Trümmer gibt es immer

Erfahrener Athlet In seinem neuen Roman "Die Wiederholung" spielt Alain Robbe-Grillet seine alten Stärken aus. Am 18. August wird der Begründer des "Nouveau Roman" 80 Jahre alt

Als Alain Robbe-Grillet vergangenes Jahr in Frankreich seinen neuen Roman Die Wiederholung veröffentlichte, offenbarte sich ein bemerkenswerter Fall von Ungleichzeitigkeit. Alle wähnten den verdienten Autor sicher verwahrt auf seinem Schloss in der Normandie, über die Pläne für ein Museum gebeugt, das nach seinem Ableben dort eingerichtet werden soll. Die Überraschung über diesen Coup war auch deshalb verständlich, weil Robbe-Grillets letzter Roman zwanzig Jahre zurückliegt. Nach dem Nouveau Roman der späten fünfziger Jahre, dem Nouveau nouveau Roman der sechziger und frühen siebziger Jahre hatte sich Robbe-Grillet der Autobiographie zugewandt und, einem formal experimentellen Denken verpflichtet, die Nouvelle Autobiographie begründet, die er mit Corinthes letzte Tage 1994 abschloss. Danach zog er sich zurück, um jetzt, wie ein alter Musketier, noch einmal den Degen umzuschnallen und mit einem munteren En garde! aus der Kulisse zu springen.
Nun liegt Die Wiederholung auf Deutsch vor und auf einmal ist die literarische Moderne wieder da, mit ihrem theoretischen Unterbau, dem Insistieren auf formaler Konstruktion und der Berufung auf künstlerische Autonomie. Wie nur je ein eingeschworener Modernist hatte sich auch Robbe-Grillet sein Publikum erzogen, das - vertraut mit seinen poetologischen Essays - den wiederkehrenden, im Laufe des Schreibens modifizierten Motiven und stilistischen Eigenheiten, die hohe Kunst des Lesens lernt und natürlich diesem besonderen Autor verpflichtet bleibt.
Als er zu schreiben begann, waren die Umstände für die Neuauflage eines modernistischen Programms günstig. Die Formexperimente der Moderne waren nach dem Zweiten Weltkrieg vergessen, Klassik und bürgerlicher Realismus mit ihren auf Gewissheit und Handlungsmächtigkeit basierenden Erzählstrukturen waren übermächtige Konkurrenten, die, getreu der Vorkriegsmoderne, kollektiv bekämpft werden sollten. Schließlich war der Feind das alte Bürgertum, das noch nicht im Besitz von Kulturindustrien war und deshalb nicht auf Integration, sondern Ausgrenzung setzte.
Mit seinem dritten Roman Die Jalousie oder die Eifersucht von 1957 hatte Robbe-Grillet sich in den literarischen Zirkeln einigermaßen etabliert, und er hatte überdies als Lektor der Éditions de Minuit die Möglichkeit, Mitstreiter um sich zu versammeln. Michel Butor, Nathalie Sarraute, Claude Simon und Marguerite Duras galten bald als Gruppe, die in Frankreich die Avantgarde verkörperte. Robbe-Grillet lieferte das theoretische Programm des Nouveau Roman. Er destruierte die Mythen der Bürger, die Vorstellungen stabiler Identitäten, einer sicheren Erkenntnis der Gegenstände, die zusammen wie selbstverständlich einen individuellen und sozialen Sinn generieren. Was über die Welt gesagt werden könne, so schrieb er Mitte der fünfziger Jahre, sei "die einfache Tatsache, daß sie da ist. Eine Erklärung, welche es auch immer sei, kann gegenüber der Präsenz der Dinge immer nur zuviel sein".
Seinerzeit klang das provokant, heute steht es in Literaturgeschichten, die Die Jalousie oder die Eifersucht als Klassiker feiern und vor lauter archivarischem Eifer dabei übersehen, dass die neuen Romane nicht nur aus literaturhistorischen Gründen wegweisend waren. Die Auflösung traditioneller Erzählstrukturen, die geometrische Kälte, mit der die Dinge abgetastet werden, die reine Zeichenhaftigkeit aller Motive, die ihren Platz nur im Bewusstsein der Figuren haben und keine Welt mehr repräsentieren, das klingt heute vertraut, wo die Zeichen alles, Individuen hybrid und Lebensläufe zu einem Patchwork aus Erinnerungen, Symbolen und Artefakten geworden sind, das sich allen Vorstellungen von Linearität und Kohärenz widersetzt.
Robbe-Grillet suchte kollektive Träume, übersetzte sie in sadoerotische Phantasien, exerzierte den Brückenschlag zur Malerei, zum Film und zur Architektur, kündigte den autobiographischen Pakt, der von Rousseau bis zu Proust und mit ihnen als Bannerträgern im Mainstream bis heute besteht, und bewahrte dabei immer das ästhetische Verhältnis zur Welt. Die Sinneinheit des Satzes, die Regeln der Syntax hat er stets respektiert; die geduldige Arbeit mit der Sprache und ein emphatisches Verhältnis zur reinen ästhetischen Konstruktion überdauerten alle formalen Innovationen. Trümmer finden sich heute überall, auch und gerne auf Buchseiten. Und wenn sie zudem in Videoclips und Zapping-Spielereien verkultet werden, so haben ihnen gegenüber Robbe-Grillets Texte den Vorteil, der gerade in dem neuen Roman triumphal und mit Stil ausgespielt wird.
Die Wiederholung spielt im Berlin der Nachkriegszeit. In der von den Alliierten aufgeteilten Stadt sind Grenzen provisorisch, eine topographische Sicherheit existiert nicht, und in den Operationen der Geheimdienste, der doppelten Doppelagenten, die mit ihren Pässen auch die Identitäten wechseln, ist das Verwirrspiel Normalität. Alles, was Robbe-Grillet in den früheren Romanen, in New York, Hongkong, in den französischen Kolonien und in der Bretagne, auf der Bedeutungsebene konstruiert hatte, liegt 1949 in Berlin buchstäblich vor, als wollte der Autor sagen, überzeugt euch davon, dass alles, was ich beschrieben und behauptet habe, immer schon da war, das Leben besteht aus Bruchstücken und die Anstrengung besteht darin, dies zu übersehen.
Henri Robin ist mit einem geheimdienstlichen Auftrag nach Berlin gereist, wo er einen Mord beobachten soll. Als sich dieser tatsächlich ereignet, verschwindet der Körper des Opfers. Robin hat damit Auftrag und Sinn seines Aufenthalts verloren. Er durchquert die Sektoren der Stadt, begibt sich auf die Suche nach den Hintermännern, wechselt mit den Pässen die Identitäten und verfasst dabei einen Bericht, in dem er seine Recherche protokolliert. Seine Niederschrift wird von Anmerkungen unterbrochen, in denen ein Kommentator Fehler korrigiert und versucht, die beschränkte subjektive Sicht zu objektivieren. Aber auch dieser Erzähler ist kein Fixpunkt innerhalb eines fluktuierenden Settings. Es gibt in diesem Roman niemanden, dessen Identität nicht flexibel wäre. Einmal meldet sich jemand zu Wort, um von einem Orkan in der Normandie zu berichten, der zum Jahreswechsel 1999/2000 zahlreiche Bäume entwurzelt hat. Dieser Erzähler, der womöglich von den Erfahrungen des Autors profitiert, denkt angesichts der enormen Verwüstungen an den nazistischen Blitzkrieg und formuliert ein Credo, das nicht nur über diesem Roman Robbe-Grillets stehen könnte: "Ich habe oft von der fröhlichen schöpferischen Energie gesprochen, die der Mensch unaufhörlich entfalten muss, um die in Trümmern liegende Welt immer wieder neu zu erbauen."
Das klingt sehr nach Condition humaine, und der Roman spart auch nicht mit Anspielungen auf Theben, Korinth und andere Stätten der Verwüstung. Trümmer gibt es immer, buchstäbliche als Folge von Kriegen oder metaphorische. Es wäre einfach, diesen Roman mit gegenwärtigen kulturellen und gesellschaftlichen Auflösungserscheinungen in Verbindung zu bringen. Wichtiger jedoch ist das ästhetische Verfahren. In Die Wiederholung agiert Robbe-Grillet wie ein erfahrener Athlet, dem die antrainierten Gesten zur zweiten Natur geworden sind und der gar nicht mehr anders kann als sich rhythmisch, elegant und vollendet in der Form zu bewegen. Seine Sätze besitzen nicht mehr die Strenge und Härte der früheren Texte, und sie haben alle Hinweise, dass sie in mühevoller Arbeit hergestellt, also ›konstruiert‹, worden sind, getilgt. Robbe-Grillet hat hier einen Stil kreiert, der heute ähnlich fremd wirkt wie seine kühle, kalkulierte Diktion in den fünfziger Jahren.
In Interviews hat er den aktuellen Feind bezeichnet. Er nannte ihn "Houellebecq", doch gemeint sind alle, die Sätze herstellen, die das Umblättern der Seiten nicht über Gebühr behindern sollten. Literatur ist hier eben kein Konsumgegenstand, der die Gesetze eines hysterischen Medienbetriebs mit seinen kurzen Umschlagzeiten reproduziert. Das ist modernistisch, aber damit eben nicht automatisch Teil einer untergegangenen Welt. Die Moderne ist eben kein einfacher Vorgänger der Postmoderne, sie steckt in dieser drin und bringt sich, als eine Art Wiederkehr des Verdrängten, gelegentlich in Erinnerung.
1990 hatte Jean Luc Godard etwas diesem Roman Vergleichbares unternommen. Er hatte einen Film mit dem Titel Nouvelle vague gedreht, 30 Jahre, nachdem diese den europäischen Film revolutioniert hatte. Wie Robbe-Grillet hatte auch er mit den Figuren und Motiven aus alten Tagen gespielt, sie neu arrangiert und in ein zeitgemäßes Ambiente versetzt. Nostalgische Anwandlungen haben beide gemieden. In Godards Film ist Melancholie unverkennbar; Robbe-Grillet hat sich für die pure Herausforderung entschieden: Seht her und staunt, und wenn ihr nicht so gut könnt, so sollte dies euch ein Problem sein.

Alain Robbe-Grillet: Die Wiederholung. Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Andreas Spingler. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002, 250 S., 24,90 EUR


00:00 16.08.2002

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