Treuegefühle per Vertrag

Fußball Wer singt, fliegt aus dem Nest: Dürfen sich Profispieler kritisch gegenüber ihren eigenen Vereinen äußern?
Treuegefühle per Vertrag
Die Kieler Störche flattern bis auf weiteres zumindest nicht in die 1. Bundesliga

Foto: Claus Bergmann/IMAGO

Der Sport hat es mit Tieren. Mit solchen, die Gefahr ausstrahlen: Löwen, Tigern, und wenn es was aus dem Wasser sein soll, mit Haien. Mit Ausnahme vereinzelter Adler kommen Vögel dagegen seltener vor in den Vereinswappen oder Beinamen, die Klubs sich geben. Störche gibt es in Kiel, beim KSV Holstein. Das ist der Verein, der nie in die Bundesliga aufsteigt. Zuletzt hat ihn der Geißbock alias 1. FC Köln weggebissen.

Nur Vögel bauen Nester, und obwohl der Sport also weitgehend vogelfrei ist, spielt der Begriff vom Nest eine Rolle. Die Keimzelle des Sports in Deutschland ist der Verein. Und dieser ist nichts anderes als ein Nest. Sogar der FC Bayern München mit seinen 300.000 Mitgliedern und 700 Millionen Euro Jahresumsatz nimmt für sich in Anspruch, eine Familie zu sein, die eine gewisse Nestwärme vermittelt, sodass alle sich aneinander kuscheln können. Ein Verein soll sich nie anfühlen wie ein Konzern – auch wenn ihn die Kennzahlen als solchen ausweisen. Doch Sport ist emotionaler besetzt als eine Businesssparte.

Darum ist die Empörung auch größer, wenn das Nest beschmutzt wird. Der Sport versucht sogar, das per Vertragsgestaltung zu verhindern. In den Musterverträgen vieler Fußball-Ligen ist geregelt, dass Profis öffentliche Kritik an ihren Klubs zu unterlassen haben. Die englische Premier League sieht vor, dass es hart abgestraft wird, wenn ein Spieler sich abfällig etwa über seinen Trainer oder Mitspieler äußert. Wenn man das weiß, erklärt sich ein Verhalten wie das von Bastian Schweinsteiger, als er vertraglich an Manchester United gebunden war. José Mourinho, damals der Trainer, ließ ihn nicht nur links liegen, sondern triezte ihn nach allen Regeln aus dem Mobbing-Handbuch: Spind räumen, mit der Reserve trainieren. Schweinsteiger, der Weltmeister, lächelte alles weg, sang das hohe Lied auf den Kultverein ManUnited und strahlte noch eine Stufe herzlicher, als sein Trainer ihn aufgrund eines Personalnotstands doch noch einmal brauchte.

Die Duldsamkeit rechnete der Anhang Schweinsteiger hoch an, er ging als Legende, obwohl er für diesen Verein – er war ja schon über seinen Zenit hinaus – kaum gespielt hatte. Schweinsteiger hat sich mehrere Nester gebaut: FC Bayern, Manchester United, Chicago Fire. Und die Nationalmannschaft. Da allerdings begibt er sich in Gefahr. Wenn er jetzt als für die ARD arbeitender Experte etwas Negatives sagen würde – was wäre das? Richtig: Nestbeschmutzung.

Die Bindung ans Nest hält nämlich auch dann an, wenn das Nest längst verlassen wurde. Was war Uli Hoeneß auf seinen ehemaligen Bayern-Mitspieler Paul Breitner sauer, als der nach der Karriere Kolumnist wurde und analysierte, was in seinem Verein falsch gemacht wird. Oder Bremen: Da hatten diese Saison einige der früheren Heroen aus den 1980er- und 1990er-Jahren Zweifel an Trainer Kohfeldt geäußert, sodass aus Werders Innerstem der Aufschrei ertönte: Ihr Nestbeschmutzer! Das Motto „Wes’ Brot ich ess, des’ Lied ich sing“ hat im Sport auch eine Vergangenheits-/Zukunftsform: „Wes’ Brot ich aß, des’ Lied ich weiter sing.“ Verlangt wird Verbundenheit über den Vertrag hinaus.

Als Nestbeschmutzung abgetan wird es auch, wenn jemand seinen Verein oder Verband „hinhängt“. Ächtung statt Achtung erfährt, wer Missstände benennt – auch wenn er dadurch der Gesellschaft dient, indem er über Doping aufklärt, über Machtmissbrauch oder Ausbeutung – der Sport schreibt ja auch sehr fiese Geschichten. Mit Whistleblowern kommt der auf ein Hochglanz-Image bedachte Sport überhaupt nicht zurecht. Whistleblower sind Vögel, die singen. Wer das tut, fällt aus dem Nest. Er hat es beschmutzt.

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06:00 14.06.2021

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