Trendkost

A–Z Ständig kommt uns ein neuer Hype auf den Teller, Ärzte warnen jetzt vor tiefen Schnitten in der „Avocadohand“. Unser Alphabet von Achtsamkeit bis Zöliakie
Trendkost

Foto: Zuma Press/imago

A

Achtsamkeit Längst ist das Thema Achtsamkeit (mindfulness) in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Selbst Herbert Grönemeyer schwadronierte in einem Gespräch für das ansonsten schöne 3sat-Format Sternstunde Philosophie von nichts anderem, und Woche für Woche berichtet mittlerweile auch die renommierte Apothekenumschau über die neusten Techniken, seine Umwelt, seinen Körper und seine Ernährung mit gesteigerter Aufmerksamkeit wahrzunehmen und zu erfahren, so dass beispielsweise in dem minutenlangen Genuss einer Rosine das gesamte Weltall zum Vorschein kommt. Das trifft sich gut, denn manch ein Unglücksrabe hat vielleicht tatsächlich nur eine Rosine am Tag. Wer früher das Fast Food (➝ Mettigel) seelenlos hinunterschlang, weil er es nicht besser wusste, soll heute im bedächtigen Genießen zu sich selbst finden und eine tiefe Dankbarkeit gegenüber den selbst gewählten Entbehrungen unserer Zeit empfinden. Alle gewinnen. Timon Karl Kaleyta

B

Birkenwasser Wer hat die Kokosnuss geklaut? Keine Ahnung. Darüber aber besteht Gewissheit: Sie ist out. Birkenwasser hat die Milch der Schließfrucht als Trendgetränk abgelöst. Schirmchen gehören nun in den Baumsaft! Neu ist das Getränk nicht, sondern wie so oft eine Wiederentdeckung. In Nordosteuropa und Skandinavien ist es verbreitet. Fama est, dass es schon die Wikinger schlürften. Falls das stimmt, dann hatten die kriegerischen Nordmenschen auf ihren Fahrten weder Cellulite noch unreine Haut (➝ Detoxen). Davor soll Birkenwasser schützen und auch den Haaren Gutes tun.

Ob der Norwegerkönig Harald Schönhaar als Kind in einen Birkenwasserbottich gefallen ist? Die farblose Flüssigkeit enthält Aminosäuren, Vitamin C und Mineralien. Sie wird direkt am Baum abgezapft und schädigt ihn nicht. Es soll auch mal Birkenchampagner gegeben haben. Das wird dann vielleicht der nächste In-Drink. Tobias Prüwer

C

Craft Beer Jede Provinzstadt besitzt inzwischen eine eigene Craft-Beer-Manufaktur mit angeschlossenem hippem Verkaufsladen und einem dynamischen Verkaufsteam mit wahlweise gestutzten oder gezwirbelten Bärten. Man darf also annehmen, dass der Craft-Beer-Trend in der Mitte der Gesellschaft angekommen und damit toter als tot ist. Hat das gecraftete Bier überhaupt einen Gehalt? Für jemanden wie mich, der ein Weizen kaum von einem Schwarzbier unterscheiden kann, stellt sich diese Frage besonders drängend. Zum Glück weiß das Internet Rat: American Pale Stout mit Ziegenhirnzugabe soll vor allem durch seinen hohen Alkoholgehalt punkten – den braucht es vermutlich auch, um das Ziegenhirn rasch vergessen zu machen. Im Norden entwickelt sich angeblich Craft Beer mit Kaffeezusatz zu einem echten Verkaufsschlager. Für Naturverbundene gibt es Craft Beer mit grasiger Note; auch harzige, erdige Varianten sind verfügbar. Was soll man sagen? Vermutlich ist dieser Trend doch nur etwas für kernige Bartträger. Marlen Hobrack

D

Detoxen Entgiften soll die heimliche Qualität einiger Trendnahrungsmittel sein. „Detoxen Sie jetzt Ihren Körper mit Quinoa“, wirbt eine Frauenzeitschrift und verbindet damit gleich drei Trends: Die Rede vom Detoxen, den Hype um die überteuert verkauften Samen eines anspruchslosen südamerikanischen Gewächses und das Aufpeppen unwissenschaftlichen Unsinns mit englischen Trendvokabeln. Aber halt: Wer will schon Gift im Körper haben? Das böse Gift ist offenkundig „die Chemie“. Blöd nur, dass organische Chemie natürlich in allen Lebensmitteln steckt. Selbst in der Quinoa-Pflanze. Die Hauptsorge der unerbittlichen Detoxer sollte allerdings weder Leber noch Darm, sondern viel eher der feinstofflichen Beschaffenheit ihres Hirns gelten. Marlen Hobrack

G

Goji-Beeren Frisch sehen sie wie längliche Hagebutten aus, getrocknet wie rote, schmale Rosinen. In China bedeutet Goji „Glück“, dort werden die Beeren wegen der Vitamine seit Jahrhunderten bei vielen Krankheiten eingesetzt. Da sie auch verjüngende Wirkung haben sollen, hat Hollywood sie entdeckt und auch hier sind die teuren Glücksbeeren angesagt.

Dabei haben sie nicht nur eine schlechte ➝ Ökobilanz, sondern sind meist auch stark mit Pestiziden belastet. Selbst ein Großteil derer, die mit „Bio“ gekennzeichnet sind. China nimmt das nicht so genau. Wer hat da nun Glück gehabt? Katharina Finke

M

Mettigel Über wenig andere Speisen darf unter jungen, gut ausgebildeten Digitalbildungsbürgern so vielfältig und ungeniert gelacht werden wie über das Mett. Grob zerhacktes, roh zu genießendes Schweinefleisch unbekannter Provenienz inklusive miserabler CO2-Bilanz und Massentierhaltungsmakel gilt als unmissverständlicher Ausdruck übelster Bauarbeitermentalität. Eine große Verachtung der Arbeiterklasse, die sich in den wohlverdienten Mittagspausen Mett in großen Klumpen und mit Zwiebelringen garniert auf Weizenbrötchen (➝ Zöliakie) zu klatschen pflegt, spricht gewiss aus dieser Haltung. Was aber geht, ist ein ungleich feiner zerhacktes Steak Tartar aus ökologisch lupenreinem Rinderfilet, wie man es (nach dem Yoga) überraschend gut im Soho House Berlin genießen kann. Bild meint: auch in modernen Zeiten hohe Trendkost-Gefahr!

Wenn allerdings in Zukunft sämtliches Fleisch dieser Erde in der Petrischale gezüchtet wird, könnte Mett seine Reputation zurückgewinnen. Timon Karl Kaleyta

N

Negation In einer Zeit der permanenten Selbstbeobachtung und -optimierung stellt sich nicht nur die Frage nach dem perfekten Essen. Für die bewusste Ernährung scheint der Verzicht mindestens so wichtig. Die Leerstelle als ultimative Zutat quasi. Und so gibt es den Trend, dass man Intoleranz als besondere Form der Aufgeklärtheit vor sich herträgt.

Zum Beispiel die Laktoseintoleranz, die für viele mit einem modernen urbanen Lebensgefühl voller Soja-Latte verwachsen ist. Oder die Glutenunverträglichkeit, die eine ganze Reihe neuer Produkte auf den Markt gespült hat. Was für die einen ein Mode-Accessoire ist, ist für Betroffene überhaupt kein Spaß (➝ Zöliakie). Gerade darum sollte man doch genießen, was immer geht und sich nicht mit Kuchen kasteien, der mehr mit Sägemehl gemein hat als mit Gebäck. Deshalb die Trendempfehlung zum Schluss: Es lebe der Hedonismus! Benjamin Knödler

Ö

Ökobilanz Nicht alles, was gesund und obendrein sexy, weil exotisch ist, ist auch gut für die Umwelt. Das liegt zuallererst daran, dass Früchte und Getreide, die aus irgendwelchen Bergregionen in den Anden oder dem Himalaya stammen, sehr weite Wege zurücklegen müssen, um nach Europa zu kommen. Meistens werden sie mit Schiffen transportiert, die in der Regel mit Schweröl befeuert werden, dem so ziemlich miesesten Treibstoff der Welt, was das Klima betrifft. Allein das sollte ausreichen, um gegenüber Avocados, Chiasamen oder Quinoa eine gesunde Skepsis zu entwickeln und sie wie Luxusprodukte, nicht wie Grundnahrungsmittel zu behandeln.

Es gibt aber noch weitere Gründe: Um ein Kilogramm Avocados zu produzieren, werden 1.000 Liter Wasser verbraucht. Die dänische NGO Danwatch veröffentlichte im März einen Bericht, demzufolge in Chile die Menschen im Hauptanbaugebiet Petorca mit Wasser aus Tanklastern versorgt werden müssen, weil die Bewässerung der Felder die Flüsse ausgetrocknet hat. Quinoa ist in den Industrienationen inzwischen so gefragt, dass die Bauern in Bolivien ihr einstiges Grundnahrungsmittel durch Kartoffeln ersetzt haben. Und für Chia gilt ebenso wie für andere Lebensmittel, die in Ländern mit laxen Umweltrichtlinien angebaut werden (➝ Goji-Beeren), dass man über die Schwermetallbelastung und den Pestizideinsatz nur mutmaßen kann. Das heißt: Sogenannte Superfoods sind unter Umständen nicht nur schlecht fürdie Umwelt, sondern obendrein nicht mal so gesund wie von ihren Vermarktern suggeriert. Sophie Elmenthaler

Ökonomie Superfood, superteuer. Die Lebensmittel mit den behaupteten Gesundheitsvorteilen garantieren immerhin eins: gute Gewinne für Hersteller und Händler. Enorme Wachstumsraten waren in den vergangenen Jahren beim Absatz zu verzeichnen. Zum Teil bewegten sie sich im dreistelligen Prozentbereich, das berichtete unter anderem kürzlich die Süddeutsche Zeitung. Im vergangenen Jahr hat sich außerdem der Gesamtumsatz auf 46 Millionen fast verdoppelt. Verantwortlich dafür: der Einzug ins Discountersegment.

Überwiegend Frauen greifen zu den angeblichen Ernährungsüberfliegern. Der Exotenstatus lässt Açaí und Goji (Goji-Beeren), Maqui und Moringa interessant erscheinen. Gesünder als einheimische Obst-, Gemüse- und Nusssorten sind sie aber nicht, ihre Superwirkung ist nicht nachgewiesen, sagt etwa die Stiftung Warentest. Immerhin können sie die Geschmackspalette bereichern. Aber ob das als Argument für den Konsum von Superfood ausreicht? Denn die hohe Nachfrage schafft Probleme in den Anbauländern (➝ Ökobilanz). It’s the economy, stupid. Tobias Prüwer

S

Schnitte Die Avocado ist ein absoluter Darling unter dem Grünzeugs. Eigentlich kann man sich ein Frühstück ohne diese grüne Frucht, die aus botanischer Sicht ein Obst darstellt, nicht denken. Dass die grünen Früchte – wer wusste eigentlich, dass sie mit dem Lorbeerbaum verwandt sind? – auf Frühstückstischen so ubiquitär geworden sind, ging den Besitzern des Londoner Restaurants Firedog wohl dermaßen auf die Nerven, dass sie eine „No-Avocado-Policy“ verkündeten. Sie kommen hier nicht mehr auf den Tisch. Es gebe ja auch anderes, was schmeckt.

Dass die Avocado dort so unbeliebt ist, liegt also nicht etwa an ihren Gefahren, die mittlerweile in aller Munde sind. Denn immer öfter verletzen sich Menschen beim Aufschneiden von Avocados und führen sich schwere und tiefe Schnitte zu. Man spricht in Medizinerkreisen mittlerweile schon von der Avocadohand. Manch ein Halbgott in Weiß möchte die Avocado dann auch mit einem Warnhinweis versehen. Für Katzen sind Avocados übrigens auch gefährlich. Da sie keine Messer benutzen, hat man aber eher mit Übelkeit zu rechnen als mit Schnittwunden. Mladen Gladic

Z

Zöliakie Weizen, Gerste und Dinkel – es ist en vogue geworden, auf dieses und anderes Getreide zu verzichten. Denn es enthält Gluten, Klebereiweiß. Ein Leben ohne Gluten soll gesund sein. Das Problem: Indem der Trend belächelt wird, wird damit auch das Thema glutenfreie Ernährung nicht mehr ernst genommen. Es gibt aber Menschen, für die es lebenswichtig ist, sich so zu ernähren.

Mein dreijähriger Sohn etwa hat Zöliakie, eine chronische Erkrankung des Dünndarms. Isst er Glutenhaltiges, entzündet sich die Darmschleimhaut. Er kann Nährstoffe nur schlecht aufnehmen. Bis zur Entdeckung seiner Zöliakie wuchs er darum nur langsam, nahm nicht mehr zu und war oft schlapp und unausgeglichen. Behrang Samsami

06:00 19.07.2017

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