Triumphbogen zum Anfassen

Ausstellung In einer Welt, in der man sich alles kaufen und zusammenbasteln kann: Agathe Snow hat das Kulturerbe der Menschheit gefleddert und konsumierbar für alle gemacht

Im deutschen Guggenheim-Museum sieht es zurzeit so aus, als sei Pippi Langstrumpf eingezogen. Vorher wäre sie noch mit dem Heißluftballon um den Globus geflogen, hätte dabei Wahrzeichen gekidnappt und machte sich mit denen auf diesem Außenposten der Villa Kunterbunt eine Welt, wie sie ihr gefällt.

Doch nicht Pippi Langstrumpf ist in Berlin zu Gast, sondern die in New York lebende Künstlerin Agathe Snow. Mit ihrer Auftragsarbeit All Access World gestaltet die 34-Jährige, die mit elf Jahren mit ihrer Familie von Korsika nach Manhattan migrierte, einen Kosmos, der in seiner anarchischen Performance an die Fabulierlust der Pippi locker heranreicht. Snow stemmt zwar kein Pferd in die Höhe, stürzt aber Nationaldenkmäler vom Sockel. Sie fleddert das Kulturerbe der Menschheit und will es für alle zugänglich in den öffentlichen Raum einschreiben. Denn Monumente sind „klotzig, behäbig und fest, die betteln doch darum, dass man mit ihnen rummacht“.

So stehen oder liegen sie in der Ausstellung in vielfacher Reproduktion: Kathedralen, Museen, Türme, Brücken, Pyramiden und andere Sehenswürdigkeiten, die für die Ewigkeit erbaut wurden und Erinnerung generieren. Die Landmarken sind zu mobilen Skulpturen geschrumpft, in Einzelteile zerlegt, geknautscht, fantasievoll gewickelt und gestopft. Auf Fotocollagen an den Wänden nimmt Snow die Motive aus Broschüren, von Postkarten oder mit Schnappschüssen fragmentarisch auf, verknüpft sie mit ihrer Genusswelt als Touristin, einschließlich Tauben, Ratten und Pommes Frites.

Baguette-Bauwerk

Reflexartig gehen Besucher in der Ausstellung mit ihrem eigenen kulturellen Kapital hausieren: Ist das der Turm von Pisa, der sich an die spitzenbesetzte Glocke von Big Ben lehnt, dem jemand „Big Bro“ in roter Farbe aufs Ziffernblatt geschmiert hat? Was sollen die verkeilten Rohre und gestapelten Toilettenschüsseln symbolisieren? Und das, was aussieht wie Teile eines Reifrocks in Weiß und Braun, stellt das Kolosseum in Rom und das Guggenheim-Museum in New York dar? Aus weichem und widerborstigem Material, Stoff, Papier, Holz, Draht, Möbelstücken, Ästen, Styropor, hat Snow die sonst so strapazierfähigen Archetypen konstruiert. Auf einer pinkfarbenen Reliefweltkarte am Fußboden kann man sie grenzüberschreitend kreuzen lassen.

Mitmachen ist ausdrücklich erwünscht, sogar zwingend notwendig im kollektiven Prozess von Demontage und Aneignung. Ein Schubs, und der Arc de Triomphe, mit Baguette unterfüttert und vom Logo einer Fast-Food-Kette gekrönt, verlässt Paris. Ebenso können die Mini-Skulpturen von den Osterinseln, die in flauschiger Ummantelung zum Kuscheln verleiten, aus ihrem historischen Gruppengefüge gelöst werden.

Snow zertrümmert als Gründerin des fiktiven Unternehmens All Access World Architektonisches in Bruchstücke zum Anfassen und entledigt es so seiner Aura. Konsumierbar für alle – „Verschönern Sie ihr Haus mit einem Minarett“ – listet der Katalog der Ausstellung ihre Werke als Waren auf und bringt „Monumente nach Maß“ unters Volk. Vom Klettergerüst im Raum schrumpft der Kosmos der Kulturgüter auf die Maße einer Villa Kunterbunt – jetzt fehlt nur die Einladung zum Kirschkernweitspucken von hier oben.

Agathe SnowAll Access WorldDeutsche Guggenheim, Berlin. Bis 30. März, der Katalog kostet 22 Euro.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

15:00 14.03.2011

Ausgabe 39/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare