Trau keinem Trottel

Selbstoptimierung Nach fünf Jahren hat Sebastián Lelio seinen Erfolgsfilm noch mal gedreht. „Gloria“ ist nun Julianne Moore
Trau keinem Trottel
Vorher („Gloria“, links), nachher („Gloria Bell“, rechts): Das Lachen im liegenden Ringelpiez ist ganz neu gedacht worden

Foto: Imago Images

In der Mitte dieses besonderen Films gibt es eine zarte, stille Szene: Gloria, eine Frau mittleren Alters, gespielt von Julianne Moore, sitzt vor ihrem Augenarzt, der ihr eine schlechte Nachricht überbringen muss. Ihr Gesichtsfeld werde sich in Zukunft langsam verengen, ihre Sehkraft immer weiter nachlassen. Er verschreibt ihr Augentropfen, die das Erblinden verhindern sollen, morgens und abends einzuträufeln. „Wie lange werde ich diese Tropfen nehmen müssen?“, fragt Gloria den Arzt, der kurz stutzt, bevor er antwortet: „Nun, für den Rest Ihres Lebens.“

Aus Gloria wird Gloria Bell. Es könnte sich um ein künstlerisches Experiment handeln, den eigenen Film nach fünf Jahren ein zweites Mal zu drehen, so wie Sebastián Lelio, der chilenische Regisseur, es getan hat. Doch das Ergebnis ist weit mehr als nur ein Remake. Das Skript der ursprünglich chilenisch-spanischen Produktion blieb das gleiche, die Einstellungen wurden teilweise eins zu eins nachgedreht, die Bilder wiederholen sich, und doch ist der neue Film, die amerikanische Variante, ein grundlegend anderer geworden. Das liegt in diesem Fall nicht an den Unterschieden, die Hollywood als Traummaschine mit den zuweilen glatteren, bunteren, appetitanregenderen Oberflächen erzeugt, die bestechender sind als der sehr viel realistischere südamerikanische Film, sondern einzig und allein an: Julianne Moore.

Die Geschichte ist keine neue, und sie ist schnell erzählt. Gloria, eine gestandene Frau von Ende fünfzig, will sich mit ihrem Leben als Single nicht abfinden. Sie ist seit zehn Jahren geschieden, die Kinder sind erwachsen und gehen ihre eigenen Wege, der Job füllt sie nicht aus. Sie besucht eine Single-Disco. Dort lernt sie einen Mann kennen, ein paar Jahre älter als sie, ebenfalls geschieden, doch erst seit einem Jahr. Arnold ist ein ehemaliger Berufssoldat und Besitzer eines kleinen Freizeitparks. John Turturro gibt der Figur eine rührend trottelige Unsicherheit, die beim Zuschauer sofort die Alarmglocken läuten lässt.

Gloria nimmt ihn mit zu sich nach Hause; sie schlafen miteinander. Nach dem Akt fährt die Kamera nah an ihr Gesicht heran, und man sieht in ihrem Blick, dass sie in ihrem Leben schon aufregenderen Sex erlebt hat.

Schatz, ich kann heute nicht

Wenn sie mit ihrem neuen Liebhaber zusammen ist, nimmt der oft die Anrufe seiner erwachsenen Töchter an, die ihn immer wieder in die Pflicht nehmen wollen. Nach kurzer Zeit stellt Gloria Arnold ihrer Familie vor, er hingegen verleugnet sie vor seinen Töchtern. Sie würden es nicht verstehen, dass er eine neue Beziehung eingegangen ist, behauptet er. „Sie würden sich über mich lustig machen.“ Gloria ist gekränkt darüber, dass Arnold nicht zu ihr steht. Er dagegen stiehlt sich auf der Geburtstagsfeier von Glorias Sohn grußlos davon, weil er es nicht erträgt, wie sie mit ihrem Ex-Mann in Erinnerungen schwelgt und ihn darüber zu vergessen scheint.

Wie gesagt, die selben Szenen gibt es in beiden Filmen, fast eins zu eins wiederholt, auch die Dialoge sind streckenweise identisch. Dass Gloria Bell in aller Ähnlichkeit zum Original eine neue Aussage erhält, liegt daran, dass die Hollywood-Variante eine zeitgemäße Änderung aufweist. In dem Sinn, in dem Frauenzeitschriften heute proklamieren, Sechzig sei das neue Vierzig, verkörpert die zeitlos schöne Julianne Moore einen ganz anderen, frischeren Frauentyp als die erste Gloria-Darstellerin. Paulina García war als Gloria ebenso sympathisch, sie spielte die Figur absolut überzeugend und vielleicht sogar „näher am Leben“ mit einer Brille, die etwas zu groß, und dem Kleid, das eine Spur zu eng für die kleinen Hüftröllchen war. Nur ist die Handlung weitaus vorhersehbarer, wenn die Hauptdarstellerin dem Klischee einer alternden Frau entspricht. Julianne Moore hingegen ist die attraktivste Frau im gesamten Film, ihre Präsenz, ihr Sexappeal zeigen, wie weit diese Gloria gekommen ist in Sachen Selbstoptimierung. Doch ihre Jugendlichkeit nützt ihr wenig, sie macht die Einsamkeit dieser modernen Frau nicht erträglicher. Gloria kann noch so attraktiv, lebensklug und sexy sein, es bleibt die bittere Erkenntnis: Mit dem Rucksack der eigenen Geschichte und dem Ballast ihrer Erinnerungen kann es kein neues Leben im alten geben.

Und so rührt den deutschen Zuschauer dann auch eine Episode ganz besonders. Glorias ältere Kollegin soll ihren Job verlieren. „Aber du hast deine Arbeit doch immer ganz phantastisch gemacht“. „This woman is doing a great job“, ruft Gloria in den Innenhof des Bürogebäudes in dem beide arbeiten. Sie hat den Arm um die Schulter der Arbeitskollegin gelegt, die von der Deutschen Barbara Sukowa gespielt wird. Stimmt, denkt man, diese Frau hat in der Filmgeschichte wirklich einen tollen Job gemacht. Nur, wo ist sie geblieben, wo hat man sie als Schauspielerin über sechzig zuletzt auf der Leinwand gesehen?

Info

Gloria Bell Sebastián Lelio Chile/USA 2018; 102 Minuten.

06:00 25.08.2019
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