Tour de France

A–Z Dieser Tage endet die Tour de France, die vor zwanzig Jahren erstmals ein Deutscher gewann: Jan Ullrich

Wem der am Arsch vorbeiradelte, der denkt vielleicht an andere Velo-Helden gern zurück – an Händchenhalter, Täve Schur oder einen laufenden Teufel. Sie alle würdigt unser Wochenlexikon


A

Absturz „Da haben wir in der Runde gesessen und da wurde Kokain geschnupft. Ich hab mich überreden lassen und das auch mal probiert. Ich meine aus Neugierde, ich wollte das testen.“ Mit diesen Worten schockte der Skistar und Liebling der Nation Andreas Goldberger 1997 im Live-Fernsehen ganz Österreich. Der Rapper K. Ronaldo (auch bekannt als Yung Hurn) feiert ihn in seinem Lied Andi Goldberger als „Kokaingott.“

Es ist dieselbe liebevoll-spöttische Art, mit der die Deutschen Jan Ullrichs Absturz mitverfolgten. Der Radprofi wurde vom ersten deutschen Tour-de-France-Gewinner zu dem Typen, der unter Drogeneinfluss in Til Schweigers Garten auf Mallorca randalierte. Klar, dass auch dieser steile Fall geehrt gehört. Der deutsche Rapper Genz widmete ihm eine eigene Hymne: „Ich nehm’ die Substanz, ich bin unschuldig. Guck mal wie ich tanz’, ich bin Jan Ullrich.“ Anna Meyer-Oldenburg

C

Course de la Paix oder kurz „Friedensfahrt“ nannte sich das Radrennen der Amateure, das seit 1948 anfänglich nur zwischen Prag und Warschau, später auch in Berlin (Ost) ausgetragen wurde. Es sollte der Tour de France ein wenig Konkurrenz machen. Das Regelwerk war ähnlich, es gab verschiedene Wertungen mit Trikots in Gelb oder Grün (Farben). Sinnfälliges Symbol war Picassos Friedenstaube. Auch für weniger Begeisterte war das Sportereignis in den vierzehn Tagen, da es stattfand, nicht zu vermeiden. Jeder DDR-Bürger kennt Gustav-Adolf Schur (genannt Täve), der 1955 der erste Gesamtsieger für die DDR wurde. Die Fans bevölkerten gern und freiwillig die Strecke. Begeisterte Reporter fanden – wie heute auch – fantasievolle Bezeichnungen für die „Pedalritter“ oder „Pedaleure“. Auch die Politik trat in die Pedale. 1969 wurde Prag wegen der dortigen Konflikte nicht angefahren. Der Gipfel unkluger politischer Symbolik war der Start in Kiew im Jahr 1986 nicht weit vom Unglücksreaktor von Tschernobyl. Magda Geisler

D

Duell 1986 findet ein episches Duell in der Geschichte der Tour seinen Höhepunkt. Bernard Hinault und Greg LeMond, die beiden Leader des dominanten, von dem zwielichtigen Geschäftsmann Bernard Tapie gegründeten Teams La Vie Claire, beherrschen das ganze Feld. Im Jahr zuvor hatte Hinault knapp gewonnen. Jetzt greift er, trotz gegenteiligen Versprechens (Vertrag), als Gegenleistung den Teamkollegen zu unterstützen, in der ersten Bergetappe an und reißt sich das Gelbe Trikot unter den Nagel. LeMonds Antwort folgt am nächsten Tag mit einem Etappensieg. In den Alpen setzte er sich endgültig von Hinault ab.

Legendär ist die Zieleinfahrt in der 18. Etappe nach L’Alpe d’Huez, wo die beiden – weit vor der gesamten Konkurrenz – Hand in Hand über die Ziellinie fahren. LeMond bleibt in Paris an der Spitze, womit erstmals ein US-Amerikaner die Grande Boucle gewinnt. Jahre später gerät die damalige Wirtschaftsministerin Christine Lagarde über eine Zahlung von 403 Millionen Euro „Schadenersatz“ an Tapie in Bedrängnis. Immerhin wird im Zuge von dessen Adidas-Affäre wegen „bandenartig, organisierten Betrugs“ ermittelt – mitsamt waschechter Hausdurchsuchung. Bald darauf wird Lagarde Präsidentin der EZB. Marc Ottiker

E

Eros Nichts könnte mir ferner liegen, als auf jene Räder zu steigen, die nur aus Rahmen, zwei Reifen und einer zusammengestauchten Lenkstange bestehen. Vielmehr tuckere ich auf einem schweren Rad, das an diversen Schnittstellen zuverlässig scheppert und knirscht, aufreizend langsam durch das Viertel.

Lautlos flitzende Millennials fahren mir oft fluchend oder auch direkt pöbelnd buchstäblich am Arsch vorbei. Als ich jedoch kürzlich auf die italienische Maschine eines Freundes stieg, eröffnete sich mir eine Ahnung der Faszination (Obsession). Blitzschnelle Beschleunigung, schwereloses Dahingleiten auf federleichtem Carbonrahmen. Purer Eros der Geschwindigkeit bei optimaler Straßenlage. Ein Jungbrunnen. Seither schaue ich etwas bedröppelt auf mein Union-Rad, das den Charme eines Wollstrumpfes versprüht. Marc Ottiker

F

Farben Die Trikotfarben markieren die in den Wertungen führenden Fahrer. Diese werden von Sponsoren finanziert, was teilweise die Farbenlehre erklärt. So erhielt das Gelbe Trikot mutmaßlich seine Farbe, weil die entsprechende Sportzeitung für ihren Gelbstich bekannt war. Das Muster des gepunkteten Hemdchens sei einem Schokoladenhersteller geschuldet. Chocolat Poulain wickelte seine Süßwaren in Verpackungen mit roten Punkten ein. Somit hat es heute Retro-Optik, wenn die Sieger der Bergwertung mit diesem Leibchen anrollern. Tobias Prüwer

J

Jan Ullrich Auch wenn uns derselbe Vorname durchs Leben trägt, Jan Ullrich hat eine Fähigkeit, die ich nicht habe: Er kann Fahrrad fahren. Vielleicht ja sogar zum Glück? In Zeiten des CO₂-Bewusstseins komme ich in die Bredouille, nicht das Fahrrad nutzen zu können, aber es gerne zu wollen. Doch im derzeitigen Verkehrskonzept sehe ich meine Fahrkunst auf zwei Rädern nicht. Warum wir Sportler so verehren, fragt George Clooney im Film „Up in the Air“ J. K. Simmons. Die Antwort: Weil sie ihre Träume leben. Ullrich lebte seinen Traum; doch Leistungssport ist durch das Alter leider begrenzt. Was folgte, war die Erosion eines Selbsts nach Sinnverlust (Absturz). Vielleicht sollten er und ich es aber noch mal probieren: mit Stützrädern. Jan C. Behmann

K

Kraftwerk 1983 erschien die Single Tour de France von Kraftwerk – 20 Jahre danach dann das Album Tour de France Soundtracks mit einer Neuaufnahme. Kraftwerk, vor allem Ralf Hütter, Florian Schneider und Karl Bartos, liebten den Radsport, weil sie ihn sich so dachten wie ihre Musik: Mensch und Maschine sind im Einklang, in perfekter Balance, perfekter Monotonie, perfekter Wiederholung, perfektem Rhythmus (Eros).

Schlanke Maschinen müssen für Kraftwerk ikonisch sein, in ihnen verkörpert sich die Haltung der Band. Hütter äußerte einmal: „Wir trainieren immer Rennrad. Da wir für die Musik stets in künstlichen Umgebungen arbeiten, bildet das Rennradfahren einen perfekten Ausgleich: mit dem Körper an der Luft, Physik.“ Etappen von 200 Kilometern sollen früher an der Tagesordnung gewesen sein, so Hütter: „Man wird zu einer harmonischen Einheit mit seinem Rennrad … Nach 100 bis 150 Kilometern hat man sich recht freigefahren. Dann fährt man automatisch: Es fährt.“ Marc Peschke

O

Obsession Die Tour der France als eine Veranstaltung abzutun, bei der viele Irre auf der Jagd nach farbigen Shirts und schwer gedopt über Berge kurven, ist genauso läppisch, wenn nicht ignorant, wie den Fußball als Event abzuqualifizieren, bei dem nichts weiter passiert, als dass 22 bis 28 Millionäre einem Ball hinterherlaufen – wenn man die Einwechselspieler dazurechnet. Wer die Tour de France verstehen will oder zunächst die Obsession für das private Rennradfahren auf schier unbezwingbaren Etappen (Absturz), dem sei Joachim Zelters Im Feld (Klöpfer & Meyer 2018)ans Herz gelegt, für den er kürzlich den LiteraTour Nord 2019 erhielt. Im Roman ist es die Freundin des Helden, die nicht begreift: „Susan folgte mir hinab, doch blieb ihr diese Welt nach wie vor fremd: meine vielen Räder, meine immer länger werdenden Rennradfahrten, meine zunehmende Beschäftigung mit Wattzahlen, Trittfrequenzen und Trainingsmethoden. Irgendwann konnte sie es kaum mehr glauben, dass das tatsächlich ich war, mit dem sie das alles erlebte.“ Katharina Schmitz

T

Teufel Seit 1992 taucht auf der Tour, meistens in den Alpen, ungefähr zehn Kilometer vor Ende der jeweiligen Etappe ein bärtiger Mann in einem Teufelskostüm auf und feuert die Übermenschliches vollbringenden Fahrer an, indem er mit einem Dreizack hinter oder vor ihnen herrennt. Tatsächlich ist „El Diablo“ oder „Didi the Devil“ nicht als gefallener Engel vom Himmel herabgestürzt, sondern stammt aus dem niedersorbischen Storkow und heißt Dieter „Didi“ Senft. Der leidenschaftliche Schlosser, Erfinder und Fahrradkonstrukteur steht mit sage und schreibe 17 Modellen im Guinness-Buch der Rekorde: darunter das weltgrößte Tandemrad und der mit 18,28 Metern längste zweirädrige Tretroller. Auch politisch zeigt er Flagge: 2005 trat er mit grünem Kostüm und dem Slogan „Weg vom Öl“ an.

Zu DDR-Zeiten (Course de la Paix) war er als Rad-Amateur mehrfach Bezirksmeister. Die Leiden der Fahrer sind ihm also nicht fern, was einen Teil seiner Authentizität ausmacht. So wirkt er wie der Spiritus Rector der Qualen von Sportlern, die, wenn sie ihn erblicken, bereits nicht mehr zwischen Trugbild und Realität unterscheiden können und – Senfts sanguinisch verzerrtes Gesicht vor sich – ihn womöglich als lustvolle Grimasse des Leibhaftigen wahrnehmen. 2014 wollte der Teufel in den Ruhestand gehen, was bei 500 Euro Rente sicher nicht einfach wäre. Seit 2014 ist er mit Hilfe eines Sponsors wieder unterwegs. Eine Tour ohne ihn wäre einfach nicht dasselbe. Marc Ottiker

V

Vertrag Auf der Schlussetappe gilt ein nicht unterzeichneter Vertrag. Diese Konvention besagt, dass der Gesamtführende auf den Runden durchs Pariser Umland und die Champs-Élysées nicht mehr attackiert wird. Darum nennt man diese finale Etappe die Tour d’Honneur, also Ehrentour. Dieses Gentlemen’s Agreement soll einen triumphalen Empfang vor der Hauptstadtkulisse und schöne Bilder sicherstellen. Doch es wäre kein Sport und es ginge nicht um Ruhm und Geld, wenn sich jeder daran halten würde.

Natürlich gab es Ausnahmen. So wollte Jean Robic unbedingt siegen, um die Prämie seiner Verlobten am Traualtar zu Füßen legen zu können. Er pfiff 1947 auf das Stillhalteabkommen und rauschte am Gesamtführenden vorbei. Doppelt vergeigte es Joop Zoetemelk 1979. Erst startet er einen unehrenhaften Angriff, der seine Reputation untergrub. Dann ließ er sich vom Gesamtführenden Bernard Hinault in einem Zweisprint (Duell) schlagen. Dass er auf Dopingmittel positiv getestet wurde, war dann auch egal. Tobias Prüwer

Z

Zahnkranz Epo ist nicht das einzige leistungssteigernde Mittel. Hinterm Zahnkranz, in Tretlager oder Nabe, kann sich ein kleiner Elektromotor verstecken. Seit einigen Jahren macht das sogenannte E-Doping die Runde, technische Vorteile durch Extra-Antrieb. Die Technik existiert und ist verlässlich in E-Bikes verbaut. Beim wadenpumpenden Radrennen mag man sie verständlicherweise nicht sehen. Im Jahr 2015 fügte der internationale Radsportverband UCI Strafen für Motor-Doping ein. Wie verbreitet dieser Betrug ist, darüber wird heftig diskutiert. Bisher sind nur Einzelfälle bekannt. Seit 2018 werden alle Tour-de-France-Räder verdachtsunabhängig auf Hilfsmotoren hinterm Zahnkranz geprüft. Tobias Prüwer

06:00 27.07.2019
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