Traurige Pflanzen

Porträt Marion Poschmann begreift Schwermut als Chance – nachzulesen jetzt in „Die Kieferninseln“
Björn Hayer | Ausgabe 40/2017

Es sind Welten des Taumelns, Welten aus Licht und Schatten, stets umhüllt von Rätselhaftigkeit – Marion Poschmanns Texte leben von geheimnisvollen Zwischenräumen, vom Unsichtbaren und Subtilen. Was wir glauben, als Tatsachen wahrzunehmen, erweist sich schon im nächsten Augenblick als Schimäre. Bilder formen sich nicht, sondern gehen in andere Aggregatzustände über oder verschwimmen, bis am Ende jener Dreiklang erfüllt ist, den sie in ihrem Gedicht Schierklar (aus: Geliehene Landschaften, 2016) proklamiert: „Leer werden. Leere ertragen. Leere verstehen.“

Im Nichts, im völligen Nullzustand liegt für die 1969 in Essen geborene Autorin das große Potenzial. Wohingegen die kapitalistische Gesellschaft Wachstum und Besitzanreicherung zum obersten Primat erhoben hat, erzählt sie von Reduktion und Askese. So auch in ihrem neuen, auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandeten Roman Die Kieferninseln. Im Zentrum steht der Privatdozent Gilbert Silvester, der eines Nachts nach einem erschütternden Traum aufwacht. In der Überzeugung, seine Frau habe ihn betrogen, beschließt er kurzerhand sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen, sich auf eine Reise nach Japan zu begeben. Dort angekommen, gerät er in Kontakt mit den Schriften des im 17. Jahrhundert geborenen Lyrikers Matsuo Bashō, dessen Beschreibungen von der ungemeinen Geisteskraft der titelgebenden Inselgruppe schwärmen. Sie versprechen Erlösung, ein Refugium jenseits der Rastlosigkeit. Daher setzt der Protagonist alles daran, gemeinsam mit einem von Suizidträumen getriebenen Heranwachsenden namens Yosa jene sagenumwobene Bucht an der Ostküste aufzusuchen.

Sein Antrieb ist metaphysischer Natur und entspringt der Hoffnung zahlreicher Entdecker, die allesamt von der romantischen Poesie über die Kieferninseln verführt wurden: „Die Reisenden nach Matsushima waren lunatics, Mondsüchtige, Exzentriker. Sie verfaßten ihre eigenen Heiligenlegenden, nichts zählte für sie außer der Dichtung, und Dichtung bedeutete ihnen den Weg des Geistes zum Nichts. Es waren Extremisten (…), verrückt nach einer bestimmten Art von Schönheit (…), der vagen Schönheit in sich zurückgezogener Landschaft.“

Verfallsprozess im Sonett

Das Nichts erscheint als Möglichkeitsraum, wo das Ich kontemplativ zu sich kommen und sich aus den Fesseln einer nüchternen Realität befreien kann. Nötig ist dafür eine ganz bestimmte Geisteshaltung, nämlich die der Melancholie. Nahezu alle Figuren in Poschmanns Prosa, ein so quirliges wie bizarr-eigensinniges Ensemble aus Exoten, Einzelgängern und Freigeistern, verbindet deren Kraft. Ob den von Depressiven umgebenen Therapeuten Janich in ihrem Roman Die Sonnenposition (2013), den empfindsamen, der Wirklichkeit entrückten Peter aus Baden bei Gewitter (2002) oder wohl am deutlichsten die schwermütige Großstadtnomadin aus der Hundenovelle (2008) – alle Helden und Heldinnen eint eine geistige Tiefe und Traurigkeit.

„Ich sehe die Melancholie in der Literatur vor allem als Situation einer existenziellen Krise, eine Verfassung emotionaler Enge oder Gespanntheit, die auf der einen Seite eine psychische Gefährdung bedeutet, auf der anderen Seite aber die Möglichkeit bietet, die eigenen Grenzen zu überwinden und womöglich über sich hinauszuwachsen“, sagt Marion Poschmann. Auch in ihrem aktuellen Werk sieht sie die Schwermut als ein transzendierendes Moment: „Yosa Tamagotchi, sozial unter allzu großen Druck geraten, möchte alles hinter sich lassen und plant ein endgültiges, grandioses Scheitern. Es ist auch das erklärte Ziel von Gilbert Silvester, aus seinem bisherigen Lebenskreis hinauszukommen. Er wendet sich demonstrativ von der ,Welt‘ ab, um etwas Subtileres zu finden, Sinn, Inspiration, sich selbst.“

Die studierte Germanistin hat dafür im Laufe ihres Schaffens, das mittlerweile fünf Prosawerke, vier Lyrikbände und verschiedene Essays umfasst, eine immer hellsichtigere und schillernd-zarte Sprache gefunden. Stille und Ekstase, Magie und Tristesse sind darin auf wundersame Weise miteinander verbunden. Dass solcherlei Gegensätze nicht zerstörerisch wirken müssen, liest sich insbesondere an den Gedichten der Lyrikerin ab. Poschmanns beliebteste Stilmittel sind Paradoxa, Bildbrüche und Dissonanzen. Begriffe wie „Winterhitze“ oder schiefe, abstrakte Wendungen wie „Polarnacht aus Zellophan“, wie sie in ihrem Text Hinweise zur Erderwärmung (aus: Geistersehen, 2010) vorkommen, offenbaren eine Zwischenwelt, worin das Undenkbare denkbar wird sowie Chaos und Ordnung einander bedingen. In ihrem Gedicht vage Einsichten – schon der Titel mutet in sich widersprüchlich an – erzählt sie von einem sich im Badeschaum und -nebel auflösenden Ich. Obwohl es sich am Ende „aufgebahrt“ vorfindet, kann es sich artikulieren. Nicht nur An- und Abwesenheit kennzeichnen zur selben Zeit den Traumzustand des Subjekts, sondern ebenfalls das Wechselspiel zwischen Entstehen und Vergehen. Wohingegen der Text einerseits vom Verlust der Konturen der Person berichtet, bettet er diesen Prozess in die barocke Form des Sonetts ein, das dem Zerfall wiederum eine Struktur gibt.

Alles kann sprechen

Sowohl in ihrer Lyrik als auch ihrer Prosa gibt erst die Tendenz zum Nicht-mehr-Sein, zum Ruinösen und Formlosen die Anlage zur Erneuerung zu erkennen. „Denk dich als den Traum eines Baumes / sei utopisches Potential“, ruft sie uns in einem Gedicht aus dem Band Geliehene Landschaften zu. Pflanzen stehen für die Metamorphose, sie wachsen und liefern den Sauerstoff zum Atmen, sind die Lebensspender schlechthin. Bei Poschmann sind sie auch das Tor für die Träume: Nachdem Gilbert am Ende ihres aktuellen Werkes vom „Kiefernduft, vom Atem der Insel“ wie den Schriften Bashōs betört wurde, entgleitet er kurz in einen tranceartigen Zustand. Wirklichkeit und Fantasie sind kaum mehr zu unterscheiden – ein Wesenszug, den Poschmann vor allem im asiatischen Natur- und Kunstverständnis begründet sieht: „Seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit der Zen-Ästhetik. Mich interessiert daran, dass in dieser Tradition Natur und Kunst nicht als getrennt voneinander gedacht werden, sondern es werden scheinbar lockere Konstellationen geschaffen, die einen vibrierenden geistigen Raum eröffnen.“

Die Kieferninseln zu lesen bedeutet, ein permanentes „Om“ zu hören. Dieser Roman ist ein Faszinosum, eine liebevolle Einladung zur Konzentration und zum Verlieren in der inneren Landschaft. Letztere versteht sich wie in allen anderen Werken der Autorin als das Gravitationszentrum der Handlung. Üben sich deren Figuren zumeist im passiven Beobachten, erscheinen Pflanzen und Tieren hingegen als wesentliche Akteure des Geschehens. In der Hundenovelle kreist die Protagonistin lediglich um den titelgebenden und Albrecht Dürers Kupferstich Melencolia I (1514) entnommenen Vierbeiner. Im Gedicht Rosa canina (Hundsrose), aus Geistersehen, 2010, offenbart eine Pflanze ihr „Blühbemühen“, das sich buchstäblich über den „Endlosverkehr“ der heutigen Welt erstreckt. Fragt man also nach jener Dichterin, die dem neuen Menschenzeitalter, dem viel diskutierten Anthropozän, ihre Stimme gibt, dann ist das Marion Poschmann. Wie ein weiblicher Orpheus vermag sie die Dinge und Organismen der Natur zu beleben. Flora und Fauna verfügen in ihren Kompositionen über Bewusstsein und Fähigkeit, sich sprachlich zu artikulieren.

Auf diese Weise werden die künstlichen Grenzziehungen zwischen den Spezies instabil. Die Wesen unserer Umwelt erhalten dadurch eine Würde. Poschmanns literarische Entwürfe enthalten grundsätzlich auch eine ethische Dimension – was unseren Umgang mit der Natur, aber ebenfalls das soziale Miteinander unter den Menschen betrifft. Wie Gilbert, dessen abseitige Forschung sich auf Ikonografien des Bartes fokussiert, gehören auch die Protagonisten ihrer anderen Bücher in die Riege gesellschaftlicher Außenseiter. Peter und die Ich-Erzählerin in der Hundenovelle entziehen sich dem Druck der Leistungsgesellschaft. Sie verkörpern den Typus des Eichendorff’schen Taugenichts. Indem sie Tagträumen nachhängen und in ihren Gedanken kreisen, entziehen sie sich der Selbst- und Fremdausbeutung. Die Schönheit der Poschmann’schen Literatur strahlt somit immer auch aus einer anderen Welt in die unsrige herüber. Deren Helligkeit ist nicht blendend. Vielmehr tut sich ein Weiß auf – so rein und überwältigend, als wäre es die letzte Wahrheit hinter den Dingen.

Info

Die Kieferninseln Marion Poschmann Suhrkamp 2017, 160 S., 20 €

Die Bilder dieses Spezials

Blitzdings Max Slobodda, Fotograf dieser Beilage, wurde 1987 geboren und lebt heute in Dortmund. Sein Fokus liegt auf der Straßen- und Dokumentarfotografie, zudem entstehen inszenierte Projekte, wie derzeit die surrealistische Arbeit Phos Noise: „Es geht um die Dekonstruktion der Wirklichkeit, um das Unbegreifliche, für das es nicht sofort eine logische Erklärung gibt (...). Jeder entscheidet selbst, was er denkt und fühlt, wenn er sich die Bilder anschaut. Ganz ohne Vorgaben, ganz ohne Erklärung.“

Max Sloboddas Arbeiten wurden in internationalen Publikationen präsentiert, in Guardian, Vice, Lensculture und iGNANT.

Zum Verkauf steht eine limitierte Auflage aus der Phos-Noise-Reihe, 30 x 45 cm, gerahmt, 10 Stück pro Motiv. Mehr Informationen auf slobodda.de. Mehr Fotos auf Instagram: @sloboddaphoto.

Björn Hayer ist promovierter Literaturwissenschaftler und Dozent für Germanistik an der Universität Koblenz-Landau

06:00 11.10.2017

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