Trophäen

A–Z Manche würden für einen Doktortitel alles tun, andere für Turnschuhe. Der Mensch will Pokale, keine Teilnahmebestätigungen! Das Lexikon der Woche
Trophäen

Foto: Shirlaine Forrest/Wireimage/Getty Images

A

Anreiz Wer einen Oscar gewinnt, lebt im Durchschnitt vier Jahre länger. Mehrere Oscars verlängern die Lebenserwartung bis auf sechs Jahre. Das fanden im Jahr 2001 Wissenschaftler von der Universität Toronto heraus, siehe auch Annals of International Medicine (Vol. 134, No. 10).

Nach diesem Vorbild haben sich Forscher der Universität Bielefeld in Zusammenarbeit mit dem Herz- und Diabeteszentrum NRW Bad Oeynhausen nun die deutschen Literaturpreise angeschaut. Und siehe da: Der Georg-Büchner-Preis macht seinen Träger nicht nur um 50.000 Euro reicher, er verlängert dessen Leben auch um durchschnittlich sieben Monate. Beim Deutschen Buchpreis, dotiert mit 25.000 Euro, sind es 2,91 Monate. Der Einhard-Preis für Biografie gibt immerhin noch knapp einen Monat. Abzuraten ist dagegen vom Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung ( Pokal). Er verkürzt das Leben um durchschnittlich zwei Monate und sechs Tage. Michael Angele, Genzo Friebe

B

Bundesjugendspiele Es ist Sommer. Wir tummeln uns auf dem Sportplatz. Lehrer hantieren wichtig mit Stoppuhr und Meterband. Ein paar Cracks nehmen Bälle in die Hand, werfen sie zig Meter. Es ist ein Schaulaufen, -sprinten, -springen par excellence. Während einige bewundert werden, quälen sich andere ab. Für meinen 22. Platz (von 24) beim Langlauf erhalte ich eine graue Teilnehmerurkunde (Schrank) mit der Unterschrift des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Dabei sein ist alles, soll sie sagen. Ein schwacher Trost.

Sogar in den USA, dem Mutterland der politischen Korrektheit, sieht man die participation trophy heute kritisch. Euphemismus wappnet eben nicht längerfristig. Eine 2015 gestartete Onlinepetition„Bundesjugendspiele abschaffen!“ fand wohl auch deshalb nur 21.000 Unterstützer. Behrang Samsami

C

Churchill Neulich amüsierte ein Antifa-Aufkleber die Passanten: Hitler mit „deutschem Gruß“ war zu sehen, daneben spreizte Churchill Zeige- und Mittelfinger; „Schere schlägt Papier“ prangte darunter. Die Victory-Geste ist älter als die Befreiung von den Nationalsozialisten, aber der britische Staatsmann machte das Siegeszeichen populär. Die Mode hält an, die Bedeutung „Frieden“ ist hinzugekommen. Andere Trophäen haben einen Wandel erlebt wie das Souvenir. Ein solches dient neben der persönlichen Erinnerung der Bestätigung, diesen Wasserfall gesehen, in jener Stadt geshoppt oder dort gezecht zu haben.

Diese Art Trophäe wird durch Anwesenheit erbeutet. Früher waren Ziernägel am Wanderstock und Aufkleber für Autoheckscheiben (➝ Zündkerze) beliebte Souvenirs. Touristentattoos von Karibik- und Pazifikstränden kamen ab den 1990ern hinzu. Weil unkompliziert zu bekommen und praktisch, ohne Gewicht und von respektabler Reichweite, sind Facebook-Selfies und Instagram-Fotos populär. Der Antifa-Sticker mit Churchill fehlte übrigens ein paar Tage später – war ein Trophäenjäger am Werk? Tobias Prüwer

F

Fetisch Gott ist tot, oder, um es mit Marx zu sagen: „Die Bourgeoisie hat kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse.“ Aber ein bisschen Transzendenz muss sein: An die Stelle Gottes tritt der Warenfetisch. Anstatt in die Messe zu gehen, pilgert man zum Apple-Shop. Den Asics Gel-Lyte V Scary Cold, inspiriert von Seinfeld („What’s your definition of scary cold?“, Staffel 5, Folge 13), gab es neulich in Tom’s Restaurant in New York. Präsentiert wurde der Turnschuh auf einer Étagère. Was dem Gläubigen die Eucharistie, ist dem Warenfetischisten das Release-Event. Am Ende hält er unter Freudentränen das neue iPhone in die Kameras. Heiliger Marx, steh uns bei! Leander F. Badura

G

Großwild Schon die Adeligen wussten: Die wahren Trophäen haben Fell und sind tot. Die Jagd als Freizeitbeschäftigung ist bis heute ein zweifelhaftes Vergnügen der Oberschicht. Es kursieren Bilder der zwei älteren Trump-Söhne, wie sie mit einem erlegten Leoparden in Simbabwe posieren. Immerhin: Heute gibt es scharfen Gegenwind (Raub) für Vergnügungsjäger. Das bekam auch ein US-Amerikaner zu spüren, als er 2015 den Löwen Cecil aus einem Nationalpark in Simbabwe locken ließ, tötete, häutete und köpfte. Es gab einen ähnlich heftigen Shitstorm wie bei der zwölfjährigen Amerikanerin, die sich bei Twitter mit einem geschossenen Zebra inszenierte. Benjamin Knödler

H

Hörner Gesellschaftlicher Höhepunkt eines jeden Jagdvereins ist die Jagd- und Hegeschau. An Stellwänden hängen die Jagdtrophäen der vergangenen Saison: Hunderte von Geweihen in abnehmender Mächtigkeit: beeindruckende Zehnender, ordentliche Achtender, gute Sechsender und ganz kleine Vierender. Jedes Gehörn ist mit einem Etikett (Fetisch) versehen, das Auskunft über Gewicht des erlegten Tiers, Erlegdatum und natürlich den stolzen „Erleger“ gibt. Erleger und Nicht-Erleger, also Jäger ohne jedes Jagdglück, kontrollieren diese Angaben akribisch. Vor den Trophäen entwickeln sich Debatten, ob Schützenkönig Huber schon wieder mal mehr Glück als Verstand gehabt habe. Über den wahren Schützenkönig dagegen wird geschwiegen, obwohl er nicht selten mehr Trophäen liefert als irgendein Huber. Nur auf den Etiketten steht’s – Erleger: PKW. Manchmal ist sogar ein Kennzeichen angegeben. Susanne Berkenheger

M

Mythos Deutsche Soldaten mit Totenschädel in Afghanistan schockierten 2006 die Öffentlichkeit. Sollte derart archaisches Handeln in Zeiten „sauberer Kriege“, in „modernen“ Armeen, nicht undenkbar sein? Hat die Menschheit keinen Zivilisationsprozess durchlaufen, wie der Soziologe Norbert Elias unentwegt behauptete?

Nein, nein, meinte der Ethnologe Hans Peter Duerr und entlarvte die Entwilderung des Menschen in fünf klugen Bänden als Mythos. Wir haben heute mehr sanktionierende Institutionen (Raub), triebgebremster ist der Jetztmensch deshalb aber nicht. Das lässt sich gerade am Ausnahmezustand Krieg zeigen. Die Trophäe als Sichtbarmachung des Sieges ist – wie die Erniedrigung des Gegners durch Vergewaltigung und Verstümmlung – so etwas wie eine widerliche Universalie. Zwischen Schrumpfkopf und Schädelpose ist das Verbindende: die Selbstvergewisserung des Siegers, noch am Leben zu sein. Tobias Prüwer

P

Pokal Moderne Eltern überhäufen ihre Kinder heute mit Lob und Auszeichnungen, um sie so auf die Schönheit des Lebens (Anreiz) vorzubereiten. Auch das Institut für Zeitgenossenschaft griff diese Erkenntnis in seiner 2016 veröffentlichten Publikation Die 100 wichtigsten Dinge auf; in einem Eintrag zum Pokal heißt es: „Wie fortschrittlich und modern eine Gesellschaft ist, bemisst sich an der Häufigkeit, mit der ihre Teilnehmer einen Pokal gewinnen. Der Kapitalismus ist ein dauerhaftes Spiel um Gewinn und Verlust, es gibt viele Verlierer, aber auch sehr viele Gewinner, also viele Pokale. Im Kommunismus gibt es nur Gewinner. Insgesamt gilt: Jeder kann für irgendetwas einen Pokal gewinnen, außer er ist ein Verlierer.“ Timon Karl Kaleyta

R

Raub Wer sich das Inventar verschiedenster Museen im heutigen Europa anschaut, etwa im neuen Berliner Humboldtforum, findet viel aus der Kolonialzeit, was unter höchst fragwürdigen Bedingungen seinen Weg ins Museum fand. Die Sammler handelten nach der Doktrin, dass zur objektiven Bewertung der Gegenstände der Kontakt zur Ursprungskultur gering gehalten werden müsse – eine Steilvorlage für unlautere Methoden.Ab 1896 wurde schließlich sogar das Militär offiziell zum Sammeln angehalten. Stücke, die von Herrschern stammten, galten dabei als besonders wertvoll, zum Beispiel Jagdtrophäen (Mythos). Kein Wunder, dass das, was bisher an Aufarbeitung dieses Geschichtskapitels geleistet wurde, vielen Nachfahren der Kolonisierten nicht weit genug geht. Sophie Elmenthaler

S

Schrank Einen Riesenscheck aus Styropor überreicht zu bekommen, ist großartig. Nur: Was macht man nach dem Foto mit dem sperrigen Teil? An die Wand damit? Peinlich. Wegschmeißen? Fühlt sich undankbar an. Deshalb stopft man ihn hinter den Büroschrank. In dem lagern zwischen Gewährleistungsdokumenten für Diaprojektoren bereits andere Peinlichkeiten. Will man sie präsentieren, fingiert man einfach, eine Garantie zu suchen, um dann plötzlich auszurufen: „Schau mal das hier an: Preisurkunde aus der Klasse 7b. Abartig hässliches Teil!“ Danach rutscht diese Urkunde aus Versehen hinter den Schrank. Dann ruft man: „Mist, was klemmt da denn? Oho, der Riesenscheck. Guck dir den mal an!“ Susanne Berkenheger

Z

Zündkerze Das Auto selbst ist ein kompliziertes Statussymbol ( Weib). Die sozialen Codes haben sich geändert. Schick kann auch sein, gar keins zu fahren, wahlweise einen schwedischen Kombi.

Die wahre Trophäe eines jeden Autofahrers ist sowieso die Vignette. Jedes Jahr gibt es neue aus Österreich und der Schweiz. Und wenn die seit 1985 gesammelten Vignetten das Sichtfeld einschränken, ist das nun einmal der Preis, den man zu zahlen hat. Immerhin steht die Sammlung für die Weltläufigkeit der Autobesitzer. Die Luxuskarrenbesitzer belegen damit Reisen in die diversen Skigebiete der Alpen, vielleicht zum eigenen kleinen Chalet. Die Wohnmobilfahrer machen die weltoffene Windschutzscheibe zum Panini-Album ihrer Roadtrips. In dieser universellen Anerkennung ähnelt die Vignette einer anderen Trophäe, dem Visa-Stempel im Reisepass. Benjamin Knödler

W

Weib Im Minnesang wie auch beim Dating gilt die Regel: dem Besten die Schönste. Der Beste ist, gemessen an gesellschaftlichen Standards, derjenige, der das meiste Geld scheffelt, während die Schönste eben die Schönste ist. Trophäen sind wahlweise dekorative Gegenstände oder Tierkadaver, folgerichtig folgt die Karriere der Trophy Wife dem Spannungsbogen vom reizenden Objekt zum mehrfachoperierten Bettvorleger mit aufgeplusterten Löwenwangen, straffen Katzenaugen.

Wie jeden anständigen Jäger verlangt es auch den Trophäenfrauenbesitzer nach immer neuen Frauen, denn deren Trophäenqualität verhält sich bekanntermaßen umgekehrt proportional zu ihrem Lebensalter (Bundesjugendspiele) und der Anzahl der nachbessernden Schönheitsoperationen. Schließlich und endlich lebt die Trophy Wife von der Perfektion. Wir wissen von Melania Trump, dass sie sogar die Tatsache, dass sie Stuhlgang hat, seit Jahren erfolgreich vor ihrem Mann verbirgt. Der Lebensleistungs-Award geht an sie! Marlen Hobrack

06:00 22.02.2017
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