Trond öffnet die Fenster

Rumänien Es musste erst ein Norweger kommen, damit sich in Bukarest eine queere Bar etablierte

Leiser Techno schallt aus den Lautsprechern, gedämpftes Licht verleiht der kleinen Kneipe eine schummrige Atmosphäre. „Thor’s Hammer“, eine Schwulenbar in Bukarest, ist an diesem frühen Freitagabend schon gut besucht: Die Menschen sitzen in der Bar und davor auf der Straße, sie trinken Bier, lachen und quatschen. „Thor’s Hammer“ befindet sich in der Altstadt, nicht weit von der Partymeile in der Nähe des Unirii-Platzes. Auf den ersten Blick unterscheidet sie nichts von anderen queeren Szenelokalitäten überall auf der Welt. Trotzdem ist die Bar des Norwegers Trond Brathen etwas Besonderes. Sie ist die einzige Schwulenkneipe in Rumäniens Hauptstadt mit fast 1,9 Millionen Einwohnern. Hier treffen verschiedene Generationen aufeinander, die – wie die gesamte Bevölkerung in Rumänien – zwischen einem liberalen Europa und konservativen Traditionen stehen.

„Jeder, der hier älter ist als 30 oder 40, hat Diskriminierung erlebt“, meint der Kneipier Brathen und schaut sich in der Bar um. Seinen Gästen scheint der große Mann mit der klaren Stimme normalerweise lieber zuzuhören, als selbst zu sprechen. „Ich mache das nicht, um Geld zu verdienen. Das ist eher ein Hobby“, betont Brathen. Er freue sich, wenn viele Leute kämen und eine gute Zeit hätten. Falls er doch mal Überschüsse erwirtschaftet, spendet er einen Teil davon.

Brathen ist vor vier Jahren nach Rumänien gekommen. Die Bar hat er vor einem halben Jahr eröffnet, um der LGBT-Szene „mehr Sichtbarkeit zu geben“, wie er sagt. Er glaubt, dass viele Rumänen zu viel Angst hätten, offen eine Schwulenbar zu führen. Der 48-Jährige war in Norwegen Geschäftsführer. Er verkaufte seine Firmen, wollte noch mal etwas anderes machen. Dann hörte er, dass in Bukarest ein queerer Ort fehle – die Idee, eine Bar zu eröffnen, gefiel ihm.

Gay Pride auf der Hauptstraße

Rumänien erlebt derzeit einen Wandel in der Akzeptanz von schwulem und lesbischem Leben. Während einige sozialistische Staaten wie die DDR weitgehend offen mit Homosexualität umgingen, war in Rumänien das Gegenteil der Fall. Das Regime unter Diktator Nicolae Ceaușescu stellte 1968 Homosexualität mit Artikel 200 unter Strafe. Sexuelle Handlungen zwischen Personen des gleichen Geschlechts wurden mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft. 1996 wurde auf Druck von Menschenrechtsorganisationen der erste Teil des Artikels 200 gestrichen. Das „Erregen eines Skandals durch homosexuelle Aktivitäten“ blieb ein Straftatbestand. Erst 2001 wurde Homosexualität entkriminalisiert – nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte. 2002 wurde das Schutzalter dann der Heterosexualität gleichgestellt und auf 15 Jahre angeglichen.

„Bis meine Familie meine Beziehung akzeptiert hat, dauerte es vier oder fünf Jahre“, erzählt Andrea, die ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Die 46-Jährige ist seit 18 Jahren mit ihrer Freundin zusammen. Immer wieder habe sie zu hören bekommen, dass das eine Sünde sei und sie dafür in die Hölle komme. „In den Neunzigern habe ich wegen meiner sexuellen Orientierung fünf oder sechs Mal meinen Job verloren“, erzählt sie.

Den 60-jährigen Adrian Newell neben ihr am Tisch traf es noch härter. Während er an seinem Bier nippt, erzählt er – sorglos, als spräche er über das Wetter –, wie er aufgrund seiner Homosexualität verhaftet worden war. Newell ist ein kleiner, lauter Mann mit unendlich viel Energie. In der Bar fällt er auf, scheint jeden zu kennen, kann kaum still sitzen. Es gefiel ihm nie, sich zu verstecken. Also war er auch offen schwul, als das unter Strafe stand. Dafür, einen Mann öffentlich an den Hintern gefasst zu haben, ging er 1977 ein paar Monate ins Gefängnis. 1980 floh er als politischer Flüchtling in die USA. Dort lebt er bis heute, aber nun kommt er immer wieder zurück, um sich in seiner Heimat zu engagieren. Seit 2014 organisiert er im Sommer regelmäßig das queere Dokumentarfilmfestival ROQDOC in Bukarest. Vieles sei jetzt besser. „Aber die Haltung der Mehrheit ist immer noch homophob. Auch von politischer Seite wird noch immer die Idee vertreten, dass Homosexualität unmoralisch ist.“ Dass Rumänen noch Probleme mit der queeren Szene haben, bestätigt Florin Buhuceanu. Er ist Präsident von Accept, einer der größten Nichtregierungsorganisationen, die sich für Lesben, Schwule, Bi-, Trans- und Intersexuelle (LGBTI) in Rumänien einsetzt. Selbst in den jüngeren Generationen wollten bis zu 60 Prozent der Bevölkerung keine homosexuellen Nachbarn. „LGBTIs werden behandelt wie Feinde, die Familie, Moral und nationale Traditionen bedrohen“, erklärt Buhuceanu.

So bleibt Rumänien eines der wenigen Länder in der EU, in dem es keine gesetzlichen Regelungen für die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare gibt. Queere Menschen können nicht heiraten oder ihre Lebensgemeinschaft eintragen lassen. Es ist für sie nicht möglich, ähnliche Rechte wie Heterosexuelle zu erhalten. Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung sind orthodoxe Christen, viele von ihnen sehen Homosexualität als unvereinbar mit ihren religiösen Werten an. Im Juni hatte eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs zum Umdenken gezwungen: In anderen Ländern geschlossene gleichgeschlechtliche Ehen müssen in der gesamten EU anerkannt werden. Fünf Jahre lang hatten der Rumäne Adrian Coman und sein US-amerikanischer Mann Clai Hamilton für diese Anerkennung und damit Hamiltons Aufenthaltserlaubnis in Rumänien gekämpft. Die beiden hatten in Belgien geheiratet und wollten zurück in Comans Heimat Rumänien ziehen.

Probleme mit der rechtlichen Stellung ihrer Partnerschaften haben viele junge queere Rumänen. Marian Vasii ist einer von ihnen. Der 28-Jährige musste wegen seiner Sexualität nie direkte Anfeindungen ertragen. Seine Familie, seine Arbeitsstelle und auch seine Vermieterin kennen seine sexuelle Orientierung. Trotzdem wünscht er sich Veränderung. „Ich bin seit drei Jahren mit meinem Freund zusammen, wir haben uns verlobt, und irgendwann wollen wir auch heiraten“, erzählt der Blauhaarige mit einem breiten Lächeln. Denn wenn einem der beiden ein Unfall oder Ähnliches passiert, hat der andere keine Rechte. „Wir denken darüber nach, wegzugehen, wenn sich nichts ändert. Ich ginge gerne nach Kanada. Da könnten wir heiraten.“ Für viele Rumänen sind Auslandsaufenthalte inzwischen normaler Bestandteil ihrer Biografie.

So auch für die 23-jährige Caraman. Sie ist erst seit Kurzem zurück in Rumänien. Zusammen mit ihrer Freundin hatte sie ihr Studium in den Niederlanden abgeschlossen. Sie kann ebenfalls weitgehend offen mit ihrer Sexualität sein. Aber sie ist sich bewusst, dass das nicht der Normalfall ist. „Wir führen unsere Beziehung in einer Blase“, sagt sie. „Aber ich habe mich auch daran gewöhnt, in der Öffentlichkeit nicht Händchen zu halten.“ Vor allem im Internet begegne ihr starker Hass. Das häufigste Argument sei dabei, dass Gott keine Homosexualität wolle. Sie wünscht sich mehr Akzeptanz. Die Öffentlichkeit sollte nicht darüber urteilen, mit wem Menschen Beziehungen führen.

In der rumänischen Gesellschaft ist das Thema weiter kontrovers: Bei der Gay Pride versammelten sich im Juni dieses Jahres Tausende Menschen auf einer von Bukarests Hauptstraßen, der Calea Victoriei. Noch im letzten Jahr fand die Parade versteckt und fernab vom Zentrum auf Nebenstraßen statt. Doch gleichzeitig wird diskutiert, ob das Parlament im nächsten Jahr für ein Gesetz stimmen soll, das eingetragene Lebensgemeinschaften ermöglicht. Ende September oder Anfang Oktober, das genaue Datum steht noch nicht fest und wurde mehrfach verschoben, soll dazu ein Referendum stattfinden. Bisher definiert die rumänische Verfassung eine Familie mit der „Ehe von Ehepartnern“. Die „Koalition der Familie“ hat nun über drei Millionen Unterschriften dafür gesammelt, eine Familie als Einheit von Mann und Frau zu definieren. Sollte sie dieses Ziel im Referendum erreichen, erschwert das die Einführung von eingetragenen Lebensgemeinschaften.

Dennoch ist Brathens Bar ein Zeichen für die steigende Toleranz innerhalb der rumänischen Gesellschaft. Aus Angst vor Anfeindungen eröffnete Brathen zunächst mit zugezogenen Vorhängen. Doch dann öffnete er die Vorhänge, danach die Fenster, und schließlich hängte er Regenbogenflaggen auf. Jetzt sitzen die Menschen bereits vor der Bar auf der Straße und zeigen offen ihre sexuelle Orientierung. Die LGBTQ-Szene Rumäniens ist damit ein wenig mehr in die Mitte der Gesellschaft gerückt.

Lisa Kuner ist Stipendiatin der katholischen Journalistenschule ifp und arbeitet als freie Autorin in Erfurt

06:00 25.09.2018

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