Wanna be Americans: Warum wir den USA stets vertrauen, obwohl die Fakten dagegen sprechen

Analyse Vom Tonkin-Vorfall bis zu den irakischen Massenvernichtungswaffen: Warum glauben wir den USA bis heute und trauen ihnen nur Gutes zu, obwohl wir es doch eigentlich so viel besser wissen müssten
Exklusiv für Abonnent:innen | Ausgabe 47/2022
So sieht’s aus, wenn man sich als Deutscher zu amerikanisch fühlt
So sieht’s aus, wenn man sich als Deutscher zu amerikanisch fühlt

Foto: Gerhard Westrich/Laif

Weil ihre Untaten ja gerade mal wieder Thema sind: In der Sache war nichts daran auszusetzen, dass die FIFA anno 2016/17 von der US-Justiz ob ihrer Korruption auseinandergenommen wurde. Formal jedoch konnte man sich darüber wundern, mit welcher Selbstverständlichkeit amerikanische Gesetze gegen Straftaten in Anschlag gebracht wurden, die mutmaßlich im Rahmen einer in der Schweiz ansässigen Organisation und außerhalb der USA verübt wurden. Ein anderes Beispiel: Seit Kurzem liegt dem Senat in Washington die sogenannte NOPEC Bill vor. Sie würde es ermöglichen, Mitglieder der Organisation erdölexportierender Länder in den USA nach dortigem Kartellrecht zu belangen – also dann nicht mehr allzu souveräne Staaten vor den Kadi zu zerren.

Straight outta Heidenheim

Juristisch konstruiert die US-Justiz ihre Zuständigkeit nach einem weit gefassten Territorialprinzip: Irgendein in den USA befindlicher Server, über den eine Absprache oder Transaktion gelaufen ist, findet sich immer. Politisch ist es die wirtschaftliche und militärische Macht der USA, die ein solches Ausgreifen ihrer Gesetze unterlegt. Wichtig ist aber auch ein kultureller Faktor: Die USA können sich so widerspruchslos zum Weltrichter aufschwingen, weil Hollywood, Netflix und der US-Pop den Menschen weltweit das Gefühl geben, selbst auch ein bisschen amerikanisch zu sein.

Viel ist hierzulande vom Antiamerikanismus die Rede, oft mit dem Zusatz „plump“. Es gibt ja auch eine reflexhafte US-Gegnerschaft, die sich aus trüben Quellen speist – einer Überheblichkeit, die dem notorischen Schmelztiegel da drüben technische Zivilisation zutraut, nicht aber „Tiefe“. Doch sollte dieses alte Ressentiment der deutschen „Kulturnation“ umgekehrt nicht blind machen für die seltsame Aura kultureller Selbstverständlichkeit, die zugleich die USA-Gefolgschaft umgibt.

Dieser Amerikanismus winkt „auf“ Social Media, wo sich gerade gebildete Menschen gern auf ikonischen Kreuzungen in New York City oder vor der Golden Gate Bridge zeigen. Schon die Kleinen geben sich ihre Dosis, wenn sie zu Halloween als Spider- oder Batman gehen – Figuren, die sie scheinbar von Natur aus kennen, jedenfalls oft ohne Zutun der Eltern. Fortgeschrittene Semester leben ihren American Dream, wenn sie gedanklich mit dem Chopper durchs Land röhren, Easy Rider stets im Sinn. Jüngere chillen zu Hiphop vor Graffiti-Wänden: Straight outta Compton, selbst wenn’s nur Heidenheim an der Brenz ist oder Kyritz an der Knatter.

Am dicksten aber kommt es, wenn man die Staaten tatsächlich besucht: Kaum durch den Zoll gestolpert, fühlt man sich schon irgendwie großartig: fast wie zu Hause und doch wie im Film – weil man das alles eben wirklich aus dem Kino kennt. Nicht nur der Times Square oder der Strand von L. A., sondern noch die letzte Tankstelle im Hinterland, die schäbigsten Diner oder Motels gewinnen Fotomotiv-Qualitäten, weil das Bild so altvertraut ist: Das sieht ja, so fühlt man mehr, als dass man denkt, nach Thelma & Louise aus, nach Natural Born Killers oder Fargo. Man ist sofort ergriffen, weiß aber nicht, wovon.

Nun sind nicht alle für Harley und Highway oder Burger und Basecap empfänglich. Manche mögen auch keinen Hiphop und rümpfen bei Blockbustern die Nase. Doch auch für gehobene Germericans ist das Sortiment schier unbegrenzt: Natürlich bieten die Vereinigten Staaten, sein Mutterland, nicht nur den coolsten Jazz. Sie haben auch das Arthouse-Kino hervorgebracht – Jim Jarmusch, Spike Lee! – sowie die relevantesten Galerien, Romane und so weiter. Die Oper ist wohl die letzte Nische der Hochkultur, deren Maßstäbe noch aus der Alten Welt stammen.

Es muss also niemand mehr über den Ozean fliegen, um die Vibes der Staaten zu spüren. Über Hurrikans im Mittleren Westen sind wir so gut informiert, als ginge es um Niedersachsen. Wir diskutieren Pulitzer-Preise, wir zelebrieren Grammys und Oscars. Zwar wird der Superbowl die Bundesliga nicht so bald verdrängen. Sonst aber regiert der Amerikanismus bis in die Schriftsprache. Korrekturlesende klagen noch leise über den Tod des Bindestrichs, über amerikanische Interpunktion und Floskeln wie „am Ende des Tages“ oder „Erinnern“ ohne Reflexivpronomen.

Wie aber setzt sich die Superkraft des Amerikanismus zusammen? Erstens versteht sich die US-amerikanische Kulturindustrie auf ihr Handwerk. Hinzu kommt eine machtvolle Prophezeiung, die sich immer wieder selbst erfüllt: Amerika setzt die Standards, weil Amerika die Standards setzt – und deshalb viel Kulturpersonal absorbiert. Der gewichtigste Faktor für die Kraft des Amerikanismus ist aber, dass er Kritik gleich mitliefert.

Da ist nicht nur der Standard-Thriller, in dem Finsterlinge amerikanische Dienste missbrauchen, bis mutiger Patriotismus dem ein Ende setzt und alles in Erdnussbutter ist. In der Popkultur gibt es traditionell etwas härteren Stoff – etwa Songtexte von der Dead-Kennedys-Nummer California über alles bis zur Line des Rappers Brother Ali in dem großartigen Track Uncle Sam Goddamn: „Land of the thief, home of the slave.“ Und in jüngster Zeit fluten US-Unis die Welt mit akademischem Content, nach dem es sich bei den USA um eine Hölle aus Rassismus und Sexismus handle. Auch ein gewisser Antiamerikanismus zählt zum amerikanischen Kulturexport.

Wenn Amerika niest

Wie paradox dieser aber wirkt, zeigte 2020 der Fall George Floyd: Ein amerikanischer Polizeimord sorgte in der ganzen westlichen Welt nicht nur für Massendemos, sondern auch für Feuilleton-Debatten über den Rassismus im eigenen Land. So unterstrich noch das Aufbegehren gegen Ungerechtigkeit in den USA deren kulturelle Hegemonie: Wenn Amerika niest, hat die Welt einen Schnupfen. Ähnlich ist es mit jener akademischen Kritik: Unter ihrem Einfluss wird über Deutschland in Kategorien der amerikanischen Geschichte nachgedacht. Es entsteht eine Kritik unseres Landes, die dieses stets auf die USA bezieht. Derweil „lernt“ der zunehmend anglophone Aktivismus von den Liberals der Staaten, die noch nicht einmal eine Krankenversicherung zustande gebracht haben.

Im letzten Kalten Krieg hatte all das ein System. Klandestin orchestrierte die CIA eine gemäßigte Gesellschaftskritik, um Europas Intellektuelle von antikapitalistischen Ideen abzubringen – und konstruierte zur atmosphärischen Untermalung gar einen speziellen Kunstgeschmack, indem sie Leute wie Jackson Pollock, Mark Rothko oder Barnett Newman groß herausbrachte. Das ist bestens belegt und stand sogar schon mal im Tagesspiegel.

Nun sagt niemand, dass Brother Ali ein Einflussagent sei. Niemand bestreitet pauschal die Integrität bestimmter akademischer Diskurse – und Rothko ist mehr als Geheimdienstpropaganda. Aber ist es nicht seltsam, wie schwer es fällt, einen Satz mit „CIA“, „klandestin“ und „orchestriert“ in diesem Kontext ernst zu nehmen? Wir wissen das alles, wir wissen auch von den amerikanischen Kriegslügen vom Tonkin-Vorfall über die Babyfolter in Kuwait bis zu den Massenvernichtungswaffen im Irak. Und doch können wir Germericans unserem gefühlten Mutterland noch immer nicht misstrauen – es wäre nämlich ein Misstrauen auch gegen uns selbst.

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden
%sparen