Triumph der Maulhelden

Gewalt-Tabu Von Smudo zu Sido Die deutschen Gangsta-Rapper und ihr geborgter Nihilismus

Kurz vor Heiligabend 2003 kam ein seltsam feixender Weihnachtsmann in die deutschen Fernsehzimmer. Selbst erfahrene Konsumenten von Musikvideos waren von diesem Auftritt überrascht. Der Weihnachtsmann, der "einen Sack bei hatte", trug eine silbrig glänzende Totenkopfmaske, lümmelte ziemlich unverschämt vor der Kamera herum und verteilte in seinem zum Rap-Song umfunktionierten Weihnachtslied nicht jugendfreie Geschenke an die Bewohner von Berliner Plattenbau-Vierteln. Dieser luziferisch wirkende Weihnachtsmann namens Sido hat es seither geschafft, zum erfolgreichsten Bösewicht der deutschen Musikszene aufzusteigen. Der Mann mit der Maske verkündete bereits im "Weihnachtszeit"-Track sein kühnes Motto: "Das Mittel zum Erfolg ist AGGRO BLEIBEN!"

Tatsächlich hat der Bösewicht aus dem Märkischen Viertel das Aggro-Prinzip, das ganz simpel darin besteht, in Rap-Texten ein Maximum an obszönen und aggressiven Sprüchen unterzubringen, zum Erfolgsmodell gemacht. Zwar hatten schon vor der Gründung des Berliner Plattenlabels Aggro Berlin im Jahr 2001 einige deutsche Nachfahren des amerikanischen "Gangsta Rap" mit aggressiven Texten über proletarische Lebenswelten auf sich aufmerksam gemacht. Aber erst der "Weihnachtszeit"-Rummel verhalf Sido und seinen Kollegen und Konkurrenten Bushido, B-Tight, Fler, Kool Savas oder Eko Fresh zu nationaler Aufmerksamkeit. Im Selbstbild der selbst ernannten "Battle-Rapper" haben wir es mit harten, direkten Texten aus der sozialen Realität der Plattenbau-Ghettos zu tun, die locker-cool im rhythmisierten Sprechgesang herüber genuschelt werden. Es dauerte nicht lange, da meldeten sich besorgte Volkspädagogen zu Wort, die die exhibitionistischen Faxen der Ghetto-Helden als "jugendgefährdend" einstuften. Mehrere Songs der Aggro Berlin-Rapper und von Bushido wurden wegen ihrer "gewaltverherrlichenden" und "sexistischen" Inhalte von der Bundesjugendprüfstelle für jugendgefährdende Medien auf den Index gesetzt. Plötzlich hatte die deutsche Pop-Kultur wieder ein Gespenst entdeckt, das längst vertrieben schien: das Gewalt-Tabu.

Wer die jüngsten Gewalt-Explosionen in den Pariser Banlieues betrachtet, der mag mutmaßen, dass sich hier die frenetische Begeisterung für das "Prinzip AGGRO BLEIBEN" globalisiert hat. Kundige Kulturwissenschaftler haben denn auch den Gangsta-Rap als ideologische Kraftquelle für die ziellosen Brandstifter ausgemacht. Auch in den Pariser Vorstädten, so diagnostizierte etwa Andrian Kreye in der Süddeutschen Zeitung, entlade sich der Zorn einer ghettoisierten Minderheit in selbstzerstörerischem Vandalismus gegen die eigene Community. Bereits die Rassenunruhen in Los Angeles im Jahr 1992 seien von Apologeten des Hip Hop angeführt worden. Für die revoltierenden Schwarzen in Los Angeles lieferten die Protagonisten des "Gangsta-Cool" die Begleitmusik für eine durch und durch nihilistische Gewaltkultur.

Werden die musikalischen Repräsentanten des "destruktiven Charakters" auch in deutschen Metropolen zu Katalysatoren eines neuen Ghetto-Nihilismus? Wer schon die Vorboten des rauschbereiten Nihilismus bei den Nachahmungstätern von Chemnitz (wo jüngst auch Autos brannten) auflodern sieht, der verkennt die spielerischen und selbstironischen Momente der deutschen Gangsta Rap-Inszenierungen. Die verfassungschützerischen Reflexe von politischer Seite wirken hier einigermaßen komisch - bedenkt man die lammfrommen Reaktionen der deutschen Hip-Hopper auf die staatlichen Verbotsdrohungen.

Kaum hatte Monika Griefahn (SPD), die Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien, angekündigt, die Ausstrahlung jugendgefährdender Musik-Videos verhindern zu wollen, gaben sich die bösen Rapper von Aggro Berlin auf ihrer Homepage ausgesprochen zahm: "Keiner unserer Künstler oder Mitarbeiter ist rechtsradikal. Dieser Vorwurf ist absurd und entbehrt jeder Grundlage. In keinem unserer Musikvideos wird zu Gewalt gegen Frauen aufgerufen oder anderweitig Gewalt verherrlicht."

Dieses Buhlen um Seriosität überrascht dann doch ein wenig. Denn wer sich mit den künstlerischen Verlautbarungen der Berliner "Gangsta Rapper" beschäftigt, trifft allerorten auf tolle Hechte einer gewaltbereiten Proll-Kultur, die sich gegenseitig mit besonders prahlerischen und großmäuligen Texten überbieten. Der deutsche "Battle-Rapper" ist mindestens ein Prahlhans, ein Großmaul und ein enormer Frauenverbraucher - und lässt keine Gelegenheit aus, seine Vorliebe für Drogen, Analsex und Messerstechereien kundzutun. Erfolg hat in der Szene nur, wer sich als destruktiver Charakter outet. Wer dabei Sprache der Ghetto-Kids am besten simuliert, erreicht auf der Skala des moralisch Korrekten die höchstmögliche Alarmstufe. Den größten Provo-Erfolg hat dabei neben Sido der Rüpel-Rapper Bushido, der seinem Künstlernamen, der "Weg des Kriegers" bedeutet, alle Ehre machen will. "Ich plane Morde und Vergewaltigungen mit Beck´s und Gras. Spürst du mein Messer, das war´s", so reimt Bushido und ist mächtig stolz darauf. Den nationalen Rekord in obszöner Großkotz-Sprache darf aber wohl immer noch Sido mit seinem "Arschficksong" für sich beanspruchen: "den leuten fällt es auf, wir reden ständig über scheiße / egal ob flüssig, fest, braune oder weiße / sie fragen, ob ich nur über analsex reden kann / doch es geht nich anders ... ich bin der arschfickmann!"

Dass nun ausgerechnet dieses eher unappetitliche Werk von der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) als Video ab 16 freigegeben wird, hat bei vielen "Stinos" (Stinknormalen) für helle Aufregung gesorgt. Der Frankfurter Oberstaatsanwalt Peter Köhler sieht in einigen Zeilen von Sidos Werk ("Es fing an mit 13 und einer Tube Gleitcreme. / Kathrin hat geschrien vor Schmerzen, mir hat es gefallen") den Tatbestand der Kinderpornographie erfüllt.

Der Streit um die plumpen Tabuverletzungen von Sido und Bushido hat leider das ganze HipHop-Genre in Misskredit gebracht. Wenn sich hier einige verlorene Bürgerkinder - Bushido brach das Gymnasium ab, sein Kollege Fler ein Mathe-Studium - zu harten Ghetto-Helden aufblasen, sollte nicht übersehen werden, dass wir es bei den grobschlächtigen Gesängen durchweg mit epigonalen Inszenierungen zu tun haben. Was uns der Mann mit der Maske oder sein neuestes Provo-Geschöpf Fler vorführen, sind doch nur Bürgerschreck-Posen, ironische Rollenspiele, narzisstische Verwandlungen. Es wird gewiss noch eine Weile so weitergehen mit dem "dirty speech" vom "Ficken" und "Dissen", und vom "Neger bums mich" (B-Tight) - auch weit über die Ekelgrenze hinaus. So darf ein Sido noch vollmundig dröhnen: "Ich setz die Maske auf und schock die Welt / Ich geb´n fick ob´s euch gefällt" - indes: die Schock-Ästhetik ist nur begrenzt haltbar.

Das Rumgehampel der Coolness-Darsteller mit Kapuzenpullis, riesigen Luxuslimousinen und endzeitlichen Stadtkulissen scheint mittlerweile nicht mehr auszureichen. Im Frühjahr hat Fler vom Aggro Berlin-Label die beliebteste Provokationskarte gezogen. Auf einem Musikvideo zu seinem Album Neue Deutsche Welle, das seine Titelmelodie ziemlich unverfroren beim legendären Amadeus-Song des tödlich verunglückten Dandys Falco klaut, kokettiert er mit den Insignien der Nazis: mit der Frakturschrift und einem verfremdeten Reichsadler, der auf Flers Arm landet. Als diese dubiose Form der Imagepflege zu Recht deutlich attackiert wurde, ruderte man in der Szene kleinlaut zurück: "Es gibt keinen deutschnationalen HipHop"!

Bei Lichte besehen, haben diese Sänger des coolen Vorstadt-Daseins und des harten Migranten- und Hartz IV-Alltags nie so recht unter jener Ghetto- und Proll-Realität gelitten, die sie jetzt besingen. Einzig Bushido hatte im Frühsommer seinen frühen Drogen-Eskapaden die Brutalität einer gefährlichen Körperverletzung hinzugefügt, wegen der er in Österreich zu einer milden Geldstrafe verurteilt wurde. Vor Gericht verwandelte sich der Staatsfeind Nr. 1 (so der Titel seines neuesten Albums) in einen reumütigen Ehrenmann im korrekten Anzug. Der Ghetto-Held als demütiger Biedermann - solche Metamorphosen sind bei den amerikanischen Gangsta Rap-Originalen kaum vorstellbar.

So ist dieser grobe deutsche Ghetto-Rap, der unter den 11- bis 18-Jährigen so großen Anklang findet, nur ein ganz schwacher Abklatsch des authentischen Gangsta Raps der amerikanischen Westküste, der Interpreten wie Snoop Dogg, 50 Cent oder Jay Z zu Multimillionären gemacht hat. Das Tragische der deutschen Gangsta Rapper ist in erster Linie, dass sie musikalisch ihren amerikanischen Vorbildern weit unterlegen sind. Mittlerweile haben Sido und Harris auf ihrem brandneuen Album Deine Lieblingsrapper ihre breitbeinigen Vulgaritäten ein bisschen gemäßigt und präsentieren sich statt als tumbe Kinderschänder lieber als gesellschaftstaugliche Hedonisten. Zwar stehen sie noch immer "auf Ketten und kleine Frauen". Aber sie betonen ihre Realitätstüchtigkeit: "Ich lebe mein Leben so gut ich kann, / auch wenn es nich klappt, wenigstens versuchs ich Mann. / Ich könnt locker im Knast sitzen / Ich hatte Glück, hab mich gefangen und jetz steh ich hier."

Und im deutschen HipHop gibt es nicht nur dröhnende Bösewichte, sondern auch die netten Jungs aus der Nachbarschaft. Es hatte ja alles sehr sozialverträglich angefangen mit den intelligenten schwäbischen Abiturienten der Fantastischen Vier, die 1992 so putzig Die da, die mir den Kopf verdreht besangen, ein ironisches Liebeslied, das die selbsternannten Gangsta-Rapper vom Berliner Kiez heute als "Kindergartenmusik" verhöhnen. Der "Fanta 4"-Vorsänger Smudo sitzt heute in zweitklassigen TV-Unterhaltungsshows und schickt aufmunternde Worte an seine proletarischen Kollegen vom Gangsta-Rap. Die Hamburger Gruppe Absolute Beginner verkündete 1998 auf dem Album Bambule noch antifaschistische Botschaften wider "die Karstadtwelt". Bald darauf drohten sich in der HipHop-Szene die sozialkritischen Impulse aufzulösen. Noch einmal vertrieben die Absolute Beginner fünf Jahre nach Bambule in ihrem Hit Gustav Gans die drohende "Schwermut", um weiterhin das große "Ja" zum "harten" und "manchmal kaltblütigen" Leben singen zu können. In der Gegenwart der großen HipHop-Inflation angekommen, sind es nun aber Bands wie Die Firma, die mit großem Erfolg die Grenze zwischen Rap und sentimentalem Schlagertrübsinn zum Verschwinden bringen. Ihr Riesenhit Die Eine ist mit dem Plädoyer für die Monogamie für alle Bevölkerungsgruppen tauglich: "Ich hab die Frau fürs Leben, die Eine mit der ich alles überlebe ... ich bleib dir treu, so wie Josef Maria, / wir trinken jede Nacht Sangria."

Aber es gibt auch noch die coole gesellschaftskritische Gebärde. Der afrodeutsche Rapper Sammy Deluxe, den die ganz harten Jungs als "primitiven Neger" denunzieren, verbreitet in seinen Gesängen zwar auch manch selbstverliebte Zeile, hat aber auch mit seinem Werk Alptraum eine kritische Sozialstudie vorgelegt, die auf jedem SPD-Parteitag bestehen könnte: "Gerhard (Schröder), schau dir doch unsere Jugend mal an / Ein Drittel starrt mit offenem Mund auf ihre Playstation, / Das zweite Drittel feiert im Exzess als Rave-Nation / Abhängig von teuflischen pharmazeutischen Erzeugnissen, / Weil sie nicht wussten, was diese Scheiß Drogen bedeuteten, / Das Dritte Drittel hängt perspektivlos rum auf deutschen Straßen / Kids mit 13 Jahren ziehn sich schon dies´ weiße Zeug in die Nasen / die keine Ziele und keine Träume haben ... ". Es gibt im deutschen HipHop also nicht nur das Getröte der destruktiven Abräumer und Angeber, sondern auch den mitreißenden Gesang über den bundesrepublikanischen Alptraum.


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00:00 25.11.2005

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