Die Minderheit am Rande

Antiziganismus Sinti und Roma kamen in der DDR offiziell nur in der Kunst vor. Zwei Bücher erinnern an Hass und Vorurteile

Warum hat man uns nur vergessen?“, so schrieb eine Sinteza im Januar 1965 an Die Wochenpost – die auflagenstärkste Wochenzeitung der DDR. Und weiter: „Man sieht in uns Tagediebe, nennt uns Zigeunerbrut und doch singt und spielt man unsere Weisen. (...) Aber keiner denkt daran, dass auch wir bittere Not gelitten haben, dass sich die Erde von Auschwitz und anderen Lagern rot von unserem Blut färbte.“ Der Brief endet mit der Bitte: „Liebe Wochenpost, schreibe du doch einmal über uns, damit die Menschen nicht nur Diebe in uns sehen, sondern spüren, dass wir wie sie auch nur Menschen sind. Schreibe über unsere Sitten, über unsere Bräuche, die voller Ethik sind. Beschreibe uns so, wie wir sind, sage den anderen, dass es heute Zigeuner gibt, die studieren. Aber dass sie noch heute verhöhnt werden, wenn sie sagen: ich bin ein Zigeuner.“

Der Leserbrief findet sich im Bildband Sinti in der DDR. Der Fotograf Markus Hawlik-Abramowitz und die Schriftstellerin Simone Trieder erzählen ein Kapitel, das bislang im gesellschaftlichen Diskurs so gut wie keine Erwähnung fand. Hass und Vorurteile gegenüber Roma und Sinti sind alt. In seiner Hetzschrift Von den Juden und ihren Lügen (1543) riet Martin Luther den Fürsten, die Juden wie die „Zigeuner“ zu behandeln. Und eines Tages, als die Deutschen seine Forderungen erfüllten, als die Synagogen brannten, wurden – umgekehrt – die „Zigeuner“ wie die Juden behandelt. An diesen vergessenen Porajmos (Romanes für „Das Verschlingen“), an die im Dritten Reich ermordeten 500.000 Roma und Sinti gilt es zu erinnern.

Ede und Unku

In der DDR kamen Sinti und Roma offiziell nur in der Kunst vor: Im Unterricht haben wir Ede und Unku gelesen, das wunderbare Jugendbuch aus dem Jahr 1931. Die Kinderbuchautorin Grete Weiskopf erzählt darin unter ihrem Pseudonym Alex Wedding die Geschichte vom Arbeiterjungen Ede und seiner Freundschaft zum Mädchen Unku, das aus einer Sinti-Familie stammt. Dass die Handlung auf einer wahren Begebenheit beruhte, wusste ich damals nicht. Schausteller und Rummelplatzbesitzer gab es und die klebrigen Schlager von Sandra Mo und Jan Gregor. Und es gab auch Menschen, denen unsteter Lebenswandel vorgeworfen wurde oder ganz direkt ein „Zigeunerleben“. Als junge Frau habe ich das im Arbeiter- und Bauernstaat zu hören bekommen, als schweren Tadel sozusagen. Davon aber, dass in der Deutschen Demokratischen Republik noch etwa 300 Sinti lebten, meist unter sehr ärmlichen Verhältnissen und eben nicht als Staatsbürger gleichberechtigt, wie es die Verfassung allen DDR-Bürgern versprach, davon wusste ich nichts.

Dieser Fotoband ist ein Glücksfall für unsere Erinnerungskultur. Vor beinahe 40 Jahren lernte Markus Hawlik-Abramowitz, seinerzeit noch Fotografie-Student, am Stadtrand von Halle (Saale) eine Sinti-Familie kennen. Inspiriert durch die Arbeiten Josef Koudelkas, dessen Gypsies-Aufnahmen er in der Leipziger Hochschulbibliothek entdeckt hatte, wollte er das Leben dieser Menschen fotografisch festhalten, einer nationalen Minderheit, die es offiziell nicht gab – die DDR-Verfassung von 1968 erkannte als solche nur die Sorben an. Dabei leben Sinti seit über 600 Jahren im deutschen Sprachraum. Über ihr Schicksal in der nationalsozialistischen Diktatur schreibt Hawlik-Abramowitz in seiner Einleitung: „Von der Verfolgung in der NS-Zeit erfuhr ich zum ersten Mal durch meinen Vater. Er wurde in der Reichspogromnacht im November 1938 mit 20 weiteren halleschen Juden in das KZ Sachsenhausen deportiert. Im Gedächtnis sind mir noch heute seine Erzählungen von ‚Zigeunern‘ als Mitgefangenen.“ Öffentlich sei das in der DDR aber nie thematisiert worden. Für ihn sei damals klar gewesen, dass sich das ändern müsse und er einen Beitrag dazu leisten wolle.

Die gemeinsame Verfolgungsgeschichte ihrer Familien öffnete ihm den Zugang und überwand die Skepsis. Zweieinhalb Jahre lang begleitete er Sinti-Familien mit dem Fotoapparat, „von Kleinmachnow über Dessau bis nach Thüringen“. Entstanden ist ein einzigartiges Zeitdokument und ganz nebenbei eine Diplomarbeit. Nach der Verteidigung habe die Zeitschrift Das Magazin bei ihm angefragt, allerdings wurden die Fotos später nie gedruckt.

Dass in der Bundesrepublik nach Kriegsende die buchstäbliche Wieder-Gut-Machung der Deutschen erst einmal nicht mit Entschädigungen für die Opfer der Nazidiktatur einherging, und wenn doch, dann nur unter Bedingungen und oft um Jahrzehnte verzögert, davon wusste ich. Dass aber auch in der DDR Verfolgte des Nationalsozialismus beleidigt und diskriminiert wurden, ist mir in der von Simone Trieder geschilderten Weise neu. Akribisch hat das Präsidiumsmitglied des deutschen PEN-Zentrums Fälle und Begebenheiten zusammengetragen. Denn zum Gründungsmythos der kleinen Republik gehörte es, dass die Faschisten im Mai 1945 besiegt und in den Westen geflohen waren. Die DDR, so Simone Trieder, wollte das „bessere“ Deutschland sein, „in dem die Menschen das Sagen hatten, die in den Konzentrationslagern von dem besseren … kommunistischen Deutschland geträumt hatten“. Gemeinsam mit der Autorin frage ich mich, wie es dann geschehen konnte, dass die wenigen Sinti, die die Vernichtungslager überlebt hatten und in der vorgeblich antifaschistischen DDR lebten, um ihre Anerkennung als Verfolgte des Nationalsozialismus kämpfen mussten?

Nur im Märchen gab es sie

Der Ausweis als Opfer des Faschismus war seinerzeit ein wichtiges Dokument, brachte im Alltag etliche Vergünstigungen mit sich, etwa bei der Zuteilung von Wohnraum, bei der Gesundheitsbetreuung und selbstredend auch bei der Lebensmittelversorgung. Simone Trieder schreibt: „Viele Sinti kannten diese Möglichkeit nicht oder befürchteten zu Recht bürokratische Hürden. Hinzu kam, dass den Sinti-Kindern in Nazideutschland ab 1936 eine Schulbildung verwehrt wurde, viele Betroffene also Analphabeten waren.“ Auch in der DDR wehte den antragstellenden Sinti allzu oft ein kalter Wind entgegen. Einmal sei eine Sinteza mit den Worten abgewiesen worden: „Sie waren ja nur als Kind im KZ.“ – Wie war so etwas möglich?

Sabine Trieder konstatiert: „Im Geschichtsbild, das in der DDR vom Nationalsozialismus vermittelt wurde, kamen Sinti und Roma als Opfergruppe nicht vor. KZ-Häftlinge der Hitlerzeit waren vor allem Kommunisten. Antifaschistische Widerstandskämpfer, auch aus anderen Ländern, vor allem aus der Sowjetunion. Juden erst auf Nachfrage. Zigeuner nur in Märchen.“

Umso erstaunlicher sei es, dass Ede und Unku von Alex Wedding, ein Buch über eine Sinti-Familie, ab 1965 für das fünfte Schuljahr zur Schullektüre empfohlen wurde und ab 1972 sogar Pflichtliteratur war. Während wir Kinder Ede und Unku gelesen haben, hat derselbe Staat, der jedem von uns ein Exemplar des Kinderbuches kostenlos zur Verfügung stellte, der das Buch sogar im Jahr 1981 verfilmen ließ, die Verwandten der Romanheldin verschwiegen, also Menschen, die der Vernichtung entgangen waren.

Simone Trieder weist darauf hin, dass in der DDR-Unterrichtshilfe jeglicher Hinweis fehlte, dass Unku ein reales Vorbild hatte: Erna Lauenburger. Grete Weiskopf alias Alex Wedding hatte sie und ihre Familie persönlich kennengelernt. In der ersten Nachkriegsausgabe fanden sich noch Fotos von John Heartfield, der Unkus Familie und den Arbeiterjungen Ede fotografiert hatte. Simone Trieder schreibt dazu: „Was für eine vertane Chance. Denn noch gab es Überlebende der Familie.“

Simone Trieder schärft den Blick auf die Gegebenheiten. Da ist der elfjährige Janko, den die Behörden wegen „massiver Verhaltensauffälligkeiten“ in ein Heim für Schwererziehbare steckten. Im Verhalten massiv „auffällig“ waren eher Jankos Mitschüler, die ihn als „Jude“, „Zigeuner“, „Türke“ oder „Kanake“ beschimpften. Einmal hatte ein Schüler der 10. Klasse den Jungen unter einen Wasserhahn gehalten, mit den Worten: „So haben sie früher die Zigeuner und die Juden vergast. Ich vergase dich jetzt.“ Eine Beschwerde der Eltern habe in der Schule zu keiner Auswertung geführt, auch zu keiner Entschuldigung. Ein Sportlehrer habe Janko einmal gefragt, wo er geboren sei. Als Janko zur Antwort gab: „In Berlin.“, habe der Mann entgegnet: „Eine Schande, dass du in der DDR geboren bist.“

Janko Lauenberger, der heute in Berlin als Musiker lebt, unter anderem als Gitarrist bei Radio Django, hat seine Familiengeschichte inzwischen selbst aufgeschrieben. Vor zwei Jahren erschien im Gütersloher Verlagshaus Ede und Unku – die wahre Geschichte, die er gemeinsam mit der Journalistin Juliane von Wedemeyer zu Papier brachte. Ebenso lesenswert ist sein Essay im aktuellen Sammelband Erinnerung stören (Verbrecher Verlag).

Janko wurde nach Monaten aus dem Heim entlassen. Zu verdanken hatte er das dem Schriftsteller Reimar Gilsenbach, einem Freund der Familie. Das SED-Mitglied hatte gemeinsam mit seiner Lebenspartnerin, der Musikerin Hannelore Kurth, an Behörden Eingaben geschrieben, und auch an Volksbildungsministerin Margot Honecker. Gilsenbach bot Jankos Schule an, im Rahmen eines Pioniernachmittags über das Leben der Sinti während Nazizeit zu sprechen. Simone Trieder schreibt: „Doch (...) die geplante Veranstaltung wurde von der Schuldirektorin kurzfristig abgesetzt. Mit zwei Begründungen, einmal, dass die Kinder in der Zeit Sport hätten, und zum anderen wolle sie nicht, dass Unruhe in die Klasse getragen würde.“

Da war die DDR tatsächlich eine Erziehungsdiktatur. Die alten Genossen holten ihre Herrschaftslegitimation nie aus freien Wahlen, sondern aus der Geschichte: Weil Kommunisten im Dritten Reich einen hohen Blutzoll gezahlt hatten, hatten Politbüro und SED-Apparat nun das Recht zu regieren. Dieses Narrativ mussten die DDR-Bürger schon in der Schule lernen. Die Familie des Janko Lauenberger aber hatte eine andere Wahrheit. In ihrer Erinnerung war nicht der kommunistische Widerstand das zentrale Ereignis in der NS-Diktatur, sondern die Ermordung ihrer Angehörigen. Ein angemessenes Gedenken an ihre Opfer, wie auch an die sechs Millionen ermordeten Juden, hätte die Staatssaga geschwächt und die „historische Mission“ der SED untergraben. Geschichtsfragen sind Machtfragen. Deshalb durfte Reimar Gilsenbach keinen Vortrag über das Leben der Sinti an der Schule halten, deshalb wird auch Das Magazin die Fotos nicht gebracht haben, deshalb wurde der Bitte der Sinteza von der Wochenpost nie entsprochen, deshalb ist es so schön, dieses wunderbare Buch in Händen zu halten.

Erinnern, stören

Der Fotoband Sinti in der DDR: Alltag einer Minderheit ist die erste Publikation zum Thema Antiziganismus in der DDR. Grundlage sind Recherchen der Autorin Simone Trieder in vielen Archiven und Gespräche mit Zeitzeugen. Die Fotografien stammen von Markus Hawlik-Abramowitz, es ist seine Diplomarbeit von 1983. Ein Großteil der Serie wird in diesem Buch (Mitteldeutscher Verlag, 144 S., 24 Euro) erstmals veröffentlicht. Der Band Erinnern stören: Der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive (Verbrecher Verlag, 540 S., 20 €) beinhaltet Geschichten ehemaliger VertragsarbeiterInnen, von Geflüchteten in BRD und DDR, von damaligen internationalen Studierenden, über jüdisches Leben in Ost und West sowie über die Kämpfe von Sinti und Roma im geteilten Deutschland. Mit Beiträgen von Sharon Adler, Hamze Bytyci, Max Czollek, Gülriz Egilmez und anderen.

Simone Barrientos ist kulturpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag. Zuvor war sie unter anderem Leiterin des Kulturmaschinen-Verlags, arbeitete als Sängerin, Schauspielerin, Dolmetscherin. In der DDR erlernte sie die Berufe Betriebselektrikerin und Gebrauchswerberin. Unlängst konnte sie in ihrer MfS-Akte lesen, sie sei eine „negativ dekadente Jugendliche“, die mit dem Pazifismus sympathisiere

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06:00 01.12.2020

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