Tradition versus Religion

FRAUEN IN JORDANIEN Prinzessin Basma von Jordanien, Vorsitzende des 1977 als NRO gegründeten "Jordanian Hashemite Fund for Human Development" (JHFHD)

FREITAG: Welches Ziel verfolgt der JHFHD für Frauen?

Prinzessin Basma: Die Frauen in den ländlichen Provinzen kämpfen täglich unter härtesten Bedingungen ums Überleben. Ziel ist, Frauenarmut und traditionelle Restriktionen zu überwinden. Familienplanungs- und Ausbildungsprogramme, Starthilfe bei der Gründung von Kleinstunternehmen sollen Frauen ermutigen, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Wenn traditionell Männer Entscheidungsträger sind, kann man nicht an ihnen vorbei Gleichberechtigung dekretieren. Dagegen wirken der wirtschaftliche Erfolg der ersten Krämerläden, der Nähstuben, der Geflügelfarmen, der Privatkindergärten, die Anerkennung und der Respekt, der den Unternehmerinnen entgegengebracht wird, motivierend auf andere Frauen und sind zugleich die beste Werbung, um Männer vom Wert des wirtschaftlichen Engagements von Frauen zu überzeugen.

Weshalb unterstützen Sie die Initiative für den neuen Gesetzentwurf gegen Morde für die "Familienehre"?

Bislang hat es von offizieller Seite kaum jemand gewagt, an diesem Tabu zu rütteln. Die Familie ist die grundlegende Institution der Stammesgesellschaft und hat das Selbstverständnis, interne Angelegenheiten auch intern zu regeln, um die Familie oder den Stamm nach außen nicht angreifbar zu machen. Dieses Denken ist Basis der Selbstjustiz, gegen die vorzugehen schwer ist, denn die Männer morden im Bewusstsein, traditionelle Werte zu verteidigen. Sie haben daher kein Unrechtsbewusstsein. Unsere Kampagne wird viel Zeit brauchen, erst durch verbesserte wirtschaftliche und soziale Lebensbedingungen wird sich das Denkens verändern.

Indem Sie ein neues Konzept von Familie einzuführen versuchen?

Oder vielmehr traditionelle Werte hinterfragen. Denn laut religiöser Vorgaben darf eine sexuelle Beziehung außerhalb der Ehe nur dann bestraft werden, wenn vier männliche Augenzeugen das Vergehen beweisen können. Dann müssen laut Koran Mann und Frau gleichermaßen bestraft werden. Da aber traditionell die Tötung eines Mannes mit weiterem Blutvergießen vergolten werden muss, fürchtet man eine über mehrere Generationen währende Blutfehde auszulösen. Deshalb geht der Mann meistens straffrei aus, selbst wenn ihm Vergewaltigung nachgewiesen wird. Die Ermordung des Opfers ist dagegen der Versuch, die Tat auszuradieren. Das verstößt gegen die jordanische Verfassung: Sie schreibt die Gleichheit von Mann und Frau gesetzlich fest.

Aber das Strafgesetz enthält zwei Paragraphen, nach denen Ehrenmorde straffrei sind.

Mein Bruder, König Hussein, hat schon 1996 vor dem Parlament für die Abschaffung dieser nicht verfassungskonformen Regelungen plädiert. Das ganze Strafgesetzbuch müsste meiner Meinung nach überarbeitet werden. Entscheidend ist es jedoch, dass die Menschen Gesetze, die auf dem in der Verfassung verankerten Gleichheitsprinzip basieren, auch als gerecht empfinden. Deshalb beziehen wir auf regionaler Ebene politische und religiöse Führungsfiguren in unsere Kampagne ein. Gerade von religiöser Seite werden wir unterstützt. Aber noch liegt ein weiter Weg vor uns.

Das Gespräch führte Angela Grünert

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