Towering Inferno

New York Die Ahnung, dass die Apokalypse kein Ende mit Schrecken, sondern ein Schrecken ohne Ende ist

»Alles, was wir sehen, könnte auch anders sein. Alles, was wir überhaupt beschreiben können, könnte auch anders sein.«

Ludwig Wittgenstein

Wie oft in diesen Tagen haben wir uns angesichts der Live-Übertragung vom Einschlag zweier Boeing ins World Trade Center gefragt: Kann es wahr sein, ist das wirklich oder handelt es sich um die Inszenierung eines Albtraums. Eine Computer-Simulation infamer Internet-Piraten, den Trailer eines neuen Katastrophenfilms. Orson Welles löste 1938 eine Panik aus mit seinem fiktiven Hörspiel Krieg der Welten. CNN bewies 53 Jahre später mit seiner Fiktion vom realen Golfkrieg, dass Bilder besser lügen als Töne. Als die Berliner Mauer aufging, glaubten viele, einem perfekt inszenierten Doku-Drama aufzusitzen. »I don´t believe, what I see.«, meinte der BBC-Reporter am Brandenburger Tor. Ich ungläubiger Thomas verließ am selben Tag Ostberlin gen Ostende, weil es immer schlimm endete, wenn die Deutschen sich ihre nationalen Träume erfüllen. Fünf Jahre blieb ich der Stadt meiner Qual fern und wohnte ausgerechnet in New York, der ersten Adresse für Verbrechen und andere Katastrophen. Täglich ging ich zu Fuß von meiner Wohnung in der Canal Street zum Battery Park und war froh, wenn ich keine Berliner Freunde aufs Dach des World Trade Center begleiten musste. Ich bin nicht schwindelfrei und hielt die beiden Türme immer für das ultimative Ziel von Terroranschlägen.

Im Februar 1993 passierte, was irgendwann passieren musste. Doch die Autobombe im Parkhaus war weniger spektakulär als die Dreharbeit zu Last Action Hero, die zur selben Zeit das Verkehrschaos in Downtown um eine Schraubendrehung anzog. Weil die starken Nerven der New Yorker nach dem Bombenanschlag leicht entzündet waren, verbot der Bürgermeister bis auf weiteres pyrotechnische Filmaufnahmen in der Stadt. Ein Jahr zuvor brannte in New Jersey ein Reifenlager. Der Wind blies den ätzenden, schwarzen Rauch in die Schluchten des Financial Districts und trieb den Bänkern die Tränen in die Augen. Zwei Menschen starben an Herzversagen - deutsche Emigranten, die aus den brennenden Städten Dresden und Kassel entkommen waren.

Die tägliche Angst vor allem und jedem ist der Minuspol - das nächtliche Glücksgefühl, davongekommen zu sein, der Pluspol des Kraftwerks Manhattan. Seit vorletztem Dienstag sind die Sicherungen im fröhlichen Chaos New Yorks durchgebrannt. Der Opti-mismus, dass es nicht schlimmer kommen kann, spendet keinen Trost mehr. Die düstere Ahnung wird zur Gewissheit, dass die Apokalypse ein Schrecken ohne Ende ist und der größte Granitfelsen der Welt keine rettende Arche, vielmehr die Titanic, das Flaggschiff des Weltuntergangs von Verdun, Stalingrad, Hiroshima, Bagdad... Die finsteren Rachegelüste des US-Präsidenten rufen alte Ängste des Kalten Krieges wach, als es mehrmals fünf vor Zwölf war, 1962 eine Minute vor Zwölf, da die Sowjets ihre Raketen auf Kuba stationierten als Antwort auf die amerikanischen in der Türkei.

Hilflose Züge trägt die Betroffenheit mancher deutscher Politiker. Eine Bundestagsabgeordnete bestätigte die Nähe von Tragik und Komik, als sie schluchzend erklärte: »Ich bin unfassbar«. Man wagt sich kaum auszumalen, was unser Bürgermeister im Falle einer New Yorker Katastrophe für Berlin zu tun in der Lage ist. Lichterketten und fromme Sprüche haben weder die Berlin-Blockade, noch den 13. August überstehen helfen. New Yorks Bürgermeister Giuliani zeigt Gefühle, statt sie herbeizureden, und macht seine Arbeit. Bei uns ruht seit einer Woche die dringend notwendige Haushaltsdebatte, weil die Parlamentarier wie Harold Maude von einer Trauerfeier zur anderen rennen. Derweil verhaften die Berliner Schupos über der Norm, vor allem arabisch aussehende Mitbürger. Jahrhunderte waren die Juden an allem schuld. Jetzt sind es die Moslems. Zu schnell und dramaturgisch unglaubwürdig verhaftet das FBI die üblichen Verdächtigen in diesem Polit-Thriller, als dass man sich nicht wundert, weshalb es einen logistisch so aufwendigen Terrorschlag nicht verhindern konnte. Es sieht im Nachhinein aus, als hätten die Täter bewusst Spuren gelegt, nur keiner konnte oder wollte sie lesen.

Niemand hat sich bisher glaubhaft zu dem Verbrechen bekannt, und man kann davon ausgehen, dass die Drahtzieher nie bekannt werden. Weil die Ausführenden tot sind, die Helfer aber nicht wissen, wer das Inferno in Auftrag gab. Für diese »nützlichen Idioten« genügte der persönliche Hass, den sie auf alles haben, was made in USA ist. Für George Bush ist bin Laden der Erzfeind, für seinen Vater war es Saddam Hussein. Ihm traut man alles zu, nur nicht, dass er seinen heimlichen Triumph über Amerika aufs Spiel setzt. Von bin Laden wissen wir, dass er wie Saddam ein Protegeé des CIA war und die USA bisher nur auf heiliger moslemischer Erde bekämpfte. Wenn er den Angriff aufs amerikanische Festland befahl, ist er ein Narr oder lebensmüde. Beides passt nicht zu dem Bild, das Reporter von NBC in einer sachlichen Recherche von dem saudi-arabischen Dissidenten zeichnen. Doch Selbstkritik und Rationalismus passen derzeit nicht ins Gruppenbild Amerika - Home of the Brave and Free. Zwischen Alamo-Mythos und Vietnam-Trauma nimmt das Gespenst der Rezession Platz, das seit Wochen in der Wall Street umgeht. In Schutt und Asche gehüllt wird es Tausenden den Verstand vernebeln, die so oder so ihren Job verlieren. Ihnen bleibt der puritanische Selbsthass, der die Yankees so aggressiv macht.

»They all hate us any-how. Let´s drop the Big one (Atombombe) now«. Den ironischen Text des Liedes von Randy Newman sprühte vergangene Woche jemand an die Wände des Pentagon. New York hat Washington D.C. einmal mehr die Schau gestohlen. Auch strategisch sind die Folgen des Anschlags dort verheerender. Nicht alle Kollateralschäden wurden publik gemacht. Dass im World Trade Center auch die CIA Mieter war, wissen nur wenige. Ich wollte einmal die beeindruckende, an Indianertrommeln erinnernde Richtfunkanlage auf der Aussichtsplattform fotografieren. Ein Wachmann bat mich höflich, es nicht zu tun und auch nicht zu fragen, wem sie gehört.

Für uns unbeteiligte Betroffene ist es verlockend aber müßig, über die Hintergründe der Attentate zu spekulieren. Wichtiger ist, dass jene, die politische und militärische Entscheidungen zu treffen haben, einen kühlen Kopf bewahren. Denn das Ziel dieses Terroraktes ist Eskalation, nicht Extraktion. Die Analyse derselben verlangt nahezu unmenschliche Klarheit der Gedanken, Logik genannt. - »In der Logik ist nichts zufällig«, sagt Wittgenstein. Und weiter: »Wenn das Ding im Sachverhalt vorkommen kann, so muss die Möglichkeit des Sachverhaltes im Ding bereits präjudiziert sein«. Die monolithischen Türme des World Trade Center waren ein Symbol wirtschaftlicher Macht und technischer Herrlichkeit der weißen Rasse. Joseph Beuys gab ihnen in seinen Multiples die Namen Cosmos und Damian. Cosmos bedeutet Weltordnung - Damian ist der englische Name für Daimon. Bei Homer heißen die olympischen Halbgötter Daimones. Erst bei den Römern erscheinen die Dämonen als den Menschen feindlich gesinnte Mächte. Im Christentum wird aus dem Kollektiv das personifizierte Böse mit den vielen Namen. Im Hollywoodfilm Exorzist ist Luzifer ein Westpoint-Kadett namens Damian und bringt die halbe Welt zum Einsturz.

Als ich die Türme des Welthandels einstürzen sah, musste ich an die Samsonite-Werbung denken, bei der jemand einen Koffer wegnimmt, der an einem Wolkenkratzer lehnt. Daraufhin stürzt das Gebäude in sich zusammen. Samsonite heißt: nach Art von Samson. Der biblische Recke wurde berühmt, weil er in einem Selbstmord-Attentat den Palast der Philister mit 3.000 Gästen zum Einsturz brachte. Man wagt kaum, die Kausalkette logisch-assoziativ weiterzuspinnen. Wieso wurden die Glastürme von L.A. nicht Ziel des Anschlags? Ist Hollywood, das sich dort jährlich mit dem OSCAR für seine globale Kino-Weltordnung feiert, kein Hort des Bösen für Leute, die Filme als unsittlich verbieten und ihre Frauen verschleiern? Verschonten die Luftpiraten Tinseltown, weil es ihnen den Plot zum realen Film lieferte?

Niemand hat mit größerer Energie und Lust New York zerstört als Roland Emmerich, unser Mann in Hollywood. Ihm gelang, wovon Hitler nur träumte. Independence Day und Godzilla gingen jedem an die Nieren, der die Stadt am Hudson-Bay in sein Herz geschlossen hat. Sind die kalifornischen Aktionäre der Apokalypse geistige Brandstifter oder Rufer in der Wüste?

In dem Actionfilm Ausnahmezustand interniert die Nationalgarde nach einer Terrorwelle in Manhattan alle moslemischen New Yorker, bis sich herausstellt, dass der Bösewicht ein arabischer Agent des CIA war. Vielleicht sind die Westküsten-Cineasten nur halbstarke James Deans und wissen nicht, was sie tun? Die Architekten des WTC wussten, was sie tun, als sie die beiden höchsten Bürohäuser der Welt bauten. Die städtebaulich völlig überproportionierten Türme waren nie etwas anderes als eine Demonstration babylonischen Größenwahns. Ein doppelter Stinkefinger gegen Gott und die Welt.

Dass dieser in den Himmel gekippte Bürotrakt zum Sarkophag für Tausende Angestellte wurde, hat nicht nur Folgen für die schönen Künste Architektur und Kino, auch für die hässliche Realität. Schon jetzt sieht der Süden Manhattans aus wie in John Carpenters Endzeitvision Die Klapperschlange, wo die Insel im Hudson ein kaputtes Gefängnis ist, in das man weder hineinkommt noch heraus.

So könnte der 11. September 2001 zum Wendepunkt in der Erfolgsgeschichte Manhattans von den Jagdgründen Hiawathas zum Hochsitz der Banker und Börsianer werden. Schon bald könnte Gotham City aussehen, wie in Peter Sellars Remake von Fritz Langs Metropolis. Da hausen die Obdachlosen in den Bürotürmen von Downtown, weil das Kapital den Hudson hinaufgezogen ist, um dort in gesunder Luft und ohne Verkehrschaos seine Geschäfte zu machen. Nichts wird mehr sein, wie es wahr - der Kassandra-Ruf des Fernsehens, für das schlechte Nachrichten immer gute Nachrichten sind, könnte sich als weise Prophetie erweisen. Zumindest klingt uns Sinatras Hymne auf New York (»If I can make it there, I make it anywhere») jetzt anders in den Ohren. Jene, die schon immer weg wollten, verstehen sie als Ermutigung zum Aufbruch. Jene, die das Ausmaß der Katastrophe feiern, als Ermutigung zu weiterem Terror. Den Einsiedler, der einen Steinwurf vom World Trade Center entfernt auf seinem brachen Grundstück sitzt und sich stur weigert, es zu verkaufen, wird auch das nicht zur Aufgabe zwingen. Weil er nur hier so frei sein kann, auf goldenem Boden als Bettler zu leben. Dank seines Siedlertraumes wird der Big Apple immer die Sehnsucht der Unfreien und Erniedrigten der ganzen Welt sein. Auch wenn die Eliten dereinst zum Mars aufbrechen, weil die Erde unbewohnbar geworden ist: New York bleibt New York.

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00:00 21.09.2001

Ausgabe 42/2021

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