ernteausfälle, abgeschaltete oder gedrosselte Kraftwerke und eine teilweise eingestellte Binnenschifffahrt sind Begleiterscheinungen dieser Wetteranomalien. Der Begriff „Jahrhundertsommer“ macht seit einiger Zeit die Runde. Alleine der deutschen Landwirtschaft könnten Schäden in Höhe von über einer Milliarde Euro entstanden sein. Und auch die Ökologie unserer Flüsse, Teiche und Seen wandelt sich.

„Grade in den stehenden Gewässern wurde die Situation für viele Fischarten prekär“, sagt der Diplombiologe Thilo Maack. Er ist Experte für Fischereipolitik bei Greenpeace und hat sich in den letzten Wochen wieder eingehend mit diesem Thema befasst. „Neben den sinkenden Wasserständen sind vor allen Dingen die hohen Temperaturen und der sinkende Sauerstoff ein Problem“, erklärt der Umweltschützer. Vielerorts in der Bundesrepublik kam es bereits zu einem massiven Fischsterben, so beispielsweise in Hamburg, in Leer, der Grafschaft Bentheim und Stuttgart. „Durch den Klimawandel kommt es auch vermehrt zu Algenblüten“, so der Meeresbiologe weiter. „Durch deren Sterben oder biologischen Abbau wird wieder Sauerstoff verbraucht und es kommt zur Entwicklung sogenannter anoxischer Bereiche, also toter Zonen im Wasser.“ Nun treiben auch in Münster die Fische leblos auf der Wasseroberfläche. Der heiße Sommer hat die Binnengewässer bis zum kritischen Wert von 28 Grad Celsius aufgeheizt und gefährdet somit ihre Biodiversität. „Sollten wir zukünftig öfter solche Sommer erleben, wird die Vielfalt in der Fischfauna zurückgehen“, prophezeit auch Till Seume. Es sei mit einer Artenverschiebung hin zu wärmeliebenden Tieren zu rechnen. Karpfen kämen mit den höheren Temperaturen gut zurecht. „Aber Forellen beispielsweise brauchen kältere Gewässer. Wenn sich das so fortsetzt, könnten sie in einigen Fließgewässern komplett aussterben“, sagt er.

Eine halbe Stunde von Münster entfernt liegt der Saalmann-See. Auf dem Weg dorthin fahren wir an vertrockneten Wiesen und Maisfeldern vorbei, eine fast schon mediterrane Atmosphäre. Wir parken neben einer matschigen Pfütze – einer Pfütze, die noch vor Kurzem ein zwei Meter tiefer See gewesen ist, ein Tummelplatz für Karpfen, Brassen, Schleien und zahlreiche andere Lebewesen. Jetzt zappeln ein paar winzige Fische in den wenigen Zentimetern Wasser, die noch da sind. Auch diese Pfütze wird bald versickern, glaubt der Fischwirtschaftsmeister. „Dann werden auch die kleinen Fische da verenden.“ Er erinnert an eine große Rettungsaktion, die vor zwei Wochen stattgefunden hat. Dabei wurden die hier lebenden Fische mittels Netzen und Keschern zusammengetrieben. Er zeigt auf eine kleine, längst vertrocknete Bucht: „Da hat man die Fische abgefischt und dann mithilfe von Fischtransportbehältern in ein kühleres Gewässer gebracht.“ Ohne die Hilfe der Angelvereine, die sich hier zu gegebener Zeit wieder um die Besetzung des Sees mit neuen Tieren kümmern werden, dauere es nach einer solchen „ökologischen Katastrophe“ mindestens fünf Jahre. Erst dann könne man den Fischbestand in seiner Artenvielfalt, wie man ihn hier noch vor vier Wochen vorfinden konnte, wieder erreichen.

Wenn das Sperma kein Ei findet

„Sehen Sie die Muschel da vorne?“ Herr Seume springt mit seinen Gummistiefeln in den Matsch, um die vertrockneten Überreste eines Weichtieres aus dem ausgetrockneten Gewässerbett zu holen. „Das ist eine Teichmuschel. Beziehungsweise ihre kläglichen Überreste“, sagt er und ergänzt: „Es gibt Fischarten, die benötigen diese Muscheln, um sich überhaupt fortpflanzen zu können. Der Bitterling zum Beispiel.“ Die Weibchen dieser geschützten Karpfenfischart setzen ihre Eier in die Kiemen der Teichmuscheln, die dann das Sperma der Männchen aus dem Wasser einsaugen. Auf diese Weise findet die Befruchtung statt. In den letzten Tagen haben Angler die noch lebenden Muscheln in die Restwassermengen geworfen, doch jetzt könnte auch diese kleine Lache bald verschwunden sein. Es ist nur ein Beispiel dafür, wie komplex das Ökosystem ist. Und wie bedroht.

„Der Sommer 2018 war nur ein Vorgeschmack auf das, was in den nächsten Jahren auf uns zukommt“, sagt Thilo Maack von Greenpeace. Noch nie war die Ostsee so warm wie derzeit, das hat Auswirkungen auf ihre Wasserqualität. Die hohen Temperaturen sind Katalysatoren für Algen und verwandeln das Meer in einen für Fische feindlichen Lebensraum. Und auch in unseren Süßgewässern, vor allen Dingen in Seen und Teichen, wird es in den nächsten Jahren zu Fischsterben und Algenblüten kommen, ist sich der Meeresbiologe sicher. „Der einzige Weg ist ein schrittweiser Ausstieg aus der Verbrennung fossiler Energieträger wie Öl, Gas und vor allen Dingen Kohle. Dabei müssen die besonders schmutzigen und ineffizienten Braunkohlekraftwerke als Erstes abgeschaltet werden. Bis 2030 muss Deutschland aus der Kohle raus sein!“

Der größte Kohletagebau Deutschlands befindet sich in Hambach. Im Falle eines Kohleausstiegs könnte hier doch eine wunderschöne Seenplatte entstehen, ein neues Zuhause für verschiedenste Fischarten? Till Seume winkt ab. „Tagebauseen weisen oftmals sehr niedrige pH-Werte auf. Dieser Umstand kann Jahrzehnte anhalten und nur über regelmäßige Kalkgaben ins Wasser geregelt werden.“ Es sei nicht auszuschließen, dass in diesem Fall der vollgelaufene Tagebau Hambach zu einem „toten Gewässer“ würde.

Kaffee aus der Mülltonne

Noch ist der Tagebau jedoch in Betrieb, der Energiekonzern RWE rodet den Hambacher Forst für die Kohlegrube immer weiter ab. Mit dem Klimaaktivisten Momo stehe ich am äußeren Ende des Forsts, rechts ein Wachturm des Sicherheitsdienstes von RWE. „Hier solltest du lieber stehen bleiben“, rät er mir. Schließlich sind Tagebau und Wald im Besitz des börsennotierten Konzerns – und wir hier eigentlich unerwünscht. Hinter uns liegt der kleine Waldstreifen, der vom Hambacher Forst übrig geblieben ist. Der 21-Jährige lässt seinen Blick über den 80 Quadratkilometer großen Bergbau mit den vielen Schaufelbaggern schweifen. Ursprünglich kommt er aus München, hat da für verschiedene Flüchtlingshilfe-Netzwerke gearbeitet. Sein Plan war es mal, zehn Tage im Hambacher Forst zu bleiben und dann weiterzuziehen. Nun lebt er bereits seit eineinhalb Jahren im Forst und kämpft gemeinsam mit vielen anderen gegen den übermächtigen Stromerzeuger, der hier seit 1984 Braunkohle fördert. Wir machen uns auf den Weg nach „Gallien“, einem von mehreren Aktivistencamps im Wald. Momo stapft mit seinem schweren Schuhwerk durch das Gehölz. Im Camp angekommen, klettern wir nacheinander an einer langen Leiter in den „Tower“, wie sie hier ein Baumhaus hoch oben in den Baumkronen nennen, das Treffpunkt, Café und Bibliothek in einem ist. Das Holz unter uns knarrt bei jeder Bewegung. In der Ecke steht ein Ofen, ein Bücherregal ist an der Wand angebracht.

Ein Mädchen sitzt auf einer Couch und erklärt mir, dass sich ihre Mutter manchmal um sie sorge. Doch hier ginge es nun einmal um etwas. „Viele leiden unter dem Klimawandel. Und hier ist eine seiner Wurzeln“, sagt sie. Momo setzt Kaffee auf, der zuvor bereits einmal im Müll gelandet war. „Wir gehen ja alle keiner Lohnarbeit nach. Wir kriegen unsere Lebensmittel aus den Überschussproduktionen verschiedener Firmen“, sagt der Demonstrant, dessen Frisur so aussieht, als sei er lange nicht mehr beim Friseur gewesen. Der Kaffee schmeckt herrlich – ebenso wie das Gemüse noch frisch aussieht, das vor uns in einer Kiste auf dem Boden steht. Nachher wollen sie es unter den Aktivisten verteilen. Hier, wo „Energiekonzerne entmachten!“-Banner an den Wänden hängen, will man mit gutem Beispiel vorangehen. Das bisschen Strom, das man benötigt, wird von einer Solaranlage auf dem Dach eines der zahlreichen Baumhäuser geliefert. Sie wollen den verbliebenen Hambacher Forst erhalten, klar. Aber es geht ihnen um mehr: „Dadurch, dass wir gegen den Braunkohleabbau demonstrieren, demonstrieren wir auch gegen den Klimawandel“, sagt Momo. „Da drüben ist ein gigantisch großes Loch. Es ist Europas größte CO2-Quelle.“ Ab Oktober will RWE hier wieder roden, um den schmutzigsten Brennstoff der Welt abzubauen: Braunkohle. Die ist für rund ein Fünftel der deutschen CO2-Emissionen verantwortlich. Die Aktivisten im Wald wollen dagegen kämpfen. Die Fische werden es ihnen danken.

06:00 22.08.2018

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