„Trump ist kein Punk“

Interview Jello Biafra, Ex-Sänger der Dead Kennedys, über die Kultur der Auflehnung in populistischen Zeiten
„Trump ist kein Punk“
Für jeden Spaß zu haben
Foto: Frank Mullen/Wireimage/Getty Images

Vor Sonnenaufgang gehe er eh nicht ins Bett, sagt Jello Biafra an seinem Ende der Leitung. In Colorado ist es ein Uhr nachts, aber der 59-Jährige ist hellwach und will am liebsten über den Journalisten Greg Palast und dessen Recherchen zu Wahlmanipulation in den USA sprechen. Schließlich lässt er sich doch zu einem Gespräch über Punk überreden.

der Freitag: Könnte man Donald Trump einen Punk-Präsidenten nennen? Schließlich ist er respektlos, provokant und – wie seine Unterstützer sagen würden – authentisch.

Jello Biafra: Das mit Punk zu vergleichen, ist lächerlich. Außerdem ist Trump vollkommen unauthentisch, wenn auch auf eine sehr clevere Weise. Sein Aufstieg im Wahlkampf war so rasant, weil sein Team nicht erst von Grund auf einen neuen Politiker aufbauen und dabei irgendeine unternehmerfreundliche Marionette als Sympathieträger neu verpacken musste. Trump hatte bereits eine fast schon kultische Anhängerschaft, die ihm jahrelang dabei zuguckte, wie er in seiner TV-Sendung The Apprentice Leute ankackte und sagte: „Du bist gefeuert.“ Das war die Comicfigur, die sie zu wählen glaubten.

Ist Punkmusik überhaupt inhärent politisch?

Punk ist keine politische Bewegung, sondern nur eine Kultur. Oft eine Kultur der Auflehnung, aber selbst das stimmt nicht, wenn man sich die weinerlichen Pop-Punk-Bands anguckt, die es inzwischen gibt. Sogar Jungs in Boy Bands sehen inzwischen aus wie Sid Vicious, und manchmal packen sie die laute Gitarre aus. Punk ist bestenfalls eine Rebellenkultur, die politischen Bewegungen Energie gibt. So wie etwa Crass es für die Anti-Atom-Bewegung und die Tierrechtsbewegung in England getan hat.

Gibt es noch politische Punk-Bands?

Es gibt Tausende. Leute, die sagen, es gäbe keinen politischen Punk, gehen nicht zu kleinen Shows in ihrer eigenen Gegend. Viele beißen sich richtig fest – etwa UI/UX, eine kleine Band aus San Francisco. Die haben mir eine Demo-CD in die Hand gedrückt, mit einem Lied, in dem sie Googles Rolle bei der Gentrifizierung in San Francisco geißeln.

Zur Person

Jello Biafra wurde 1958 als Eric Boucher in Boulder, Colorado, geboren. Er sang 1978 bis 1986 bei der Punk-Band Dead Kennedys. Seine Anti-Zensur-Bewegung in den USA machte ihn in den 80ern jenseits der Musikszene berühmt. Seine aktuelle Band heißt Jello Biafra and the Guantanamo School of Medicine

Und auch das ist heute Punk: Green Day verkauft Millionen und füllt Stadien – und ihr Sänger Billie Joe Armstrong sagt, erst die Texte der Dead Kennedys hätten sein Interesse für Politik geweckt.

Das ist cool. Green Day sind sehr groß geworden und sehr kommerziell. Aber sie haben in dieser Welt viel Gutes geschafft.

Etwa als sie nach ihrem Überraschungserfolg in den 1990ern trotz Widerstands darauf bestanden, die Queerband Pansy Division mit auf ihre ausverkaufte Tour zu nehmen, und so Hinterwäldler mit der Schwulenbewegung konfrontierten?

Ja. Oder dass sie ihr Album American Idiot als Musical an den Broadway gebracht haben. Manche aus der Punk-Szene waren darüber empört, aber ich fand es gut. Endlich jemand aus der Nachbarschaft, der unsere Themen an den Broadway bringt.

Ist Trump gut für Punkmusik, also könnte er ähnlich fruchtbar für die Musik sein wie Ronald Reagan und Margaret Thatcher in den 1980ern?

Das ist völliger Bullshit. Donald Trump, Marine Le Pen oder die AfD zu ertragen, damit Punk wieder besser und beliebter wird – das ist es nicht wert. Die Welt kann diese Leute nicht überleben. Zweitens: Crass, The Jam, die Dead Kennedys, Black Flag und sogar The Dickies waren schon voll in Fahrt, bevor Reagan und Thatcher an die Macht kamen.

Sie führen seit Jahren das Plattenlabel Alternative Tentacles. Haben Ihre politischen Ideale einen Einfluss darauf, wie Sie das Unternehmen führen?

Es soll ein Label sein, das seine Künstler besser behandelt, als es ein Major-Label tut – die vergessen gerne mal, ihre Künstler zu bezahlen. Und ich habe nie Druck auf die Künstler ausgeübt, Musikvideos zu machen oder ihre Lieder für Werbespots herzugeben. Aber wenn es eine Band wollte, habe ich es nicht verhindert.

Ist das vielleicht eine Hinterlassenschaft der Punk-Bewegung an den Kulturbetrieb: egalitäre Geschäftsbeziehungen, eine fast schon anarchistische Herangehensweise?

Ich würde mich selber nicht als Anarchisten bezeichnen. Es ist utopisch, zu hoffen, dass wir uns gegenseitig anständig genug behandeln, dass wir keine Polizisten und Babysitter mehr brauchen. Leider haben wir uns nicht so weit entwickelt wie Delfine. Wir können unser Leben noch nicht leben, ohne uns über Eigentumsrechte und Immobilien Sorgen zu machen. Dafür gibt es noch zu viele Donald Trumps. Ich habe nie eine politische Denkschule gefunden, die ich vollständig unterstütze. Das merke ich besonders, wenn ich wählen gehe. Anarchisten sagen, man sollte nie wählen, wenn es was ändern würde, wäre es verboten.

Wie stehen Sie dazu?

Wahrscheinlich ist es wahr, dass die Präsidentschaftswahl gestohlen wurde. Aber dann bleiben uns noch kommunale Wahlen. Es spielt eine Rolle, wer der Bürgermeister ist, wer im Gemeinderat sitzt, wer in der Schulverwaltung sitzt. Wenn Leute wie wir nicht bei den Wahlen zum Schulbeirat auftauchen, raten Sie mal, wer es auf jeden Fall tut: christliche Suprematisten. Deswegen ist lokale Politik so wichtig.

1979 haben Sie für das Amt des Bürgermeisters von San Francisco kandidiert. Mit einigen ernsten Forderungen – und anderen, die Streiche in der Tradition des Yippie-Aktivisten Abbie Hoffman waren, etwa dass Banker von 9 bis 17 Uhr Clownskostüme tragen müssen …

... das war die Forderung, auf die sich die Medien stürzten. Aber selbst das hatte einen Sinn. Die Kandidatin Dianne Feinstein wollte damals die Market Street sauber machen, sie meinte damit das Ghetto Tenderloin. Ich fand, man müsste eher die andere Seite der Market Street aufräumen, da, wo die Bank of America, Chevron und andere ihre Firmenzentralen hatten.

Sie sind damals auch mit dem Staubsauger durch Dianne Feinsteins Wahlkreis gelaufen.

Ja. Andere Ideen kamen mir, während ich mein Wahlprogramm schrieb, bei einer Pere-Ubu-Show, einen Meter von der Bühne. Zum Beispiel: Polizisten sollen sich einer Wahl stellen. Damit könnten wir Amerikas Problem mit Polizeigewalt lösen. Jeder in einer Nachbarschaft wählt alle 4 Jahre die Polizisten, die in ihrer Nachbarschaft patrouillieren werden. Ich finde das eine sehr gute Idee.

Aber was war der Sinn hinter den absurden Forderungen?

Leute dazu anzuregen, zu denken und dabei Spaß zu haben. Amerikaner lernen in der Schule, dass Denken trist und mühsam ist. Und ich wollte Leute zum Denken ermutigen, damit sie kreativ sind und keine Angst vor ihrer eigenen Intelligenz haben.

Trumps Idee einer Mauer zu Mexiko hat auch etwas von einem politischen Streich.

Ja, aber es ist ein schlechter Scherz, der Leute nur ablenken soll. Wie die Behauptung unter George W. Bush, Saddam Hussein habe Massenvernichtungswaffen.

Ihre Texte waren schon immer voll von satirisch überzeichneten Bösewichten. Manche der heutigen politischen Figuren und Skandale könnten Ihrem Notizbuch entsprungen sein.

In den letzten 20 Jahren habe ich mich ständig gefragt, ob ich aufhören sollte, diese Worst-Case-Szenarien zu schreiben. Sie werden ständig wahr.

Trey Parker von „South Park“ hat gesagt: Satire ist schwierig geworden, weil Satire zur Realität geworden ist.

Wenn noch jemand die Scheiße auseinandernehmen kann, dann die Jungs von South Park.

Haben Sie irgendwelche Ansätze? Ein neues Lied vielleicht?

Wir haben ein neues Lied, das heißt Satan’s Combover (dt. Satans Schummelscheitel). Zuerst dachte ich, Trump versteckt unter seiner Tolle nur seine Ku-Klux-Klan-Kapuze oder seine Teufelshörner. Aber es geht nicht nur um Trump. Diese Frisur lenkt uns von etwas viel Größerem ab. Le Pen, AfD – hier ist ein weltweiter geheimer Coup im Gange.

06:00 19.07.2017

Kommentare