Traurig schweigt der Mann

Suizid Saskia Jungnikl hat ein Buch über das stille Leid einer Generation geschrieben. Ihr Vater erschoss sich mit 67
Fiona Sara Schmidt | Ausgabe 47/2014 15

Etwa zwei Drittel aller Männer, die vorhaben, sich das Leben zu nehmen, „gehen kurz vor ihrem Suizid zu einem Arzt. Meist unter einem Vorwand wie dem einer Vorsorgeuntersuchung.“ So schreibt es die österreichische, in Hamburg lebende Autorin Saskia Jungnikl in ihrem gerade erschienenen Buch über die Selbsttötung ihres Vaters. „Sie hoffen, dass der Arzt zu ihnen sagt, es muss Ihnen doch furchtbar gehen, kann ich Ihnen helfen, kann ich etwas für Sie tun?“

Auch Jungnikls Vater Erhard besucht noch einmal seinen vertrauten Hausarzt – bevor er sich erschießt. Der Arzt weint, als er davon erfährt, fassungslos, einen seiner heitersten Patienten verloren zu haben. So hatte der Mann jedenfalls immer auf ihn gewirkt. Aber Erhard Jungnikl stirbt in jener Nacht im Jahr 2008, und zwar in der Nacht, in der sein ältester Sohn 30 Jahre alt geworden wäre. Der Sohn ist zuvor an einer Embolie gestorben.

Mit seinem Suizid hinterlässt der Familienvater eine Ehefrau und drei noch lebende Kinder, außerdem rund 7.000 Bücher, zwei vollgestopfte Arbeitszimmer, ein Tonstudio, eine riesige Plattensammlung, ungezählte technische Geräte, Musikinstrumente, Zeitschriften, Fotos und Dokumente. Er war Rock-’n’-Roll-Fan, evangelischer Lektor, Schafzüchter, ein Vorbild für viele, mit Depressionen, vielen Talenten und einem nie zu stillenden Interesse an seiner Umwelt. Er wurde 67 Jahre alt.

Papa hat sich erschossen heißt Jungnikls Buch. Im März 2013 hatte sie einen gleichnamigen Text in der Wiener Tageszeitung Der Standard veröffentlicht. Eine Welle von begeisterten, berührten Kommentaren überrollte sie, sie erhielt Preise und mehrere Angebote, ein Buch aus der Geschichte zu machen. Zunächst habe sie nur ihre Erinnerungen aufschreiben wollen, sagt die 33-Jährige. Hunderte E-Mails hat sie auf den Zeitungstext hin erhalten. Einerseits von Angehörigen, die lange nicht über ihren Verlust sprachen. Andererseits von Männern aus der Generation ihres Vaters: „Ältere Männer schreiben, sie denken über Suizid nach. Und dass sie nun zum ersten Mal überlegten: Wie ist das für die Kinder?“

Diese mangelnde Reflexion und die kaum vorhandene Selbstfürsorge, seien erschütternd, sagt Jungnikl, wenn sie von den Männern aus der Generation ihres Vaters spricht. Von Männern, die in der Nachkriegszeit aufwuchsen und von denen bestimmte Normen, Familienbilder und Berufe erwartet wurden, wogegen viele sich zu wehren versuchten. Anders als von den eigenen (Kriegs-)Eltern erzogen, versuchten diese Männer, ihre Kinder zu mehr Offenheit und Gewaltfreiheit heranzuziehen.

Die Pistolenhülle bleibt

„Wir wussten, dass mein Vater depressiv ist, und haben ihm oft gesagt, er soll sich Hilfe suchen, aber er hat das immer abgetan. Das ist auch eine Generationenfrage, wenn Männer sich davor scheuen, um Hilfe zu bitten“, sagt Jungnikl. Über Themen wie Sexualität, Drogen und Sterben kann in Familien heute zwar gesprochen werden. Sich selbst aber eigene Schwächen einzugestehen, das ist für Männer noch mal ein weiterer Schritt. Ein Problem sei die Scham, auch für die Hinterbliebenen: „Vor allem auf dem Land ist Suizid noch oft eine Schande, über die man nicht redet. Es ist furchtbar, was Familien sich damit auferlegen. Es war nicht meine, sondern seine Entscheidung, sich das Leben zu nehmen. Ich muss mit so vielen neuen Gefühlen klarkommen – da werde ich mich bestimmt nicht dafür schämen und mir das auch noch aufladen“, sagt sie. Der Einfluss der Kirche und deren Idee von einer Todsünde wirkten in vielen katholisch geprägten Landstrichen nach.

Auch wenn in diesem Fall offenbar der Tod des Sohns ein zentraler Auslöser für die Krise war: Es gibt nie nur einen Grund für einen Suizid, selbst wenn das in Medienberichten gern behauptet wird. „Selbstmord aus Liebe“ steht dann in den Gazetten, oder „Wegen Schulden erhängt“. Und sogenannte Beziehungsdramen oder Familientragödien verschleiern oft Morde und den späteren Suizid des Täters. Ein prominentes Beispiel dafür ist die gemeinsame Beisetzung des ehemaligen Grünen-Politikers Gert Bastian und seiner Partnerin Petra Kelly. Dem Polizeibericht zufolge hatte Bastian seine Lebensgefährtin, während sie schlief, erschossen und sich danach selbst getötet.

Selbsttötung in der Statistik

Jedes Jahr sterben etwa 10.000 Menschen in Deutschland durch Suizid, rund 70 Prozent davon sind Männer. Dabei sind die Zahlen hierzulande seit den 80ern generell rückläufig. Das ist vermutlich auf eine bessere psychosoziale Versorgung und Enttabuisierung zurückzuführen. Weltweit nehmen sich jedes Jahr rund 800.000 Menschen das Leben. International betrachtet ist bei Männern jeder zweite gewaltsame Tod auf Selbsttötung zurückzuführen. Kommt eine Frau gewaltsam ums Leben, handelt es sich in 70 Prozent der Fälle um Suizid.

Bei alten Menschen liegt die Dunkelziffer wohl viel höher als die offiziellen Zahlen, auch die Zahl der Suizidversuche ist Schätzungen zufolge bis um das Zehnfache größer. Unter den 14- bis 29-Jährigen ist Selbsttötung die zweithäufigste Todesursache (nach Verkehrsunfall). Das deutsche Suizidpräventionsprogramm, eine Kooperation des Bundesgesundheitsministeriums und der Weltgesundheitsorganisation WHO, nennt Diskriminierung als einen der wichtigsten Risikofaktoren. Neben Männern seien vor allem „Menschen im höheren Lebensalter, Menschen mit gleichgeschlechtlicher Orientierung und junge Frauen mit Migrationshintergrund“ gefährdet. 

Bei Frauen werden die Ursachen für einen Suizid häufig im Emotionalen gesucht, wie zuletzt bei L’Wren Scott, Mick Jaggers Freundin. Männliche Suizide werden hingegen oft glorifiziert oder, bei marginalisierten Gruppen, kriminalisiert. Sie werden eher mit gesellschaftlichen, weniger mit individuellen Mustern erklärt und interpretiert, etwa als ein Verzweifeln am politischen oder wirtschaftlichen System. Der Werther- oder Imitationseffekt, der nach dem Suizid eines Prominenten einsetzen kann, ist bekannt. Der Tod von Fußballtorwart Robert Enke im November 2009 war ein Tiefpunkt in der Berichterstattung. Der 32-Jährige hatte an Depressionen gelitten und sich vor einen Zug geworfen. Danach stieg die Zahl der Suizide nach der gleichen Methode für eine Weile spürbar an.

Umgekehrt wird allerdings auch zunehmend der sogenannte Papageno-Effekt betrachtet: Wenn Wege aus der Krise aufgezeigt werden und die Berichterstattung sensibel ausfällt, kann dies auf manche Suizidgefährdete einen positiven Einfluss haben. In Medienrichtlinien wird eine zurückhaltende Berichterstattung gefordert, die aber leider häufig zu einem kompletten Schweigen über die Thematik führt. Suizid ist medial nur anlässlich von Todesfällen wie zuletzt bei dem weltbekannten Schauspieler Robin Williams präsent. Eine tiefergehende Analyse des Themas oder Reportagen über den Kampf ums Weiterleben bleiben aber meist aus.

Psychische Erkrankungen werden nach wie vor stigmatisierend behandelt und vor allem im Zusammenhang mit weiblichen Selbsttötungen erwähnt. Frauen sind auch eher bereit, Hilfsangebote wahrzunehmen, und haben – gerade im Alter – häufig ein besser funktionierendes soziales Netz. Diese in den Geschlechterrollen verankerte Kommunikationskultur lässt Hilfsangebote bei ihnen effektiver greifen. Die alten Rollenbilder spiegeln sich auch in den Methoden: Frauen greifen eher zu „sanften“ Selbsttötungsarten wie der Einnahme einer Überdosis Schlaftabletten, Männer wählen häufig einen gewaltsamen Tod. Saskia Jungnikls Vater hatte seinen Kindern das Schießen beigebracht, Saskia war eine gute Schützin. Die Pistole ließ die Familie nun vernichten, die Pistolenhülle hob sie auf.

Keine Abrechnung

Am meisten hat Jungnikl verletzt, dass manche ihren Vater als Versager verurteilten oder ihn als Held überhöhten, ohne ihn gekannt zu haben. „Ich weiß, dass er aus Gründen, die nur er bis ins Letzte verstehen wird, entschieden hat, an diesem Tag zu sterben“, heißt es im Kapitel „Schuld“.

Für das Buch hat sie Interviews mit ihrer Mutter geführt und Texte des Vaters herausgesucht, Gedichte und kurze Geschichten. „Es ist ja keine Abrechnung, es geht zwar um das Leben meines Vaters, aber auch um mich und unsere Beziehung zueinander und um Trauer.“ Vor allem geht es ihr um eine Würdigung des Mannes, der sie zum Schreiben ermutigte: „Manchmal denke ich, es ist wie ein Geschenk, nach all dem Elend etwas zu machen, das anderen helfen kann.“ Ihr Vater hätte sich darüber gefreut, dass sie ein Buch veröffentlicht hat, da ist Saskia Jungnikl sich sicher.

Fiona Sara Schmidt ist leitende Redakteurin des feministischen Magazins an.schläge in Wien. Die aktuelle Ausgabe hat den Schwerpunkt „Suizid – Selbsttötung und Überleben haben ein Geschlecht“

Papa hat sich erschossen Saskia Jungnikl Fischer 2014, 256 S., 14,99 €

 

06:00 24.11.2014

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