Tradition war gestern

Fußball Die Bundesliga steht unter gnadenlosem Modernisierungsdruck. RasenBallsport Leipzig steht als Symbol dafür
Bert Rebhandl | Ausgabe 07/2017 1
Tradition war gestern
Illustration: Susann Massute für der Freitag

Am vergangenen Samstag spielte der Hamburger Sportverein (HSV) in Leipzig. Es war die erste Bundesligabegegnung zwischen zwei Mannschaften, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Auf der einen Seite der Traditionsklub aus der Hansestadt, krisengeschüttelt seit Jahren, aber eben auch seit 1963 kein einziges Mal in die Zweite Liga abgestiegen. Auf der anderen Seite ein Verein, der erst 2009 gegründet worden war, der sich damals von einem Kleinverein aus der Oberliga die Startrechte holte, nachdem die Übernahme des traditionsreichen FC Sachsen Leipzig gescheitert war, und der seinen Namen einer Umgehung von Regeln verdankt. Da kein Fußballklub in Deutschland so heißen darf wie ein Sponsor, steht RB Leipzig jetzt eben nicht für Red Bull Leipzig, wie es gemeint ist, sondern für RasenBallsport. Manche sagen auch: für Rülpsbrause.

Der HSV gewann am Samstag in Leipzig mit 3:0. Wichtiger aber waren die Nachrichten von den Einsatzkräften: keine besonderen Vorkommnisse. Erst eine Woche zuvor war es beim Auswärtsspiel von RB Leipzig in Dortmund zu schockierenden Szenen gekommen. Fans der Borussia hatten angereiste Anhänger aus Leipzig attackiert, Familien mit Kindern wurden beschimpft, angepöbelt und verletzt. Und im Stadion gab es gehässige Transparente, auf denen die Grenzen des Protests gegen den Einfluss von Investoren im deutschen Fußball deutlich überschritten wurden. Ralf Rangnick, dem sportlichen Strategen hinter dem rasanten Aufstieg des sächsischen Clubs, wurde in Anspielung auf eine frühere Burn-out-Erkrankung empfohlen, sich das Leben zu nehmen: „Häng dich auf“. Die Dortmunder Ultras griffen damit eine Parole von Anhängern von Hertha BSC auf und radikalisierten sie. Passenderweise war Rangnick davor schon bei der TSG 1899 Hoffenheim tätig gewesen, einem Verein aus dem Badischen, der mit Kapital des IT-Industriellen Dietmar Hopp in die Bundesliga geführt wurde.

Der Hass, der sich in Dortmund zeigte, hat den deutschen Fußball auf dem falschen Fuß erwischt. Selbst Hans-Joachim Watzke, der Geschäftsführer des BVB, musste sich die Frage gefallen lassen, ob nicht sogar er die Stimmung angeheizt hatte. Der Hintergrund ist klar: Der Bundesligabetrieb ist zu einem gigantischen Geschäft geworden. Um die Teilnahme daran wird intensiv gerungen, keineswegs nur mit sportlichen Mitteln, sondern mit all dem, was in den modernen Ökonomien dazugehört – Branding, symbolisches Kapital, Identitätsangebote. Die Fußballbundesliga wird zunehmend zu einem Feld, auf dem entsprechende Kampagnen ausgetragen werden.

Tiefliegende Paradoxien

Und Teile der Fans reagieren darauf in Ansätzen fundamentalistisch. Sie sind es leid, dass sich das Stadionerlebnis zunehmend verändert, dass sie ihren Kult mit einem stärker auf Event ausgerichteten Publikum teilen müssen, dass sie das Bier und die Wurst mit einer Plastikkarte bezahlen müssen, dass sie von hochauflösenden Kameras beobachtet werden und ihre Pyro nicht mehr ins Stadion schmuggeln können. Nun gibt es mit RB Leipzig erstmals ein Team in der Bundesliga, das nicht einmal mehr auf die Traditionen eines Werksklubs verweisen kann, wie es bei Bayer 04 Leverkusen der Fall ist oder beim VfL Wolfsburg. Bei Red Bull geht es auch nicht um Massenprodukte wie Arzneien oder Autos, sondern eigentlich nur um eines: dass möglichst viele Menschen sich den aufputschenden Drink aus der Dose zuführen. Dafür bietet der Sport ein ideales Marketingumfeld, auch wenn Red Bull für Sportler vollkommen ungeeignet ist.

Bis zu den Ereignissen von Dortmund hätte man meinen können, dass der Unmut über die Investoren im deutschen Fußball halt zur Folklore einer Liga gehört, die sich ohnehin ein traditionalistisches Regelwerk gegeben hat. Beim Ligaverband gilt offiziell eine 50+1-Regel, das heißt, dass die Vereine immer die Mehrheit an den zumeist ausgegliederten Gesellschaften für den Profifußball halten müssen und Investoren de facto nur einsteigen, nicht aber übernehmen können – wie es in England, aber auch allen anderen Ligen längst der Fall ist. Was aber, wenn schon der Verein zur Gänze einer Firma gehört, wie bei Red Bull Leipzig? Das ist neu und widerspricht den Regeln schon deswegen nicht, weil man an so etwas bisher gar nicht gedacht hatte.

Die an tiefliegende Paradoxien heranreichende Tatsache, dass die großen deutschen Fußballvereine zuerst einmal sich selbst und damit ihren eingetragenen Mitgliedern „gehören“, lässt etwas von den Widersprüchen erkennen, die eine intelligente Wettbewerbspolitik hier vermitteln müsste. Bestimmte Dinge sind im Fußball einfach nicht aufzuholen: Tradition vor allem. Alles andere aber lässt sich mit Geschick und dem nötigen Geld in wenigen Jahren bewerkstelligen.

Mit dem an Symbolkraft kaum zu überbietenden Antagonismus zwischen Dortmund und Leipzig tauchen nun allerdings ein paar neue Motive auf. Denn Red Bull hat mit seinem Marketingplan unbestritten einen klugen Schachzug gemacht: in eine große Stadt in den neuen Bundesländern, die wirtschaftlich exzellente Voraussetzungen mitbringt. Schon jetzt kann man sagen, dass die Übung gelungen ist. Das Publikum hat das Angebot angenommen, der Retortenklub ist gar keiner mehr. Man wird also nicht fehlgehen mit der Interpretation, dass der Hass in Dortmund auch von einer speziellen Frustration geprägt war: Man kann nach wie vor aus guten Gründen gegen Red Bull sein, aber es ist nicht leicht, RB Leipzig zu verdammen. Jedenfalls nicht, wenn man sich nicht in grobe Widersprüche verwickeln will.

Der deutsche Fußball hat im Pott immer einen Markenkern gehabt, hier haben die Mythen ihre Wurzeln in den Schächten der Steiger und stillgelegten Öfen der Stahlindustrie. Menschen aus dem Westen können mit guten Gründen behaupten, dass sie vergleichbaren Transformationsdruck erleben wie die Menschen aus der ehemaligen DDR besonders in den 90er Jahren. Umso stärker sind die Hoffnungen, dass der BVB, aber auch Schalke 04 im Megabusiness Fußball etwas Authentisches bewahren können. Borussia Dortmund ist zwar längst eine globale Marke und als einziger Bundesligaklub sogar börsennotiert, doch die Anhänger sehen vor allem die sentimentalen Faktoren: Auf „echte Liebe“ wollen sie ein Monopol.

Oder zumindest eine exklusive Gemeinschaft, wie sie ein wenig ungeschickt vor einer Weile auch eine Lobbyanstrengung unter dem Titel „Team Marktwert“ zu bilden versuchte – die Frankfurter Eintracht, Werder Bremen, Hertha BSC, der 1. FC Köln, der HSV und der VfB Stuttgart reklamierten mehr Fernsehgelder für sich. Sie griffen auf das Argument zurück, mit ihren Namen den Marktwert der Liga zu steigern. Derzeit aber könnte man durchaus auch argumentieren, dass RB Leipzig endlich das Manko kompensiert, dass sich über Jahre kein Klub aus dem Osten dauerhaft in der Ersten Liga etablieren konnte. Verantwortliche und Fans in Rostock, Magdeburg oder Cottbus können davon traurige Geschichten erzählen.

Gegen die Verbürgerlichung

Mit den klugen Reaktionen der Leipziger Fans am vergangenen Wochenende bestätigte sich die Beobachtung, dass man das Engagement von Red Bull in Leipzig nicht einfach als Zwangsbeglückung abtun kann. „Fußball für alle“, so lautete das plausibelste Transparent. Natürlich kann RB Leipzig anders investieren als die Konkurrenz, aber die Konkurrenz sind Teams mit vergleichbaren Standortfaktoren: Hertha BSC zum Beispiel oder der HSV.

Der Fußball ist von der Globalisierung und ihren teilweise schockierenden Ungerechtigkeiten und Ungleichzeitigkeiten nicht ausgenommen. Im Gegenteil, er spiegelt sie schonungslos wider. In die Affekte gegen Red Bull mischt sich also auch etwas von dem populistischen Ressentiment gegen „das System“ oder „die da oben“. Trotzdem wäre es falsch, die Attacken in Dortmund als politischen Protest zu verstehen. Es geht dabei vielmehr um die Versuche von Kerngruppen unter den Fans, ihre Formen der Unterstützung gegen die Verbürgerlichung des Erlebnisses zu behaupten. Gerade für diese Verbreiterung der Publikumsschichten steht das Marketingexperiment in Leipzig auch. Der überregional unbeliebte Sponsor steht auch für die Normalisierung einer Liga, die konkret ja längst den alten Wirtschaftszweigen entwachsen ist, von denen die Fans im Pott ihre Sonderstellung ableiten. Sosehr man Financial Fairplay einfordern muss, sollte man zugleich den allgemeineren Befund akzeptieren: RB Leipzig macht den deutschen Fußball, macht Deutschland ein Stück moderner.

06:00 15.03.2017

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