Traurige Exilkönige

Vatertag Was für Väter brauchen wir, gerade jetzt in der Corona-Krise?
Traurige Exilkönige
Sitzt er in der Ecke, hat er den Hut auf? Unsicherheiten auszuhalten, kann Spaß machen

Foto: H. Armstrong Roberts/Classic Stock/Getty Images

Vatertag 2020: Die Feiern werden vermutlich bescheidener ausfallen. Nicht nur, weil die feuchtfröhlichen Trinktouren angeheiterter Männer mit dem Bollerwagen im Rahmen der Ausgangsbeschränkungen eingeschränkt sind, sondern auch, weil die Väter dieser Tage nicht wohlgelitten sind. Der wichtigste Grund dafür ist vielleicht der Eindruck, unsere Gesellschaft werde immer noch von patriarchalen Strukturen beherrscht, die jetzt, wo Kinder von der Politik zu Hause eingesperrt würden und die Mütter die Familienarbeit weitestgehend alleine leisten müssen, wieder sichtbar seien.

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Dabei ist unsere Gesellschaft natürlich aufgeklärter als noch vor 300 Jahren und ein klassisches Patriarchat, in dem die Väter die Ordnung und das Gesetz präsentieren, gibt es nicht mehr. Wir haben seine beiden Stützen, die monarchische Struktur der Gesellschaft und die Vorstellung einer hierarchischen Ordnung der Welt, in der alles seinen festen Platz hat, überwunden. Die Könige wurden entmachtet und die Väter wurden ins Exil des Berufslebens geschickt.

Übrig geblieben ist nur die ökonomische Dominanz der Väter, die freilich schlimm genug ist. Allerdings auch für die Väter, die dadurch von ihrer Familie getrennt sind – nicht nur im wörtlichen Sinne. In dem Maße, in dem sich ihr Beitrag zum Leben der Familie auf die Sicherung der ökonomischen Lebensgrundlage konzentriert, schnurrt ihre Rolle auf die des Versorgers zusammen. Das entfernt sie aus der Familie. Sie werden zu Stellvertretern des Ökonomischen, die Frau und Kind umkreisen wie der Mond die Erde. Dadurch stehen sie immer ein bisschen abseits – so wie Joseph, der berühmteste aller Stellvertreter-Väter, in vielen Darstellungen der Heiligen Familie.

Das Ethos des Artisten

Dass in der Bundesliga früher wieder gespielt wird als in den Kindergärten und die Baumärkte eher wieder öffnen als die Schulen, ist allerdings kein Erbe des Patriarchats, sondern einer Politik, die die Arbeit in den Familien bewusst missachtet, damit sie sie nicht bezahlen muss und Staat und Wirtschaft weiterhin parasitär von ihr profitieren können. Schon die Führer der alten Industriestaaten wussten, dass der Arbeitslohn nur dann gering bleiben kann, wenn hinter jedem Mann am Fließband eine unbezahlte Frau steht, die den Haushalt führt und die Kinder versorgt, wie eine feministische Geschichtswissenschaft schon früh gezeigt hat.

Das Fortbestehen dieser Politik trifft auch heute noch Frauen besonders hart; gleichwohl kann von einer Herrschaft der Väter keine Rede sein. Allzu oft sind sie selbst in den Umständen gefangen.

Viel eher als ein Lob des Vaters ließe sich heute also eine Klage des Vaters vernehmen, zumal dieser Tage das Gejammer wie ein Basso continuo beinah alle Äußerungen trägt. Dem will sich dieser Vatertagsgruß jedoch nicht anschließen. Vielmehr soll es darum gehen, was den Vätern heute zu wünschen und was von ihnen wünschenswert wäre. Dabei könnte es helfen, ein Blick auf das zu werfen, was mit dem Patriarchat noch verloren ging. Das Wichtigste ist vielleicht die sozialisierende Funktion, die mit der Rolle des Vaters klassischerweise verbunden ist. Das Leben in einer „vaterlosen Welt“, das schrieb schon der englische Philosoph Shaftesbury um 1700, ist grausam und zerrüttet, weil dem Menschen mit dem Vater „die Beziehung auf das Ganze“ fehlt.

Diese Beziehung auf das Ganze einzunehmen, nicht nur sich selbst, sondern sich auch in Beziehung zu den anderen zu sehen und die Verwirklichung der eigenen Wünsche und Ziele daraufhin zu befragen, wie sie sich zu den Wünschen und Zielen der anderen verhält, heißt, erwachsen zu werden. Für die Patriarchen alten Schlages hieß das, sich dem Gesetz zu unterwerfen, das sie vertraten. „Deine Ordnung ist der Pflug“, lässt der mittelhochdeutsche Dichter Wernher der Gärtner den Vater in einer Erzählung zum Sohn sagen, der aufbegehrt, nicht ackern und pflügen, sondern rauben und plündern will. Er weist ihm damit seinen Platz im Leben zu. Allerdings ist die Unterwerfung unter das Gesetz die schwächste Form der Erziehung. Sie bietet Menschen ein Korsett, die allein nicht aufrecht stehen können. Und überhaupt: Welchen Platz im Leben können die Väter heute ihren Kindern weisen, wenn es so eine Ordnung nicht mehr gibt und sie selbst nicht auf festem Grund stehen, sondern auf „dünnem Eis, über das der Tauwind geht“, wie Friedrich Nietzsche bemerkt hat?

Es kann kein Platz im Leben sein, sondern nur ein Verhältnis zu ihm und zu sich selbst. Ein artistisches Selbstverhältnis ohne alle Gravität. Kein Gehorsam gegenüber dem Gesetz, sondern das Ethos eines Artisten. Gerade vor dem Hintergrund der rezenten Pandemie wären solche Väter ein Segen. Sie würden den Lamentierern mit seiltänzerischer Leichtigkeit gegenübertreten und auf die nervösen Fragen, wann es endlich wieder so würde, wie es früher einmal war, ein fröhliches „Nie mehr!“ vernehmen lassen. Sie würden den Klageweibern die Furcht vor dem Unbestimmten nehmen und die Freiheit sichtbar machen, die in ihm liegt. Freilich nicht, ohne die Gefahren zu verleugnen. Denn ein Leben, das die Unordnung nicht aufhebt, sondern in ihr improvisiert, kann nicht gegen den Misserfolg abgedichtet werden.

„Manches ist misslungen, manches wohlgeraten“, konstatieren jene Väter in Johann Peter Hebels Schatzkästlein des rheinischen Hausfreunds, die wissen, dass die beste Art, es den Vätern und Vorvätern gleichzutun, die ist, immer wieder neu anzufangen. Mit diesem riskanten Selbst- und Weltverhältnis ist auch die Einsicht in die Vorläufigkeit und Vergänglichkeit aller Dinge verbunden. Was entsteht, vergeht – und alles, was ist, sinkt hinab zu dem, was war. „Alle Tage sind zum Tode unterwegs, der letzte – er langt an.“ Der Tod ist die Vollendung des Lebens. Michel de Montaigne knüpfte an diese Einsicht seine berühmte Behauptung, Philosophieren hieße Sterben lernen. Auch dabei könnten die Väter ihre Kinder und Familien dieser Tage unterstützen. Nicht im wörtlichen Sinne natürlich, denn das allzu viele Sterben soll ja gerade verhindert werden – aber in dem übertragenen Sinn, dass das Leben nicht nur von der Geburt aus gesehen wird, sondern auch vom Ende her.

Wir nehmen dann nicht nur die unendliche Fülle von Möglichkeiten in den Blick, die im Anfang liegt, sondern müssen uns mit Blick auf das Ende auch fragen, was wir sinnvollerweise noch tun können. Während uns die erste Perspektive oft frustriert, weil wir die unendliche Fülle des Möglichen nie ganz ausschöpfen können, kann uns die zweite neue Kraft zum Handeln schenken.

Dieser Perspektivwechsel ist allerdings nur möglich, wenn wir aufhören, einfach so im Strom des Lebens dahinzuschwimmen. Wir müssen daraus aussteigen und einen Platz am Ufer einnehmen. Diese kontemplative Distanz zum Leben ist vielleicht das Wichtigste, was den Vätern heute zu wünschen wäre und was sie ihren Kindern und Familien mitgeben könnten.

Mehr Liebes-Arbeiten

Die Voraussetzungen dafür sind gerade sehr gut, denn die Pandemie hat die Stopp-Taste gedrückt. Die Welt hält den Atem an. Die Väter sollten diese einmalige Chance nutzen, nicht nur, um ein artistisches Selbstverhältnis und eine kontemplative Distanz zum Leben zu etablieren, sondern auch, um den Müttern größere Spielräume zu geben. Denn die Kehrseite des kontemplativen Lebens ist die Vita activa, wie Hannah Ahrendt gezeigt hat: das tätige, mit den allgemeinen Angelegenheiten und öffentlichen Interessen befasste, kurz das ökonomische und politische Leben. Dafür müssen sie jedoch erst einmal frei werden, und das können sie nur, wenn sich die Väter daraus zu ihren Gunsten zurückziehen – alte Verantwortlichkeiten abgeben und neue annehmen. Weniger Geld- und mehr Liebes-Arbeiten: mehr Windeln wechseln, Essen kochen und mit den Kindern am Fluss sitzen.

Björn Vedder ist Publizist und Philosoph. Zuletzt erschien von ihm Väter der Zukunft. Ein philosophischer Essay im Büchner Verlag

06:00 21.05.2020

Ausgabe 22/2020

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