Tropisches Exil

Judenverfolgung Kuba rettete viele Juden vor dem Holocaust. Ihre Traditionen aber hat der Kommunismus ausgehöhlt. Ruth Behar kämpft um das Erbe
Tropisches Exil
Reste jüdischen Lebens: In Havana gibt es den letzten koscheren Metzger Kubas

Foto: Sven Creutzmann/Nambo Photo/Getty Images

Die Beth-Shalom-Synagoge, die größte der drei Synagogen in Havanna, ist an diesem Sabbat nur sehr spärlich gefüllt. An Feiertagen wie Jom Kippur oder Chanukka kommen auch schon mal 500 Gläubige, darunter viele US-amerikanische Juden. Gerade aber ist Tourismus-Nebensaison auf Kuba und die Sonne brennt unerbärmlich. Ruth Behar ist trotzdem gekommen. „Ich fühle eine Verantwortung teilzunehmen. Es gibt nur wenige Juden in Havanna. Wenn sie nicht praktizieren, gehen die Traditionen verloren“, sagt sie. Die Anthropologin und Buchautorin entstammt selbst dieser Gemeinde. Sie wurde in Havanna als Spross einer jüdischen Familie geboren, wuchs in New York auf und lebt heute in Ann Arbor, wo sie an der University of Michigan Anthropologie lehrt. „Die Synagoge war fast leer, aber die Leute der Gemeinde haben mich eingeladen, nach vorne zu kommen, aus dem Talmud zu lesen“, erzählt Behar. Sie hatte zwei Studenten dabei und wurde gefragt, ob auch diese Juden seien. Als sie bejahte, wurden auch sie eingeladen. „Also haben wir drei und noch ein paar andere Leute zusammen gebetet. Das war sehr bewegend.“

Ruth Behar war knapp fünf Jahre alt, als ihre Familie 1962 Kuba verließ. „Mein Vater traf die Entscheidung, dass wir nicht länger in Kuba sein könnten und gehen müssten. Meine Mutter wollte nicht weg. Er aber traf die Entscheidung und so sind wir gegangen.“ Zunächst für ein Jahr nach Israel und dann nach New York, wo bereits einige Mitglieder ihrer Familie waren. Erinnerungen an ihre Kindheit hat sie kaum. „Aber meine Mutter hat alle Fotos der Familie mitgenommen, so dass ich meine Erinnerungen über diese Artefakte aufgebaut habe: Fotos, kleine Dokumente, Hochzeitseinladungen und solche Dinge.“ Hinzu kamen Erzählungen, vor allem ihrer Großmutter, die aus Polen stammt.

In New York wuchs Behar in einem Mix aus kubanischer und jüdischer Kultur auf. „Es gab viel Nostalgie für Kuba. Kuba war der Ort, wo meine Eltern keinen Antisemitismus gespürt haben, wo sie sich sehr wohlgefühlt haben Kuba war in gewisser Weise ihr Amerika.“ Ab den 1920er Jahren war die Insel Anlaufpunkt für Tausende Juden aus Osteuropa, die vor den Pogromen in ihren Heimatländern und dem Holocaust flohen und in Kuba sichere Aufnahme fanden. Auch wenn viele von ihnen mit dem Plan kamen, später in die USA zu gehen, entstand binnen weniger Jahre in Havannas Altstadt ein jüdisches Viertel mit koscheren Restaurants und jüdischen Geschäften. Ende der 1950er lebten rund 15.000 Juden auf der Insel. Nach dem Triumph der Revolution 1959 und den einsetzenden Verstaatlichungen verloren viele Juden ihre Geschäfte. Viele emigrierten, vor allem in die USA. Rund 90 Prozent der Juden haben in jenen Jahren Kuba verlassen, so auch Behars Familie. Die ersten Jahre in New York waren von viel Nostalgie gegenüber Kuba geprägt, „aber gleichzeitig von dem Wissen: Wir sind Juden, wir bewahren unsere jüdischen Traditionen“, erzählt Behar und lacht. „Wir feiern zum Beispiel die ganze Woche über Pessach, essen Matze und dann, sobald Pessach vorbei ist, gehen wir in ein kubanisches Restaurant, um kubanische Sandwiches zu essen. Es war eine sehr interessante Mischung, mir aber erschien das alles sehr natürlich.“

In ihrem kürzlich erschienenen Buch (Lucky Broken Girl) behandelt Behar ihre Erfahrungen als kubanisch-jüdisches Mädchen in New York. Nach zahlreichen anthropologischen Studien und Dokumentarfilmen ist es ihr erster Roman. „Es ist geschrieben aus der Perspektive eines zehnjährigen kubanisch-jüdischen Mädchens, das gerade in New York angekommen ist.“

Einreise nicht möglich

Ruth Behar studierte gerade in Princeton, als es wegen der unter US-Präsident Jimmy Carter eingeleiteten Entspannungspolitik 1979 plötzlich die Möglichkeit gab, mit einer Gruppenreise nach Kuba zu fahren. „Die Teilnehmer standen fest“, erinnert sich Behar. „Aber ich habe gebettelt: Ich muss da mit! Ich muss da mit! Und schlussendlich haben sie es mir erlaubt.“ Sie und ein weiterer Mitreisender waren die einzigen Kubanischstämmigen in der Gruppe von US-amerikanischen Studenten und Professoren. „In Kuba gab es große Neugierde, wer wir waren, was wir dachten, ob wir für oder gegen die Revolution sind. Das war beeindruckend.“

Behar hoffte, die Erlaubnis zu erhalten, wiederzukommen und Feldforschung in Kuba zu betreiben. Aber im folgenden Jahr, 1980, gab es die Mariel-Krise und die Türen schlossen sich wieder. Stattdessen ging Behar zu Feldforschungen nach Spanien und Mexiko. Erst mit dem Mauerfall und dem Zusammenbruch der Sowjetunion gab es erneut die Möglichkeit. „Ab 1990/91 fing ich an, regelmäßig nach Kuba zu kommen“, erzählt Behar. Mittlerweile fährt sie zwei, drei Mal im Jahr. „Die ersten Besuche waren sehr, sehr emotional. Ich bin am Malecón entlanggelaufen und habe geweint, ich hatte Panikattacken, ich hatte große Angst, zum Teil, weil meine Familie sehr beunruhigt war.“ Sie hätten ihr gesagt: Rede mit niemanden, du landest im Gefängnis, erzählt Behar lachend. „Ich habe entschieden, meine eigene Beziehung zu Kuba zu normalisieren. Auch wenn die beiden Länder keine normalen Beziehungen unterhielten; ich als Individuum würde versuchen, meine Beziehung zu Kuba zu normalisieren. Ich bin also weiterhin hergekommen, auch wenn ich nervös war, und habe viele wunderbare, reizende Menschen kennengelernt.“

Aus ihrer eigenen Familiengeschichte heraus begann sie, Kontakt zur jüdischen Gemeinde auf Kuba aufzunehmen. „Eigentlich dürfen wir gar nicht von Gemeinde sprechen, denn Anfang der 1990er gab es nicht wirklich eine Gemeinde. Viele Personen, die Juden waren, agierten nicht wie Juden. Sie selbst haben sich untereinander nicht erkannt“, sagt Behar. Nach dem Triumph der Revolution wurde Religionsausübung zwar nicht verboten, war aber „schlecht angesehen“ und hatte Benachteiligungen zur Folge, etwa bei der Vergabe von Studienplätzen; auch durften Religiöse nicht Mitglied der Kommunistischen Partei werden. Das änderte sich in den 1990ern. „Es gab diese Öffnung gegenüber den Religionen und ich kam in einem Moment an, als die Gemeinde begann sich wiederzuentdecken und zusammenzufinden“, erinnert sich Behar. „Ich war zu Anfang so bewegt, ich wollte nicht studieren, ich wollte nicht Anthropologin sein, ich wollte sie einfach nur kennenlernen als Menschen, ihre Geschichten anhören, sehr bewegende Geschichten.“

Sie erzählt die von Alberto Behar, mit dem sie zwar den Nachnamen teilt, aber nicht verwandt ist. Dessen Vater war immer sehr revolutionär. Plötzlich erkrankte er schwer und im Sterben liegend sagte er zu Alberto: Ich möchte, dass du mich auf dem jüdischen Friedhof begräbst. Sein Sohn fragte: Aber warum? Du glaubst doch an nichts. Warum sollen wir dich jetzt plötzlich auf dem jüdischen Friedhof begraben? Und er antwortete: Ich bin Jude. Meine Eltern liegen auf diesem Friedhof und ich möchte, dass du mich auf diesem Friedhof bestattest. Als der Vater dann starb, brachten ihn Alberto und sein Bruder auf den Friedhof, wussten aber nichts von den jüdischen Bestattungsriten. Jemand, der sich auskannte, sagte ihnen, sie müssten ein Kaddisch, ein Heiligungsgebet, sprechen. Er werde ein Kaddisch beten und sie sollten ihm einfach nachsprechen. Alberto aber wollte nicht einfach nur die Worte von jemand anderem nachsprechen, ohne zu verstehen, was die Worte bedeuteten. Das aber gab ihm den Anstoß, über seine jüdischen Wurzeln zu forschen. Er begann Hebräisch zu lernen, jüdische Kultur zu studieren, und ist heute einer der spirituellsten Menschen der Gemeinde.

Geschichte im Interview

„Seine Geschichte, zusammen mit vielen anderen, hat mich sehr bewegt und ich spürte etwas sehr Starkes gegenüber dieser Gemeinde, die die Traditionen bewahrt hat über all die Jahre des Wandels“, sagt Behar. Ende der 1990er begann sie das Buch An Island Called Home zu schreiben, für das sie Juden auf der ganzen Insel interviewte, und das heute als Standardwerk über die jüdische Gemeinde Kubas gilt. „In diesem Besuch habe ich versucht, die Geschichten, die ich gehört habe, mit meinen eigenen Erfahrungen zu mischen.“ Sie fühle sich der jüdischen Gemeinde auf Kuba sehr verbunden, sagt Behar. „Ich bin nicht sehr religiös, ich gehe in den USA nicht oft in die Synagoge, aber wenn ich hier in Havanna bin, gehe ich immer. Denn wenn sie die Traditionen nicht bewahren würden, gingen sie verloren.“ Das dürfe nicht passieren, denn Kuba habe viele Familien gerettet, als sie vor den Judenpogromen in Osteuropa und dem Holocaust flohen. Behars Urgroßmutter hatte Angst, auf Kuba ihre jüdischen Traditionen nicht leben zu können. Es wäre ein primitives Land. „Sie blieb und war eine von jenen, die im Holocaust umgebracht wurden.“

Für jene, die kamen, war Kuba ein Ort, wo sie ihr Leben wieder aufnehmen konnten, „ein tropisch-jüdisches Leben“, wie Behar mit einem Lächeln sagt. „Die Insel hat es ihnen ermöglicht, zu überleben und wieder zu Personen zu werden.“ Deshalb sei es so bedeutend, dass die Gemeinde auf Kuba die Traditionen bewahrt, dass diese Wurzeln nicht verloren gehen. Und deshalb nehme sie jedes Mal, wenn sie nach Kuba komme, teil am Sabbat, an den Gebeten. „Ich fühle manchmal, dass diese Gemeinde mir erlaubt, mir vorzustellen, wer ich geworden wäre, wenn wir hiergeblieben wären. Denn hier habe ich ein paralleles Leben. Dafür bin ich ihnen dankbar.“

06:00 08.10.2017

Kommentare 1