Transit der kleinen Ewigkeiten

Griechenland Auf der Insel Samos geht die Zahl der Geflüchteten zurück. Trotzdem kann den vielen unbegleiteten Kindern kaum geholfen werden
Wolfgang Sréter | Ausgabe 37/2016 1

Als man in Griechenland während des Urlaubs noch gemächlich mit der Fähre von Insel zu Insel fuhr, steckte in einer Seitentasche des Rucksacks ein handlicher Führer, der auf die Besonderheiten der jeweiligen Gegend verwies. Auf manchen Seiten fanden sich – mit dem englischen Wort hot spot gekennzeichnet – das Symbol eines Fotoapparates und ein Ausrufungszeichen. An diesen Orten sollte man innehalten, um zu fotografieren und Daheimgebliebenen die Schönheiten des Landes vor Augen zu führen. Meist waren es überwältigende Blicke auf eine oder mehrere Buchten, Ausgrabungsstätten mit verfallenen Tempeln, manchmal auch auf weißgetünchte Häuser, die in einem blauen Horizont zu schwimmen schienen.

Heute hat ein Hotspot für Griechenland eine völlig andere Bedeutung, die nichts mit Ferien oder antiker Kultur zu tun hat. Für diese „heißen Stellen“ hat die EU-Kommission vor Monaten ein „Hotspot-Konzept zur Steuerung außergewöhnlicher Migrationsströme“ entworfen. Obwohl in diesem Tableau keine Rede davon ist, gleicht der Hotspot auf der Insel Samos einem Gefängnis. Ihn umgibt ein mehr als mannshoher Zaun, der am oberen Rand mit Klingenstacheldraht versehen ist, dazu weist ein Schild darauf hin, dass Fotoapparate und Videokameras nicht willkommen seien.

Abkassieren lohnt nicht mehr

In diesem Camp werden Menschen, die es bis dorthin geschafft haben, in reguläre und irreguläre Migranten eingeteilt. Letztere haben keinen „Schutzanspruch“ und dürfen gemäß dem Abkommen vom 20. Märzzwischen der EU und der Türkei „zurückgeführt“ werden. Damit – steht in Absatz 1 des Vertrages – sollen „menschliches Leid beendigt“ und die „öffentliche Ordnung wiederhergestellt“ werden.

Reguläre Migranten werden früher oder später vom Hotspot in ein anderes Lager überstellt, das sich dem äußeren Anschein nach nicht vom Herkunftscamp unterscheidet. Zur Zeit meines Besuches leben in beiden Lagern 713 Geflüchtete (davon gut zwei Drittel aus Syrien, auch viele Afghanen), gut 160 sind in angemieteten Häusern oder Hotels untergekommen. Sie alle waren nach Fahrten auf Lastwagen, in Zügen oder nach Fußmärschen zunächst an der türkischen Küste gestrandet und hatten für ihren Fluchtweg viel Geld bezahlt. Falls ihnen das ganz oder teilweise fehlte, mussten sie sich auf zweifelhafte Geldgeber, auf Kredite und Wucherzinsen einlassen.

Von der türkischen Küstenstraße zwischen Güzelçamlı und Karina konnten sie das vermeintlich rettende griechische Ufer sehen. Es blieb nur noch eine Stunde in einem Schlauchboot, das bestenfalls für eine Tour geeignet war, wenn überhaupt. Das Meer musste ruhig sein, damit sie es durch eine starke Strömung zu schafften.

Inzwischen steigen auf türkischer Seite keine Lotsen mehr in die Boote. Den Flüchtlingen selbst, die sich in diesem Seegebiet nicht auskennen, bleibt es überlassen, die zumeist nächtliche Überfahrt zu überstehen. Bezahlt werden muss vor dem Ablegen, längst ist das organisierte Verbrechen mit länderübergreifenden Strukturen zur Stelle, auch wenn sich das Abkassieren kaum mehr lohnt. Während im Monat Juni über 300 Hilfesuchende auf der Insel Samos landeten, waren es im Juli noch 64, mehr als nur ein Indiz dafür, wie das EU-Türkei-Abkommen Wirkung hinterlässt.

Im Hotspot auf Samos angekommen werden Männer, Frauen und Kinder von Screening- und Debriefingexperten empfangen, die von der EU in Brüssel für die Operation Poseidon entsandt wurden. Während die Registratur ein paar Stunden braucht, dauert das Asylverfahren zwei bis drei Monate. Die Mehrheit der Flüchtlinge stellt inzwischen Asylanträge und muss im Camp ausharren, bis darüber entschieden worden ist. So steht der Dreizack des griechischen Meeresgottes heute für reguläre Migranten, die weiter nach Norden wollen, für irreguläre, die irgendwann in die Türkei abgeschoben werden, und eine dritte Gruppe, die es in Griechenland versuchen will. Wer welcher Gemeinschaft zugeschlagen wird, unterliegt nicht göttlicher Eingebung, sondern folgt dem Bedürfnis, „den überproportionalen Migrationsdruck“ von den EU-Außengrenzen zu nehmen, wie es in der EU-Zentrale heißt. Laut Vertrag mit der Regierung in Ankara sollten türkische Beamte auf Samos sein, um die Rückführungen in ihr Land „zu begleiten“, doch ist bisher niemand aufgetaucht.

Unter denen, die in Samos an Land gehen, sind immer wieder unbegleitete Kinder und Jugendliche, von denen man selten weiß, ob sie ihre Eltern unterwegs verloren haben oder allein losgeschickt wurden. Für diese Gruppe fühlt sich Dimitris Vouros besonders verantwortlich. Bei unserem Gespräch beklagt er sein schlechtes Englisch. Als Rechtsanwalt sei er darauf bedacht, sich in seiner Muttersprache juristisch genau auszudrücken. Man kann sich denken, dass er bei Plädoyers eine scharfe Klinge führt. Mit beiden Händen macht er eine Bewegung und deutet eine Explosion an. Genau das könne auf seiner Insel passieren.

Zu Ehren der Götter

Die Stadtverwaltung hat für die unbegleiteten Minderjährigen zwei Häuser eingerichtet. Beide sind überfüllt, zwei Siebenjährige im Moment die Jüngsten. METAdrasi, eine griechische NGO, für die der Rechtsanwalt arbeitet, kümmert sich um die Insassen dieses Refugiums. Viele sind so entwurzelt, dass sie sich ohne Ankündigung weiter auf einen unsicheren Weg machen und einfach verschwinden. Wer kein Geld mehr hat, versucht in der Landwirtschaft zu arbeiten, zu betteln oder sich zu prostituieren. Auch deshalb versucht Vouros, so schnell wie möglich Verwandte in Europa zu finden, zu denen man die Kinder schicken kann. Er besteht darauf, dass alle Gesprächsprotokolle von METAdrasi ins Griechische übersetzt werden, damit er die Kinder wie Klienten angemessen vertreten kann. Auf seinem Schreibtisch liegen Zeichnungen, die ein Junge für ihn angefertigt hat. „Lasst mich sterben“, steht auf einer.

„Das ist die Seelenlage dieser jungen Menschen“, sagt der Anwalt, „und wenn ich ehrlich bin, können wir nicht viel für sie tun. Europa lässt uns mit ihnen allein.“ Ab Herbst werde wohl der Schulbesuch ermöglicht, doch ausgebildete Lehrer, die mit den teils traumatisierten Kindern umgehen können, gebe es nicht.

Im Vorjahr hat METAdrasi den Nord-Süd-Preis des Europarates erhalten, der seit 1995 an Organisationen verliehen wird, die sich durch solidarisches Handeln auszeichnen. Auf Begriffe wie „überproportionaler Migrationsdruck“ und „Rückführung“ wurde selbstredend bei der Preisverleihung nicht zurückgegriffen. Dimitris Vouros betrachtet die Auszeichnung zwar als große Ehre, meint jedoch, damit lasse sich für Samos nicht viel anfangen. Es gebe Familien, die seit Generationen auf der Insel lebten und wegen der drastischen Sparmaßnahmen, besonders der gekürzten Renten und Löhne, ihre Häuser verloren hätten. Wie in den 50er Jahren verließen wieder Zehntausende junge Griechen ihre Heimat, viele hätten ein abgeschlossenes Hochschulstudium. Ihre Eltern hätten in den Vorgärten Blumen durch Kartoffeln ersetzt. Das sei in Samos nicht anders als auf Lesbos und Chios.

Unter den Kollegen, mit denen sich Vouros tagsüber zum Kaffee trifft, macht der Vorschlag die Runde, all die festsitzenden Flüchtlinge auf eine unbewohnte Insel zu bringen. Aus humanitären Gründen solle dort eine Sozial- und Krankenstation eingerichtet werden. Vouros hält es für keine gute Idee, die Menschen sich selbst zu überlassen. Das sei unmenschlich und bei so vielen verschiedenen Ethnien überaus gefährlich. In diesem Sommer gab es Verletzte bei einem Zusammenstoß zwischen Afghanen und Pakistanern. Ein Zelt ging in Flammen auf, eine Eruption der Gewalt ließ sich so eben noch abwenden.

Dimitris Vouros kommt gerade von einem Kongress, auf dem zu hören war, dass unter den Flüchtlingen inzwischen immer mehr Inder seien. „Trifft das wirklich zu“, meint er, „dann reden wir nicht mehr nur von Zehntausenden, sondern Millionen, die sich auf den Weg Richtung Westen machen. Da wird kein Vertrag mit der Türkei mehr helfen.“

In unserem Gespräch weist er darauf hin, dass schon während der Antike Asylsuchende über das Meer kamen, denen Samos als sicherer Aufenthaltsort galt. Sie verbrachten oft Jahrzehnte auf der Insel und spendeten vor ihrer Heimkehr zu Ehren der Götter wertvolle Votiv- und Weihegaben. Manche kamen nach vielen Jahren auf die Insel zurück und opferten erst dann – meist im Tempel der Hera, der vom Geschichtsschreiber Herodot (480 – 424 v. Chr.) als das größte Heiligtum beschrieben wurde, welches er auf seinen Reisen durch die antike Welt gesehen habe. Der heutige Besucher steht im Museum von Samos-Stadt staunend vor den überlebensgroßen Marmorfiguren, bei denen mit subtiler Meisterschaft sogar die Äderung des Steins für eine vollkommene Darstellung des menschlichen Körpers genutzt wurde. Der Marmor musste per Schiff in Blöcken von anderen Inseln gebracht werden, da es auf Samos nur marginale Vorkommen gab. Wer heute die Insel besucht, der profitiert von der Dankbarkeit jener Menschen, denen Samos einst eine Zuflucht bot oder vielleicht sogar das Leben rettete.

Spätere Generationen dürften keine Weihegeschenke und Votivgaben aus dem 21. Jahrhundert in den Klöstern der Insel vorfinden. Was sollten die Menschen hinterlassen, die hier einen Transit der kleinen Ewigkeiten erlebten, während die griechische Sonne auf Wellblechdächer schien und überfüllte Unterkünfte aufheizte? „Samos ist leider keine Insel mehr, auf der Asylsuchende willkommen sind“, sagt der Rechtsanwalt Dimitris Vouros und schaut von seinem Büro aus in den Himmel über der Insel, in dem ein Hubschrauber der griechischen Armee kreist.

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