Trauerstatus: kompliziert

Kobe Bryant Wie gedenkt man eines Idols, das unter dem Verdacht der Vergewaltigung steht? Unser Autor versucht es
Trauerstatus: kompliziert
Kobe Bryant war auf dem Spielfeld eine Naturgewalt. Für den US-Sport avancierte er zum Nationalheiligtum

Foto: Marco Cantile/Light Rocket/Getty Images

Als Philip Seymour Hoffman 2014 starb, habe ich den Tagesschau-Sprecher angeschrien. Sechs Jahre und ein paar Tage ist das her, und eigentlich war ich mir sicher, nach diesem Verlust für immer abgehärtet zu sein gegen Todesfälle aus Hollywood. Dann aber stürzte am Morgen des 26. Januar 2020 ein Helikopter über den Hügeln im Norden von Los Angeles ab. Der ehemalige Basketballstar Kobe Bryant war an Bord, seine Tochter Gianna und sieben weitere Menschen. Keiner der Passagiere überlebte. Nicht nur die amerikanische Basketballcommunity verharrt seitdem in Schockstarre. Ein ganzes Land operiert auf Halbmast. Bryant war der beste Basketballspieler seiner Generation, der erste Michael Jordan nach Michael Jordan. Ein Athlet, der seinen Sport mit der Eleganz eines Balletttänzers beherrschte, aber mit dem Durchsetzungsvermögen einer Planierraupe. Oft war er beides. 20 Jahre spielte Bryant in der nordamerikanischen Profiliga NBA für die Los Angeles Lakers, fünfmal gewann sein Team in dieser Zeit die Meisterschaft. 2016 trat er zurück, versuchte sich als Regisseur und Autor. 2018 wurde sein animierter Kurzfilm Dear Basketball mit einem Oscar prämiert. Noch kurz vor seinem Tod sprach er sich gegen Rassismus im Sport aus, den er während seiner Kindheit in Italien aus erster Hand erfuhr.

Der Bösewicht der NBA

Als ich von Bryants Tod erfuhr, schrie ich meinen Fernseher nicht an. Stattdessen kam mir in Erinnerung, wie ich in den späten neunziger Jahren von meinem Fernseher angeschrien wurde. Wer damals in Deutschland lebte und Basketballspiele mit Kobe Bryant sehen wollte, war auf die Übertragungen des deutschen Sportfernsehens angewiesen – die im Minutentakt von Werbung für Telefonsexhotlines unterbrochen wurden. 0190 sechsmal die Sechs und so weiter. Dazu erklang Keuchen, Japsen, Schnappatmung: schlecht imitierte Sexgeräusche und manchmal ein Peitschenhieb. Es sind solche nicht ganz jugendfreien Jugenderinnerungen, die nun mit anderen Anekdoten und Eindrücken in einem Bild der Trauer zusammenfließen. Der tragische Unfall reißt mehrere junge Familien auseinander und eine Persönlichkeit aus dem Leben, die für ihren Sport und die US-Gesellschaft von großer Bedeutung war. Bryant war eine Naturgewalt, wurde nach seiner Karriere jedoch auch zum Nationalheiligtum. Das Killerimage seiner NBA-Jahre tauschte er im Ruhestand gegen den Ruf eines liebenswerten Basketballonkels und liebenden Familienvaters ein. Dass sich trotzdem Unbehagen unter die Trauer über seinen Tod mischt, hat mit Ereignissen zu tun, die fast 17 Jahre zurückliegen.

Am 30. Juni 2003 reiste Kobe Bryant nach Edwards im US-Bundesstaat Colorado, um sich einer Knieoperation zu unterziehen. Fünf Tage später wurde er verhaftet: Eine Hotelangestellte beschuldigte den Basketballstar der Vergewaltigung. Bryant gab zunächst an, nur ein kurzes Gespräch mit der Frau geführt zu haben, räumte später jedoch ein, dass es zu einvernehmlichem Geschlechtsverkehr gekommen sei. Da eine ärztliche Untersuchung der Hotelangestellten auch diese Version der Ereignisse in Zweifel zog, erhob der Bezirksstaatsanwalt des Eagle County Anklage gegen Bryant wegen des Verdachts auf Vergewaltigung und Freiheitsberaubung. Zu einem Prozess kam es nie. Wenige Tage bevor die Verhandlung im September 2004 beginnen sollte, teilte das mutmaßliche Opfer mit, nicht länger gegen Bryant aussagen zu wollen. 14 Monate lang war ihr Privatleben zuvor quer durch alle amerikanischen Boulevardmedien breitgetreten worden. Mit vereinten Kräften zeichneten Zeitungen, Radio und Onlineportale das Bild einer geistig verwirrten, zeitweise suizidgefährdeten Frau, die es auf Geld und Berühmtheit abgesehen habe. Diverse Medien, das zuständige Gericht und Bryants Anwältin veröffentlichten den Namen der Hotelangestellten. Diese erhielt daraufhin Morddrohungen.

Bryant ließ noch am Tag der abgewiesenen Klage ein Statement verbreiten. Darin entschuldigte er sich bei seinem mutmaßlichen Opfer und gab beinahe alles zu, was er zugeben konnte, ohne im Gefängnis zu landen. Bryant habe den Geschlechtsverkehr für einvernehmlich gehalten, heißt es in dem Statement. Er verstehe inzwischen aber, dass die Frau den Vorfall anders beurteile. Ein separater Zivilprozess wurde im März 2005 beigelegt. Die Parteien einigten sich außergerichtlich und unterschrieben eine Verschwiegenheitserklärung.

Sport ist Mythengeschichte

Es gab in den vergangenen Tagen unzählige, oft persönlich gefärbte Würdigungen Kobe Bryants, die wenigsten fanden zu einem sensiblen Umgang mit dieser Episode seines Lebens. Manche Nachrufe erwähnten die Vorfälle von Colorado gar nicht, andere nur im Vorbeigehen. Entweder ging es darum, was der Vergewaltigungsvorwurf den Basketballer beinahe gekostet hätte (Freiheit, Familie, Karriere, Ansehen, Sponsoren) – oder er erschien eingebettet in eine Geschichtsschreibung, die Bryant selbst konzipiert hatte. Als im Herbst 2004 die neue NBA-Saison begann, trat eine überarbeitete Version des Superstars auf den Plan: garstig, ständig fluchend, härter denn je zu sich selbst und den Gegnern.

Bryant gewann zwei weitere NBA-Titel und entwickelte sich zu jenem furchtlosen, furchteinflößenden Spieler, an den die Laudatoren erinnern. Erst am Ende seiner Laufbahn, als er sich geplagt von schwindenden Kräften und Verletzungen über den Platz schleppte, wurde er wieder so verehrt wie in jungen Jahren. Die Rolle des NBA-Bösewichts gab dem zweiten Akt seiner Karriere eine Bestimmung, die ihn weit über das gewöhnliche Haltbarkeitsdatum eines Basketballprofis hinaus anzutreiben schien. Gut vermarkten ließ sie sich auch.

In den Nachrufen und Tributansprachen auf Bryant erscheint diese Wandlung als Beispiel dafür, wie meisterhaft er das Narrativ seiner Karriere steuerte. Dass die Ereignisse von Colorado und ihre Nachwirkungen in anderer Hinsicht beispielhaft sind, erwähnen nur die wenigsten Journalisten und Weggefährten Bryants. Die Verteidigung seiner Anwältin beruhte darauf, Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers zu untergraben. Nicht die Blutergüsse am Hals der Hotelangestellten und die Verletzungen ihres Intimbereichs standen im Fokus, sondern ihr vermeintlich unstetes Leben und ihre angeblich zwielichtigen Motive.

Bis heute prägen Strategien der Opfer-Täter-Umkehr das Sprechen und Schreiben, aber auch die Rechtsprechung über sexuelle Gewalt. Bryant hat das Vorgehen nicht erfunden, aber Teil seines Vermächtnisses ist, dass er sich zum Komplizen eines solchen Schlachtplans gemacht hat. Wer im Trauertaumel darauf hinwies, musste mit Konsequenzen rechnen: So wurde die Washington-Post-Journalistin Felicia Somnez kurzzeitig suspendiert, da sie auf Twitter einen Artikel über die Vergewaltigungsvorwürfe gegen Bryant geteilt hatte.

Bis heute bleiben Zweifel an Bryants Unschuld. Mit seiner Entschuldigung hat er diese Zweifel bestärkt. Aus rechtlicher Sicht ist das längst irrelevant, für die Einordnung von Bryants Leben und Karriere nicht. Wann immer kürzlich zu lesen und hören war, dass Bryant ein komplizierter Mensch gewesen sei, bedeutete das eigentlich: Es ist kompliziert, um diesen Menschen zu trauern. Die Erfolge eines Athleten sollten nicht überschatten, wie er sich auf und abseits des Spielfelds verhält. Natürlich tun sie es immer wieder. Sportgeschichte ist Mythengeschichte, Helden- und Legendenbildung. Gerade im US-Sport müssen die Verlierer schon besonders spektakulär verlieren, damit man sich an sie erinnert.

Mit der komplizierten Trauer um Bryant hätte sich eine Chance eröffnen können, diese Art der Legendenbildung zu verkomplizieren. Man kann respektvoll und zurückhaltend über einen Mann schreiben, der Großes geleistet hat und eine Familie zurücklässt – ohne seine mutmaßlichen Verfehlungen abseits des Platzes zu verklären. Seit mehr als 15 Jahren wird Bryants mutmaßlichem Opfer ein sensibler Umgang mit ihrem Fall verwehrt. Nach dessen Tod wurde sie in sozialen Medien wieder als Lügnerin und Hure denunziert. Dabei wäre es an der Zeit, ihre Version der Ereignisse von Colorado als Teil der Geschichte von Kobe Bryant anzuerkennen. „Jede Person des öffentlichen Lebens verdient es, dass man sich in Gänze an sie erinnert“, schrieb Somnez auf Twitter, bevor sie suspendiert wurde. „Auch wenn dabei ein Bild entsteht, das die Person weniger vorteilhaft erscheinen lässt, als wir sie gern in Erinnerung behalten würden.“ Somnez darf inzwischen wieder arbeiten, ihr Tweet wurde jedoch gelöscht.

Daniel Gerhardt war bis 2018 Chefredakteur von Spex. Das Magazin für Popkultur

06:00 07.02.2020

Ausgabe 08/2020

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