Trotzt den Knien, kniet!

Sachlich richtig Prof. Schütz kann Georgien auf 32 Zeilen beschreiben, kocht Reste und fängt ekstatisch Feuer

Letztens wurde der Kaukasus als Afghanistan Europas tituliert. Georgier dürften das anders sehen. Der Legende nach kamen sie bei der Verteilung der Welt zwar zu spät, aber sangen und tanzten so herrlich, dass Gott ihnen jenes Fleckchen überließ, das er für sich reserviert hatte. Und Prometheus büßte im Kaukasus dafür, den Menschen das Feuer gebracht zu haben. Die wiederum nahmen bereits im 4. Jahrhundert das Christentum an. Seit dem Mittelalter aber herrschten Krieg und Chaos; erst die unfreundliche Übernahme ins Zarenreich ermöglichte im 18. Jahrhundert eine neue Öffnung nach Europa. Im 20. war Georgien unter dem Georgier Stalin Teil der Sowjetunion und damit wieder abgeschnitten, aber damals für Sowjetbürger von andernorts ein Paradies, geformt aus Landschaft und Lebensart, Wein und Küche, Kultur und Gastfreundschaft. Seit 1991 unabhängig, sucht Georgien verstärkt den Anschluss an Europa, das ihm mit dem Assoziierungsvertrag 2014 Wohlwollen signalisierte, aber auch auf dezentere Korruption drängt.

So weit in rabiatem Umriss das diesjährige Gastland der Buchmesse. Wesentlich Differenzierteres bietet das Länderporträt von Dieter Boden – kundig und kenntnisreich, abwägend und anregend!

Die Russen kontrollieren strengst die Grenzen der nach dem August-Krieg 2008 von Georgien abtrünnigen Provinzen Abchasien und Südossetien. Umgekehrt erklärt Georgien alle Einreisen dorthin, die nicht über Georgien führen, zum „kriminellen Akt“. Immerhin gibt es Grenzverkehr. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und im Zuge von Schengen konnte man ja die Illusion haben, nun schlüge den Grenzen das letzte Stündlein. Das Gegenteil ist der Fall. Ein Drittel aller Länder macht die Schotten dicht, durch befestigte Zäune oder Mauern. Tim Marshall, journalistischer Experte für Außenpolitik, visitiert systematisch die Grenzen von China über die USA, Israel und Palästina, den Nahen Osten wie den indischen Subkontinent und Afrika, um am Ende auf Europa und England zu fokussieren. Was Marshall mit Fakten, Zahlen und Karten eher nüchtern summiert, das illustriert – nein, das wäre zu wenig –, verlebendigt eine Phalanx von renommierten Auslandsreportern an allen den einschlägigen Ländern in Fallstudien und Momentaufnahmen, mal ernüchternd, mal deprimierend, mal erschütternd.

Wären da nicht die Einwände der Arthrose, ich würde vor diesem Buch knien. Um es ersatzweise ausreichend zu würdigen, bedürfte es mindest einer halben Seite. Kapka Kassabova, eine gebürtige Bulgarin, die heute in Schottland lebt, hat die verbotenen Orte ihrer Kindheit und Jugend aufgesucht, im Grenzgebiet von Bulgarien, Griechenland und der Türkei. Ein Gebiet mit ethnischen, sprachlichen, religiösen Scheide-, aber ebensolchen Misch-Linien, einst durch den Eisernen Vorhang starr getrennt, durch Verfolgung, Ermordung, Vertreibung und Umsiedlung brutal misshandelt, heute für die Abwehr illegaler Migranten berüchtigt. In der Antike das Gebiet der Thraker – ein seltsames Volk: wilde Krieger und gewiefte Pferdezüchter, die prunkvolle Kultstätten und viel Goldenes, aber nichts Schriftsprachliches hinterließen, vor allem den Fehler begingen, weder nach Eroberung noch nach eigenem Staatsgebiet gedrängt zu haben. Geografisch unter anderem das Gebiet der wildabenteuerlichen Rodopen.

In ihren intensiven Erkundungen begegnet die Autorin ekstatischen Feuerläufern, Frauen mit bösem Blick, Kirchen, die seit Jahrzehnten keine Hochzeit mehr gesehen haben, europäischen Dropouts, heimischen Grenzern und Menschenschmugglern, Ökos, deutschen Opfern verhinderter Fluchtversuche, Schatzsuchern wie freundlichen Tagedieben. Sie durchwandert Berge und Wälder, aussterbende Dörfer und quicklebendige Städte, kreuzt über Grenzen, vertieft sich in Geschichte und Geschichten. Grausame und empörende – besonders beeindruckend die des Malers Felix S.! –, aber auch heitere und versöhnliche Geschichten. Historische Tiefenbohrungen und gegenwärtige Streifzüge und Gespräche, immer neue Begegnungen mit Menschen, so eindrucksvoll wie nur irgend im Roman. Eine helle Beobachtungsgabe, kluge Gedanken und eine geschmeidige Sprache machen das Buch zu einem großen Genuss. Nicht zuletzt spendet es Hoffnung, dass Grenzen, wie hartnäckig auch verteidigt und bewacht, den Verkehr der Menschen und der Menschlichkeit nie völlig unterbinden können.

Info

Georgien. Ein Länderporträt Dieter Boden Chr. Links Verlag 2018, 200 S., 18 €

Abschottung. Die neue Macht der Mauern. Tim Marshall Hans-Peter Remmler (Übers.), dtv 2018, 336 S., 24 €

Die letzte Grenze. Am Rand Europas, in der Mitte der Welt Kapka Kassabova Brigitte Hilzensauer (Übers.), Zsolnay 2018, 384 S., 26 €

Das Kochbuch des Prinzen Bagrat von Georgien Vakho Babunashvili Maia Panjikidze (Übers.), Wieser 2018, 200 S., 29, 95 €

Die Philosophie des Kochens Stevan Paul (Hrsg.), Mairisch 2018, 240 S., 20 €

Jetzt wenden wir uns vom Landesäußeren dem Leibesinneren zu. Zunächst anlassgemäß dem Beitrag des Gastlandes dazu. 1803 wurde die georgische Herrscherfamilie nach Russland verschleppt. Prinz Bagrat, Sohnes des letzten Königs, hat neben vielem anderem auch ein Kochbuch zusammengestellt. Kein schlechtes Mittel gegen Heimweh. Nach zweihundert Jahren ist es wieder aufgelegt worden, von einer ganzen Phalanx an Köchinnen überprüft und milde modernisiert. Wie das mit Heimatlichem so ist, es kommt doch viel Auswärtiges, selbst vom bösen Feind, zusammen. So könnte man sagen, dass es sich hier um durch Russland gegangene französische und italienische Küche handelt, die georgisch modifiziert wurde. Also gibt es Borschtsch oder Plini, dazu alles, was die Viecherei an Fleischsorten und der Garten an Gemüsen zu bieten hat.

Aber das allermeiste eben georgisiert. Hätte ich’s schon im heißen Sommer gehabt, ich hätte unbedingt Domchali ausprobiert. So bleiben aber noch die schönsten, klarsten Wintergerichte. Vor allem jedoch alle die Leckermäulereien, die das – vom Design her opulent gemachte – Buch den innerlich sabbernden Lefzen verspricht.

Dann och Philosophie. Heute, wo jeder Podologe und jede Handleserin eine eigene Philosophie hat, Precht oder Safranski als Hirntitanen durchgehen, da muss naturgemäß auch das Mundwerk philosophieren. Hier gleich im Kongress: 17 Beiträger – unter ihnen auch Jörn Kabisch, dem Freitag wohlbekannt – und sogar zwei Beiträgerinnen. Was so alles philosophiert werden kann! Der Mensch kann demnach seine Zunge zum Schmecken und Sprechen benutzen (mindestens!), gesitteterweise eins nach dem andern. Kürzen wir’s: Feuer und Philosophieren koevolutionierten. Vom Fermentieren handelt einer, der erklärt, dass alles sozusagen im Mundhöhlengleichnis nach Umami strebt wie Yin zu Yang. Ein schöner Beitrag des gelernten Kochs und studierten Philosophen Malte Härting führt nach Japan. Ein Politaktivist wiederum sorgt sich um die Versorgung von 10 Milliarden Menschen. Nicht Brot für die Welt, sondern handwerkliches Backen umkreist ein anderer Beitrag. Dann geht es noch um Aromen und Farben, Kochen mit Resten, kulinarischen Kannibalismus, Entschleunigung und Abstinenz. Am Ende – nicht zu vergessen! – um Wein, zwar nicht georgischen, aber mit gekeltertem Wissen und Recht auf Rausch! Philosophie, ob geschlabbert oder trocken, hat den Rausch verdient, den sie verdient!

Zu den Bildern

Die Bilder dieser Beilage stammen aus dem Fotoprojekt „The Broken Sea“ von Nata Sopromadze und Irina Sadchikova.

Nata Sopromadze wurde in Sochumi geboren, das ist die Hauptstadt der Autonomen Republik Abchasien am Schwarzen Meer. Nata war 12 Jahre alt, als die Familie nach Tiflis floh und alles zurücklassen musste. Seither hat Nata die Orte ihrer Kindheit nie wieder gesehen, sie darf in ihre Heimat nicht einreisen.

Ihre Freundin Irina Sadchikova ist in der Ukraine geboren, sie lebt derzeit in Moskau. Irina hat die Orte von Natas Kindheit besucht und fotografiert. Nata benutzte die Filme, sie fotografierte damit ihr Leben, ihre Kinder und sich, ohne zu wissen, was sie doppelbelichtet. Entstanden sind traumschöne Zufallsaufnahmen, ein Manifest für die Freiheit.The Broken Sea ist nominiert für den Unseen Dummy Award, mehr Information gibt’s hier: www.brokensea.photoshelter.com

Erhard Schütz war bis 2011 Professor für Neue Deutsche Literatur an der Humboldt- Universität zu Berlin. Für den Freitag schreibt er einmal im Monat die Kolumne Sachlich richtig, eine konsequent verknappte, höchst subjektive Auswahl von Sachbüchern, die man unbedingt lesen sollte

06:00 12.12.2018
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