Tour de Front

Nahost Ein Radrennen durch Jordanien, Ägypten, Israel und Westjordanland soll Menschen in Nahost verbinden. Entlang der Route finden sich Zeugnisse der Vorurteile
Tour de Front
Tour im Trockenen. Hier durch die Negev-Wüste
Foto: Menahem Kahana/AFP/Getty Images

Vor den Stufen des römischen Amphitheaters in Amman legen Schüler ihre Taschen auf den Boden und markieren provisorische Tore. Einen Fußball haben sie auch. Die Straßenkicker vor dem Kulturerbe erobern sich Terrain zurück, das gerade noch der Middle East Peace Tour gehörte. Das ambitionierte Rennen soll im März 2018 hier in Amman beginnen. Mitte Mai gab es die Generalprobe mit einem Start vor dem Theater und einer Etappe bis zum antiken Petra.

Im nächsten Jahr soll die Tour dann über eine Strecke von 681 Kilometern durch Jordanien, Ägypten, Israel wie die Westbank führen und in Jerusalem enden. „Wir wollen den Gedanken des Friedens transportieren, der Sport hat eine starke Stimme“, meint Organisator Gerhard Schönbacher, ein früherer Radprofi aus Österreich, der einst an der Tour de France teilnahm. Danach organisierte er selbst Radrennen und traf auf Ido Eindor, einen aus Israel stammenden Rennkommissär des Weltverbands UCI. Den gewann Schönbacher für seinen Course de la Paix durch den Nahen Osten. „Ein Rennorganisator in Zypern hatte als Erster die Idee. Er dachte an ein Mountainbike-Rennen, das in Zypern beginnt. Nach zwei Etappen auf der Insel sollte es per Fähre nach Israel gehen und dann in mehreren Etappen bis Jordanien“, blickt Eindor auf die Anfänge zurück. Lange gab es nur die Idee, bis das Projekt endlich Gestalt annahm, aber Zypern ausklammerte.

Zum Start des Pre-Events bringt Jamal al-Faouri, Präsident des jordanischen Radsportverbands, Sportler aus Trainingsgruppen mit, die gemeinsam mit Fahrern aus Europa – darunter die Niederländerin Annemiek van Vleuten, die bei Olympia in Rio schwer gestürzt war – ihre Runden vor dem Amphitheater drehen. Von dort geht es weiter zum Etappenort in Petra, wo Emad Hijazeen, Chef der Ausgrabungsstätte einer imposanten, aus dem rötlichen Felsen gehauenen Stadt aus vorrömischer Zeit, das Vorauskommando empfängt. Er hofft, von der Haupttour 2018 möge der Tourismus zehren. „Bei all bisherigen Gesprächen hat sich gezeigt, dass in der Region das Rennen auch deshalb gewollt wird, weil dadurch eine andere Geschichte erzählt werden kann. Die beteiligten Länder erscheinen einmal nicht als Krisenregion. Und die Tourismusministerien wollen genau das“, resümiert Schönbacher seine Eindrücke.

Dass es so weit kam, hat er besonders Österreichs Botschafter in Jordanien zu verdanken. „Ich fand die Idee fantastisch. Sport ist oft ein verbindendes Element. Und wir versuchen, das Ganze zu unterstützen“, so Martin Weiss. Österreichs Chefdiplomat in Israel schwang sich selbst aufs Rad und fuhr einen Tagesabschnitt quer durch die Negev-Wüste mit. „Ich glaube, alle Vernünftigen auf beiden Seiten wissen, dass man dazu verdammt ist, gemeinsam zu leben. Einen Beitrag dazu kann diese Tour leisten“, meinte Weiss. Als Diplomatie Ersatz betrachte er sie freilich nicht und warne davor, ein solches Rennen politisch übermäßig aufzuladen.

Gefahr in Zone C

Wie sensibel vorgegangen werden muss, offenbart sich bei der Ankunft in Jericho. Kurz vor der Einfahrt in die von der Palästinensischen Autonomiebehörde verwaltete Stadt stellte der israelische Busfahrer den Motor aus. Ein Schild am Straßenrand verbietet israelischen Staatsbürgern ausdrücklich die Weiterfahrt. Es warnt vor Todesgefahr für Israelis. Aufregung im Bus. Nach mehreren Telefonaten lässt sich der Fahrer überzeugen – der Konvoi kann auf den Schutz des österreichischen Botschafters bei der Palästinensischen Autonomiebehörde zählen.

Wie verzwickt die Situation ist, erklärt Malak Hasan, eine junge Palästinenserin, die mit ihrem Rad von Ramallah nach Jericho kam und den palästinensischen Radsportverband vertritt. „Es ist tatsächlich so, dass Israel seinen Bürgern die Einreise in das Westjordanland verbietet. Ausnahmen gelten für die Bewohner der israelischen Siedlungen. Aber allen anderen wird suggeriert, dass Palästinenser den Juden nach dem Leben trachten. Umgekehrt untersagt Israel uns Palästinensern die Einreise nach Israel.“ Nicht einmal auf allen Straßen, die durch palästinensisches Gebiet führen, darf sie mit ihrem Rad unterwegs sein. „Wir haben hier die Zonen A, B und C. Die Zone A untersteht der palästinensischen Polizei, das ist kein Problem für uns. Die Zone B wird halb und halb von Palästinensern und Israelis kontrolliert. Die Zone C ist nur für israelische Siedler und das Militär. Hier zu fahren, ist gefährlich“, so Hasan.

Am Römischen Theater von Amman
Foto: Menahem Kahana/AFP/Getty Images

Sie schwankt beim Gedanken an die Middle East Peace Tour 2018 zwischen Euphorie und Empörung. Sicher sei das Vorhaben zu begrüßen. „Ich bin immer dafür, Leute kennenzulernen. Wir kämpfen auch deshalb gegeneinander, weil wir die anderen nicht kennen und annehmen, sie seien böse und verrückt. Wenn du jedoch mit den Leuten redest, merkst du, dass sie so normal sind wie du. Dass sie ähnliche Wünsche und Träume haben.“ Dann aber wird ihr wieder die traurige Realität bewusst. „Ich würde gern beim Rennen im nächsten Jahr dabei sein. Aber ich glaube nicht, dass es dazu kommt, wegen der Situation“, meint sie skeptisch. „Es ist schön, wenn Radsportler aus aller Welt unser Land kennenlernen. Aber wir Palästinenser wollen auch ungehindert mitfahren.“

Wird die Middle East Peace Tour das garantieren? Koorganisator Ido Eindor will sich dafür einsetzen, dass Hasan und ihre Landsleute 2018 auf jeden Fall teilnehmen können. Sollte eine Ausnahmegenehmigung für palästinensische Sportler erteilt werden, will Malak Hasan kommen. „Ich habe immer gesagt, dass wir Menschen den Augenblick nutzen sollten. Ebenso wie die kleinen Schritte, um größere machen zu können. Bekäme ich die Erlaubnis zur Teilnahme, würde ich nicht nein sagen und mich für mehr Bewegungsfreiheit für alle Palästinenser einsetzen.“

Aber Skepsis gibt es nicht nur in Palästina. Für manchen Jordanier könnte das Teilstück in Israel zum Charaktertest werden. „Ich bin mir nicht sicher, kann mir aber vorstellen, dass Jordanier Druck von ihren Familien und Freunden erhalten, wenn sie sagen, dass sie nach Israel fahren. Viele werden das ablehnen“, meint der Verkäufer eines Radsportmagazins in Amman. Kann die Middle East Peace Tour auch diese Hürde überspringen? Gerhard Schönbacher ist überzeugt davon. „All das zeigt doch nur, was es heißt, wenn man sich für die Zeit eines Radrennens wenigstens ein Mal von den Konflikten lösen will.“

Dass es Fortschritte in der Region gibt, war am Rande des Pre-Events ebenfalls zu spüren. In der antiken Stadt Petra etwa erzählte Ido Eindor: „Für Israelis war dies schon in den 70er Jahren ein mythischer Ort. Viele wollten dorthin. Obwohl es Krieg gab zwischen Israel und Jordanien, haben sie sich heimlich über die Grenze geschlichen. Manche wurden von der jordanischen Polizei aufgegriffen. Manche sind ums Leben gekommen, nur weil sie Petra sehen – nur weil sie reisen wollten.“

Immerhin schwebt man jetzt in keiner Lebensgefahr mehr, wenn man diesen Sehnsuchtsort aufsucht. Mehr von dieser Art Normalität will die Middle East Peace Tour vermitteln. In Jericho ist ihr das schon mal geglückt, wenn Israelis und Palästinenser gemeinsam Rad fahren. Ahmad, ein 27-jähriger Architekturstudent aus Ramallah, ist beim gemeinsamen Essen sogar den Tränen nahe, als er feststellt: „Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich mit einem Israeli an einem Tisch sitze und mit ihm esse.“ Sein Nachbar war der Busfahrer, der gerade noch Angst davor hatte, nach Jericho hereinzufahren. Man wagt es kaum, sich auszumalen, welche Begegnungen das nächste Jahr bringen kann, wenn tatsächlich 500 Fahrer von Amman aus zur Sieben-Etappen-Fahrt über Petra durch die Negev-Wüste und die Westbank bis nach Jerusalem aufbrechen. Zunächst soll das Rennen bis 2023 Jahr für Jahr wiederholt werden. Da sei Zeit genug, um zu verändern, was stört, sagt Schönbacher.

06:00 14.06.2017

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