Tourist sein heißt: sich selbst zu belügen

Anti-Arbeit Mit dem Konzept Ferien erfüllen wir eine Pflicht – und verbunkern uns vor Veränderungen. Lassen wir das sein!
Tourist sein heißt: sich selbst zu belügen

Foto: Yosigo

Wenn ich in den Urlaub fahre, kommt mir das als etwas sehr Persönliches vor – wir sind ja stolz darauf, Individualisten zu sein. Aber gemacht im Sinne von organisiert, produziert und ermöglicht werden mir meine Ferien von Staaten. Damit meine ich nicht die Bestimmungen über Einreise, Ausreise und Grenzkontrollen, die uns seit Covid-19 beschäftigen. Sondern die Bedingungen, unter denen Reisen zum Vergnügen stattfindet, und zwar seit der Erfindung des Fremdenverkehrs in der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Denn Tourismus ist von Anfang an Industrie. Entstanden ist er dadurch, dass die neuen Technologien Dampfschiff und Eisenbahn das Reisen gewaltig beschleunigten und verbilligten. Die angeblich unberührte Natur, die von 1850 an immer mehr reiche Gäste aus Industrieländern anzog (denn nur die konnten sich das leisten), Berge und Strände als verlockende Orte entstanden überhaupt erst dadurch, dass Touristen kamen und sie sehen und nutzen wollten. Die Suche nach der echten Idylle von früher und die technische Beschleunigung widersprechen sich nicht, verstärken einander vielmehr gegenseitig. Dadurch entsteht das Authentische: durch Verknappung und Vermarktung. Deswegen muss sich Tourismus als Anti-Arbeit inszenieren, als wiedergewonnene Lebenszeit. Aber er beruht seit 170 Jahren selbst auf Arbeit, die zum Verschwinden gebracht werden muss – die der Service- und Putzkräfte, der Kellner und Zimmermädchen, zum allergrößten Teil niedrig bezahlte Saisonkräfte. Nur kommen die Putzfrauen natürlich nie in den touristischen Bildern vor.

Tourismus besteht von Anfang an aus Fiktionen, die Wirklichkeiten erzeugen. In den Ferien glauben wir gerne an tropische Paradiese, die früher auf Sklavenhandel beruht haben, wie auf den Kanarischen Inseln und in der Karibik. Oder wir glauben an ländliche Idyllen, weil diese Bilder die komplizierte Geschichte der vergangenen 200 Jahre – Hunger, Armut, Auswanderung – wie von Zauberhand verschwinden lassen. Bilder erzeugen die Orte, zu denen wir hinwollen; wir machen selbst Bilder, als Beweis dafür, wie glücklich wir dort waren, alle sollen es sehen: Erst das Bildermachen erzeugt nachträglich das idyllische Echte, aus dem alles Störende verschwunden ist.

Denn von der touristischen Erschließung und Entwicklung eines Ortes profitieren nicht alle, die dort wohnen. Sondern nur diejenigen, die dort Immobilien besitzen, Grundstücke und Häuser. Tourismus ist die Produktion von künstlichen Welten, die reale Renditen versprechen. Wenn ein Ort erst einmal zur touristischen Marke geworden ist, ist die offensichtlich unzerstörbar, egal wie monströs, übernutzt und banal das ursprünglich besondere Schöne geworden ist. Seit dem 19. Jahrhundert sind Touristenorte berühmt dafür, berühmt zu sein.

Infantil und stolz darauf

Tourismus reagiert darauf, dass er seinen Kunden das Entkommen vor seinem eigenen Erfolg verspricht, als Superreplikator: Gegen die Probleme, die er erzeugt, hilft nur noch mehr vom selben. Tourismus ist die Industrie des schlechten Gewissens, und zwar seit 150 Jahren. Denn die Verwüstung der Alpen durch ihre vielen begeisterten Besucher wurde schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts bitter beklagt. Aber „Anders Reisen“ bedeutet in der Praxis einfach: noch mehr Reisen.

Und der Urlaub der Zukunft? Wenn es um Ferien geht, sind wir narzisstischer, sentimentaler und infantiler, als wir es eigentlich sind, und das zeigen wir auch stolz vor. Die Deutschen sind fest überzeugt davon, dass sie sich ihren kostbaren Urlaub verdient haben. Weil sie doch so fleißig seien. Nur ist das ein Irrtum. Die tatsächliche Lebensarbeitszeit ist in Griechenland, Spanien und Italien deutlich länger als in Deutschland. Die Arbeitnehmer dort haben kürzere Ferien und verdienen im Schnitt auch sehr viel weniger. Was wir für unser eigenes Verdienst halten, ist in Wirklichkeit ein ökonomisches Privileg.

Diese kollektive Infantilisierung ist aber nicht vom Himmel gefallen. Vor dem Ersten Weltkrieg konnten sich in allen europäischen Ländern nur Wohlhabende Ferien leisten. Gesetzlichen Mindesturlaub gab es nicht, Sommerferien musste man sich selber finanzieren, und das konnten nur wenige. Wer Urlaub machte, gehörte dadurch automatisch zu den besseren Leuten. 1922 stellte Mussolini Urlaub für alle ins Zentrum seiner faschistischen Propaganda, mit staatlich geförderten Ferienheimen und Ferienprogrammen. Die Nazis kopierten das sofort. Reisen, erklärte der NS-Staat 1933, sei kein Luxus, sondern „nationale Pflicht zur Wiederherstellung der Nervenkraft“; mit Erfolg, 1937 vermittelten die deutschen Reisebüros mehr als zehn Millionen Reisen. Das erste Land, das zwei Wochen Mindesturlaub zum Recht machte, war allerdings das von einer linken Volksfront regierte Frankreich 1936, als Antwort auf die faschistische Propaganda. In der kollektiven deutschen Erinnerung kommt das nicht vor. Dort sind die Bilder vom Urlaub fest an die Wirtschaftswunderjahre gekoppelt, die der Dienstleistungsindustrie Fremdenverkehr dramatische Zuwächse brachten. Seither ist Tourismus Pop, eine globale Industrie der endlosen Wiederholungsschleifen des Vertrauten. Wie beim Pop hat sich der Tourismus aus gesellschaftlichem Gegenentwurf, Flucht und Revolte in einen Allesfresser verwandelt, der jede abweichende Position eingemeindet und kommerziell nutzt, als „authentisch“. Das Wirtschaftswunder hört nie auf.

Könnte es sein, dass Tourismus eine geschlossene Anstalt ist und sein eigentliches Programm Angstabwehr? Die klebrigen Bilder von Stränden und Bergen sollen die individuelle Angst vor dem Älterwerden überdecken und die kollektive vor dem Verlust der eigenen ökonomischen Vorrangstellung. Das Konzept Ferien in dem uns vertrauten Sinn ist ein Bunker gegen die Zukunft: eine selbstorganisierte Festung gegen Veränderung. Und eine Pflicht, die erfüllt werden muss, damit die vertrauten Bilder der künstlichen Welten weiterhin funktionieren. Oder, wie wir Historiker sagen: Damit alles so bleibt, wie es nie war.

Valentin Groebner lehrt Geschichte an der Universität Luzern. 2020 erschien: Ferienmüde. Als das Reisen nicht mehr geholfen hat

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