Trauma ohne Konsequenz

Batman-Massaker Nach dem Blutbad in einem Kino in Colorado heißt es, Amerika sei erschüttert. Offenbar reicht das aber immer noch nicht
Trauma ohne Konsequenz
Schweigen vor Gericht: der mutmaßliche Täter des Batman-Massakers in Aurora

Foto: RJ Sangosti/Pool Getty Images

Barack Obama hat Opfern und Hinterbliebenen des Batman-Massakers in Aurora im US-Staat Colorado Trost gespendet. Der Präsident versicherte dem örtlichen Bürgermeister, „das Herz der gesamten amerikanischen Familie“ sei „gebrochen“. Was allerdings nicht stimmt. Genauso wenig stimmt die Behauptung in deutschen Medien, die USA seien traumatisiert durch den Mord an zwölf Menschen bei der Premiere des Films The Dark Knight Rises.

Trauma, Verlust und Trauer bei den direkt Betroffenen, ja. Doch wenn das politische Entsetzen wirklich groß wäre, würde man mehr tun, um künftige Blutbäder zu verhindern. Schießereien sind Alltag in den USA, wo man mit 18 kein Bier trinken, aber ein Gewehr kaufen darf. Pro Tag sind 2010 in den USA nach FBI-Angaben 25 Menschen bei Verbrechen erschossen worden.

Von Tuscaloosa bis Geneva

Nur vier Tage vor Aurora hatte ein Aufgebrachter in einer Bar in Tuscaloosa in Alabama um sich geschossen. 17 Menschen wurden verletzt, mehrere schwer. Im April erschoss ein Student in einem evangelikalen College im kalifornischen Oakland sechs Studentinnen und einen Studenten. Januar 2011: Sechs Tote und 13 Verletzte in Tucson, Arizona. Die Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords überlebt trotz Kopf-schuss. Oder man denke an den April 2009, 14 Menschen starben in Binghamton, New York, als ein Kursteilnehmer in einem Einwanderungszentrum um sich schoss. Im März 2009 gab es elf Tote in Geneva, Alabama, weil der Schütze Repressalien an seinem Arbeitsplatz in der Kelley-Foods-Wurstfabrik nicht mehr ertragen konnte. Immer hatten die Täter Zugang zu Waffen und Munition, oft legal, wie auch der Todesschütze von Aurora. Der hat 6.000 Schuss Munition und sein Sturmgewehr mit dem 100-Schuss-Magazin offenbar vollkommen legal gekauft.

Es gibt kaum einen Politiker, der den Mut und die Konsequenz aufbringt, sich für eine Waffenkontrolle einzusetzen. Das ist zugegebenermaßen schwierig in einer Nation mit mehr als 200 Millionen Schusswaffen. Man hat Angst vor der Lobby, die allen Ernstes behauptet, Schusswaffen in Privathänden garantierten die Freiheit Amerikas. Kürzlich meinte David Keene, Chef der National Rifle Association: „Das Volk hat das Recht, notwendig erscheinende Maßnahmen zu ergreifen, auch gewaltsame, um eine repressive Regierung zu beseitigen.“ Als ob eine Diktatur in den USA drohen würde.

Gute Unterhaltung

So gesehen war das Batman-Massaker ein Blutopfer auf dem Altar mit dem Namen „Recht auf Schusswaffenbesitz“. Pistolen und Gewehre vermitteln ihren Besitzern ein Gefühl der Macht. Auch wenn diese Besitzer – wie der Arbeiter in der Wurstfabrik – machtlos sind, ihre wirtschaftliche Zukunft zu bestimmen.

Schusswaffen und Gewalt werden verherrlicht in den USA. Obamas Leute lassen an die Medien durchsickern, der Präsident entscheide persönlich, welche Terroristen er als nächste auslöschen werde mit seinen Drohnen und Hit-Teams. Und das Volk lässt sich von Gewalt unterhalten wie weiland die Römer bei den Gladiatoren-Kämpfen. Im Fernsehen laufen die Nachrichten über Ermittlungen und den Prozess gegen den mutmaßlichen Todesschützen mit seinem orangenen Haar als Reality-Show, am Montag war die erste Anhörung. Das scheint spannender als der Wahlkampf.

Konrad Ege ist USA-Korrespondent des Freitag

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15:15 25.07.2012

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