Triumph- und schmerzschreie

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Handball ist ein Sport für echte Männer. Zu zwölft rangeln sie an einem Halbkreis um die Lederkugel. Körperkontakt ist Pflicht. Oft erinnert es an Ringkampf im griechisch-römischen Stil, wenn ein Verteidiger den Oberkörper des sich frei laufen wollenden Kreisspielers umklammert. Über so neckische Regeln wie eine Spielunterbrechung wegen Trikotzupfens, wie sie die Fußballer unlängst eingeführt haben, können Handballer nur milde lächeln. Kniffe, Tritte, Ellenbogenchecks auf engstem Raum sind an der Tagesordnung. Anders als die verzärtelten Jungs, die Bälle nur mit Fußtritten behandeln, kämen Handballer allerdings auch nie auf die Idee, zum Flug einer Schwalbe anzusetzen, um einen Siebenmeter zu schinden. Klar fliegen die teilweise mehr als zwei Zentner schweren Brocken oftmals über das Parkett; aber nur, um einen mitten in den Kreis geworfenen Pass abzufangen und - selbst noch in der Luft befindlich - die Lederkugel ins Netz zu befördern. Häufig dient der Satz in die nicht zu betretende Zone auch dazu, die 6-Meter-Distanz zum Torwart abzukürzen und dem bedauernswerten Kerl den Ball aus drei, vier Metern mit über 100 Kilometer pro Stunde um die Ohren zu hauen.

Handballtorhüter sind vielleicht die härtesten Kerle in diesem Gewerbe. Sie müssen Nehmerqualitäten wie routinierte Schwergewichtsboxer beweisen. Ja, sie müssen sich offenen Auges in Bälle werfen, die wie Kanonenkugeln abgefeuert werden. Ihr Erfolg besteht darin, einzustecken. Ihre Lust ist masochistisch aufgeladen. Sie recken den Körper dem Ball entgegen, ja springen mit entgegengesetztem Richtungssinn in das anfliegende Objekt. Arm, Bein, Rumpf, manchmal die Pobacke und nicht selten der Kopf kollidiert mit dem Wurfgeschoss und lenkt seine Flugbahn ab. Die Triumphschreie der Torleute nach gehaltenen offenen Würfen sind mit Schmerzschreien unterlegt. Das wahr gewordene Unmögliche, einen Ball, der aus drei Metern Entfernung losgelassen wurde, noch irgendwie aufzuhalten, stachelt die Mitspieler in der Offensive an. Wie Raubtiere umlagern sie den gegnerischen Verteidigungsriegel. Schnell passen sie sich den Ball zu. Der Angriffsgürtel schnürt sich enger und enger. Kreisläufer tänzeln im Rücken der Deckung herum. Sie stellen Sperren gegen die Verteidiger, damit ihre eigenen Fernschützen ungehindert in die Luft steigen können und den Ball von der Höhe eines Basketballkorbs herunter auf das hölzerne Viereck des Tores zu feuern. Oft fintieren die Fernschützen nur einen Wurf und stecken den Ball den sich blitzschnell gen Tor drehenden Kreisläufern zu. Am spektakulärsten sind jedoch die Pässe auf die Außenpositionen. An der verlängerten Torauslinie stehen die Spieler. Sie lauern darauf, dass es die Verteidiger ins Gewühl der Mitte zieht. Freistehend erhalten sie den Ball, springen diagonal in den Kreis und lupfen, drehen, spitzeln, donnern ihn am Torwart vorbei in die Maschen.

Stefan Kretzschmar heißt einer dieser Teufelskerle. Über all seinen Tattoos, Piercings, Fernsehauftritten und Liebschaften konnte man fast vergessen, wie sensationell dieser Mann Handball interpretieren kann. Gegen wieselflinke Südkoreaner flitzte er über das Parkett. Er riss Lücken, antizipierte die Flugbahn des Balles, um ihn im geeigneten Augenblick zu ergreifen und im Tor unterzubringen. Neben ihm stand ein Kerl wie Mark Dragunski, 2,14m groß und breit wie ein amerikanischen Basketball-Profi. Furchterregend wirkte er in der Verteidigung, spektakulär im Angriff. In drei Meter Höhe fängt der Mann den Ball, drei Leute von 1,85m bis 1,90m hängen an ihm wie kleine Katzen; mit Leichtigkeit dreht er sich, schüttelt seine Bewacher wie lästige Fliegen ab und erzielt sein Tor. Noch andere potentielle Heldenfiguren spielten während der Weltmeisterschaft in Frankreich im deutschen Team. Der junge filigrane Kapitän Frank von Behren etwa, der explosive Kanonier Thomas Knorr, nicht zu vergessen einen teilweise unüberwindlich scheinenden Torhüter wie Henning Fritz oder auch den Trainer Heiner Brand, einen bulligen, wortkargen Typ mit einem Schnauzbart von der angsteinflößenden Größe eines Handfegers und dem jahrzehntelang angehäuften Wissen über Spitzenhandball. Aber all diese Heroen wurden von noch größeren übertroffen, wirbelnden Spaniern, begeisternden Franzosen, abgezockten Russen, leidenschaftlichen Ukrainern. Aber noch in der Niederlage bewiesen die Kretzschmar, Dragunski, Brand Co. Größe. Denn sie nahmen sie hin wie Männer, die von besseren besiegt wurden, ohne Groll, ohne billige Schuldzuweisung, ohne Lamento. Für eine deutsche Mannschaft ist solch ein Verhalten so außergewöhnlich, dass es beinahe heldenhaft wirkt.

00:00 09.02.2001

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