Trauriger Ruhm, zu töten einen Toten

Von tragischen Helden Heiner Müllers "Philoktet" auf einer Werkstatt in Berlin

Nach zwei bemerkenswerten Werkstätten zu Zement (Theaterhaus Mitte Berlin 2001) und Anatomie Titus Fall of Rome Ein Shakespearekommentar (freiekammerspiele Magdeburg 2003) veranstaltete die "Internationalen Heiner Müller Gesellschaft" nun in der Berliner Bewag-Halle in Prenzlauer Berg eine dritte zu Heiner Müllers Philoktet. Das Stück, das der ostdeutsche Dramatiker 1958/1964 in Anlehnung an Sophokles´ gleichnamige Tragödie schrieb (uraufgeführt im Münchens Residenztheater 1968), aktualisiert Sophokles´ Aufarbeitung des trojanischen Kriegs, als Athens Niederlage bevorstand.

Der Krieg und seine Metamorphosen, von jeher das tragischste aller tragischen Sujets, wird hier als Spiegelung ostdeutscher Verhältnisse aus dem antiken griechischen Mythos dargestellt. Müller schwebte aber auch eine weitere gesamtdeutsche Verschärfung vor: "Die deutschen Soldaten haben im Kessel von Stalingrad die Lektion der Nibelungen nicht gelernt", schrieb er in einer Anmerkung zu Philoktet. "Erst wenn das Modell geändert wird, kann aus der Geschichte gelernt werden." Und weiter: "Der Ablauf ist zwangsläufig nur, wenn das System nicht in Frage gestellt wird. Komik in der Darstellung provoziert die Diskussion seiner Voraussetzungen. Nur der Clown stellt den Zirkus in Frage. Philoktet, Odysseus, Neoptolemos: drei Clowns und Gladiatoren ihrer Weltanschauung." Müller sieht das Strukturproblem des Stückes im Umschlag der Tragödie in eine blutige, politische Farce. Warum Philoktet?

Der Sage nach erfährt Odysseus von der Weissagung des gefangenen Priesters der Trojaner, Helenos, dass nur mit Hilfe des auf der Insel Lemnos ausgesetzten Philoktets der Krieg um Troja gewonnen werden könne. Einst fallen gelassen, auf dem Wege nach Troja von einer Schlange in den Fuß gebissen und von seinen Kameraden wegen seines verfaulenden und stinkenden Fußes den Geiern auf Lemnos ausgesetzt, soll Philoktet nun überredet werden, die entvölkerte Insel zu verlassen und die vormals abgebrochene Reise nach Troja zu vollenden. Was er nicht weiß, ist, dass Neoptolemos, Achills Sohn, nur der Geheimbotschafter des Erzfeindes ist, der anfänglich Philoktet die Rückkehr zur Heimat verspricht, den wahren Grund seines Auftrags jedoch verschweigt. Odysseus, der für Philoktets Unglück verantwortlich ist, leitet selbst die unrühmlich-"notwendige" Mission, bleibt aber zunächst im Hintergrund. Neoptolemos spielt Philoktet den Gekränkten vor und gewinnt so sein Vertrauen. Odysseus´ Plan gelingt zunächst. Bezirzt vom jungen Neoptolemos, fasst der Verbannte schließlich Mut: "Nimm mir das Ausland von den Füßen, Grieche / Den Schatten meiner Geier aus den Augen." Ein baldiges Wiedersehen der Heimat, des Himmels, der sein Himmel ist? Der Verbannte übergibt darauf dem Jungkrieger seine Waffen und will sich zum ankernden Schiff geleiten lassen. Neoptolemos erträgt aber schließlich die Lüge nicht und verrät sich. Und der augenblicklich erscheinende Odysseus verschlimmert dann nur die Lage. Philoktet gelingt es, seine Waffe wieder an sich zu nehmen, die er nun gegen Odysseus richtet. Im gleichen Moment stößt Neoptolemos sein Schwert in Philoktets Rücken. So Müllers Version.

Während Sophokles´ Philoktet einen glücklichen Ausgang nimmt, ist Müllers Stück erbarmungslos. Bei ihm eilt kein Herakles herbei, um Philoktet zu besänftigen. Hier sind die drei Helden allein, "drei Bestien, drei Kampfmaschinen, Energie, die sich totläuft, der Krieg selbst, der sie selbst sind." Und im Unterschied zu Sophokles gibt es auch keinen Chor, an dem sich die drei Gestalten brechen könnten. Odysseus, der Rhetoriker und Meisterkrieger; Neoptolemos, der im Auftrag der Staatsräson Lügende, sich selbst Entlarvende und dann Tötende; Philoktet, der Sterbende, der noch in die Vergeblichkeit und Unerlässlichkeit von Heimat eingebettet ist.

Sophokles braucht Philoktet vor Troja, Müller lässt ihn auf seiner Verbannung, der entvölkerten Insel Lemnos, durch Neoptolemos´ Schwert sterben. "Trauriger Ruhm, zu töten einen Toten", spricht bei Müller der unglückliche Neoptolemos. "Ein schneller Schüler bist du mir", spricht dann der Itaker. Er weiß sich auch diesmal zu helfen. Beide sollen den Toten nach Troja bringen und ihn dort als Opfer eines niederträchtigen Anschlags von Trojanern ausgeben. Seine Leiche wird in Troja als Waffe eingesetzt. "Vor Troja werd ich dir die Lüge sagen / Mit der du deine Hände waschen konntest / Hättst du mein Blut vergossen jetzt und hier (...) / Geh schneller, dass nicht deine Wut verraucht. / In Troja ist dein Tisch gedeckt, geh schneller." So spricht der Itaker zum Jungkrieger im Müllers Philoktet. Ein unrühmliches Ende auf der Schwelle vom Mythos zur Geschichte. Odysseus, "das erste politische Tier (...), das in einer Person der Macher und der Liquidator der Tragödie ist", so Müller 1983 in einem Brief an Dimiter Gotscheff, den Regisseur der bulgarischen Erstaufführung des Stückes. Und weiter: Odysseus als "eine Figur der Grenzüberschreitung. Mit ihm geht die Geschichte der Völker in der Politik der Macher auf, verliert das Schicksal sein Gesicht und wird zur Maske der Manipulation."

Philoktet bleibt in dieser Form allgegenwärtig. Angesichts der "asymmetrischen Feindschaft" (Pierre Conesa), des massenmedialen Terrors aus dem "Empire" und des gesichtslosen Gegenterrors aus der Peripherie wird die Kritik der Waffen (Neoptolemos) zur Waffe der Kritik, zum fundamentalen Gewissen, zu moralischem Bewusstsein, das tödlich enden kann (Philoktet), während Odysseus die instrumentelle Vernunft, den "flexiblen, pragmatischen Menschen" vertritt. Er verkörpert im Gegensatz zur Zerrissenheit von Philoktet und Neoptolemos das geflickte Selbstbewusstsein, das mit Blut verschmiert ist. Odysseus ist der US-Amerikaner oder der Europäer, der Liquidator der Tragödie, die weiter gedacht werden muss, um der Geschichte weiter Subjektivität abzugewinnen. Das Projekt der Moderne bleibt insofern unvollendet.

Es kann nur durch die Infragestellung des Ablaufs selbst vollendet werden, wie er zum Beispiel in Kafkas In der Strafkolonie aus sich heraus als Apparat auseinander fällt. Dann bekämen die drei Clowns und Gladiatoren ihrer Weltanschauung ein neues Gesicht. Philoktet, Odysseus, Neoptolemos, oder Kafkas Soldat, der Verurteilte und der Reisende. Das bleibt allerdings "ein Wunschkonzert für den Intellektuellen, der kein Blut sehn kann und es doch saufen will", so Müller 1983. Und weiter: "Mit dem Nihilismus als dem Fluchtpunkt christlich kapitalistischer Politik schlägt die Stunde des Schauspielers. Der Verweis auf die andere Seite macht das Wirkliche zum Anlaß, Welt zum Vorwand. Das Theater kann sein Gedächtnis für die Wirklichkeit nur wieder finden, wenn es sein Publikum vergißt. Der Beitrag des Schauspielers zur Emanzipation des Zuschauers ist seine Emanzipation vom Zuschauer."

Philoktet, das eminent politische Stück bleibt ein Dorn im Auge aller. Ein schwerwiegender Stoff, der unter der Gesamtleitung von Klaudia Rukowski und Wolfgang Storch in intensiver, zwölftägiger Arbeit einen weiteren, aufschlussreichen Zugang zu Müllers Werk für Regisseure, Schauspieler, Dramaturgen, Soziologen, Theaterwissenschaftler, Philosophen und sogar (sie waren unterm Publikum) Gastronomen bot. Während die Vorträge, Lectures und anschließenden Diskussionen das literatur- und theatertheoretische, das historische, soziologische und philologische Spektrum um Müllers Philoktet weiter beleuchteten, sorgten die Workshops für Experimente mit dem Stück, die auf weitere Vergegenwärtigungen moderner und "postmoderner" Masken verwiesen. Nichts schien hier lächerlich, so im Sinne Helmuth Plessners, und wenn etwas, so nur die Angst vor der eigenen Lächerlichkeit, die hier allerdings nicht vorkam.

"Das Leben - ein tödliches Spiel." So endete ein lebendiges und lebensbejahendes Schauspiel, das an nichts fehlen ließ: Freude und Konspiration, Sinnlichkeit und Sachverstand, Vergangenes und der Verweis auf eine mögliche Zukunft. Und das erinnerte auch wieder an Müller, als er 1990 in einem Gespräch mit Frank M. Raddatz (Nekrophilie ist Liebe zur Zukunft) bemerkte: "Im nächsten Jahrtausend muß es zur Allianz von Kommunismus und Katholizismus kommen. Die Realität gibt nur nach, wenn man sich gegen sie verbündet. Ché Guevara ist ein Heiliger, ein neuer Apostel. Das setzt die Fusion von Rom und Byzanz voraus. Dagegen ist der Kapitalismus eine Fußnote. Alles andere ist ephemer, Tagespolitik."


00:00 17.09.2004

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