Konrad Ege
Ausgabe 2517 | 05.07.2017 | 06:00 1

Trumps Jünger

USA Die evangelikale „Faith and Freedom“-Bewegung ist eine wichtige Kraft hinter dem US-Präsidenten. Der erscheint auch zu ihrem Kongress

Trumps Jünger

Reverend Larry Deitch verkündet das Wort Gottes für eine Drive-In-Gemeinde in Florida

Foto: Jerome E. Conquy/Picturetank/Agentur Focus

Kenzie Kos, Politikstudentin aus Illinois, ist zum ersten Mal zu einem Kongress der „Faith and Freedom Coalition“ nach Washington, D. C., gekommen. Hier, im luxuriösen Omni Shoreham Hotel, treffen sich mehr als tausend rechte Evangelikale der USA für drei Tage, um ihrem Präsidenten entgegenzufiebern. Kos macht aus ihrer Begeisterung selbst im Internet keinen Hehl, auf ihrem Twitter-Feed sieht man sie mit einem Plakat: „Big Government Sucks“ steht darauf. Es folgt ein Link zu Donald Trumps Rede und weiter unten ein T-Shirt mit der Aufschrift „Gott ist groß, Bier ist gut, und die Liberalen sind verrückt“. Wie sie denn zu ihrer Weltanschauung gekommen sei? Mit 16 habe sie ihren ersten Job gehabt, erzählt Kos. Der Staat habe Geld abgezogen von ihrem kleinen Verdienst. Das ist doch nicht richtig, habe sie gedacht. Zudem sei sie total gegen Abtreibung. Kenzie Kos geht mit zwei Freunden durch die Ausstellungshalle. Sie sind sich einig: Als konservativer Christ habe man es nicht leicht beim Studium. Einem Bekannten sei wegen eines Trump-Stickers das Auto zerkratzt worden.

Die Konferenz der „Glaubens-und-Freiheit-Koalition“ versammelt den Kern der Trump-Fans: Während das linke Spektrum in den USA noch von einem Impeachment träumt, stehen viele rechtschristliche Aktive weiter treu hinter ihrem Mann im Weißen Haus – gerade wegen dieser Anfeindungen. Weiße Evangelikale stellen etwa ein Viertel der Wähler in den Vereinigten Staaten. Gut vier Fünftel davon stimmten für Trump. Die Faith and Freedom Coalition hat nach Angaben ihres Chefs Ralph Reed anderthalb Millionen Mitglieder. Die Zahl mag stimmen oder nicht – fest steht, ohne die rechten Christen gäbe es keinen Präsidenten Trump. Sie nehmen die Bibel wörtlich und haben eine „persönliche Beziehung zu Jesus Christus“.

Loran Dosen aus Maine betreut einen Informationsstand für Reisen nach Israel. Orte aus der Bibel seien beliebt bei evangelikalen Touristen, sagt sie. Das mit der herablassenden Haltung kann sie bestätigen. Gläubigen werde zu verstehen gegeben: Wie könnt ihr nur so dumm sein? Trump sei nicht ihre erste Wahl gewesen unter den republikanischen Kandidaten. Sie habe sich entscheiden müssen. Beim Namen Hillary Clinton verzieht Dosen das Gesicht. Auf der Rednerliste im Omni Shoreham Hotel steht auch Israels Botschafter Ron Dermer.

Der pensionierte Armeeoffizier Frank Plichta meint, er habe bei sich zu Hause keine Probleme mit Anfeindungen. Sein Zuhause, das ist Galax, ein Städtchen in den Blue-Ridge-Bergen von Virginia. Am 8. November 2016 stimmten dort 68 Prozent für Trump. Plichta ist Mitglied einer Baptistengemeinde. Schöne Erinnerungen hat er an Würzburg und Heidelberg, an Südvietnam weniger, wo er in den späten 60ern als Offizier kämpfte. „Wir haben dort getan, was wir tun mussten.“ Vom Präsidenten wünscht er sich, dass er sich „ein bisschen präsidentschaftlicher verhalten“ würde. Außerdem müssten die Steuern runter.

Die Stimmung auf der Konferenz, die den Anspruch „Road to Majority“, auf Deutsch „Weg zur Mehrheit“, im Titel trägt, ist eine Mischung aus Triumphalismus und Wehklagen. Mit Trump hat man es geschafft – und will nun Macht ausüben. Viele der Ultras sehen sich als Opfer in einem Amerika, das sich permanent lustig macht über sie. Opfer zu sein schweißt zusammen. Donald Trump versteht das offenbar. Er zeigt sich am 8. Juni, dem ersten Veranstaltungstag, und spricht etwa zu der Stunde, als im Senat der geschasste FBI-Direktor James Comey aussagt. Er werde Diskriminierung gegen gläubige Menschen stoppen, insistierte Trump. „Ihr habt an anderthalb Millionen Türen geklopft in den Battleground-Staaten. 22 Millionen Schriftstücke verschickt ... und zehn Millionen Telefonate gemacht. Ihr habt hart gekämpft für mich, und jetzt kämpfe ich hart für Euch.“

Sündhafte Politik

Auf der Konferenz zeigen sich auch Vizepräsident Mike Pence und ein gutes Dutzend republikanische Senatoren und Abgeordnete. Beraterin Kellyanne Conway versichert, sie beginne jeden Tag kniend beim Gebet.

Die rechten Gläubigen verlangen Religionsfreiheit: Helden in ihrer Welt sind Menschen wie eine Floristin aus dem Bundesstaat Washington, die aus Glaubensgründen einem schwulen Hochzeitspaar keine Blumen verkauft hat. Die Geschäftsfrau musste Strafe zahlen wegen Verstoßes gegen Antidiskriminierungsvorschriften. Helden sind ebenso religiöse Arbeitgeber, die bei der Krankenversicherung für ihre Mitarbeiter Empfängnisverhütung ausschließen.

Für viele Protestanten in den USA galt bis in die 1970er Jahre hinein der Grundsatz, sie sollten sich von sündhafter Politik fernhalten. Das war auch nicht schwierig: Protestanten stellten damals beinahe zwei Drittel der Bevölkerung. Ihr Glauben prägte Kultur, Politik und Gesellschaft. „Pfarrer sind nicht dazu berufen, Politiker zu sein. Sie sollen die Gewinner von Seelen sein“, sagte 1965 Jerry Falwell, ein relativ unbekannter Baptistenpastor aus Lynchburg in Virginia.

Dann kam der republikanische Präsident Richard Nixon (1969 – 1974), der „eine schweigende Mehrheit“ entdeckte, die sich übergangen fühle von der Studentenbewegung, den Hippies mit ihren Drogen und ihrem Sex, der Frauen- und der Bürgerrechtsbewegung. Ende der 70er Jahre änderte ebendieser Falwell seine Meinung und warnte Glaubensbrüder und -schwestern, sie müssten aufwachen. Falwell nannte seine Organisation „Moralische Mehrheit“, mit dem Anspruch, die amerikanische Mehrheit zu repräsentieren. Präsident Reagan (1981 – 1989) hat davon profitiert. Die Rechtschristen haben den wirtschaftsfreundlichen Republikanern Wähler gebracht, die sonst bei den Demokraten gelandet wären.

Von Anfang an war die christliche Rechte ein weißes Phänomen. Die schwarze Bürgerrechtsbewegung stieß einst auf erbitterten Widerstand in weißen Kirchengemeinden, dem ständischen Rückgrat auf dem weiten Land im Süden. Wenn konservative Christen seinerzeit über „big government“ klagten, meinten sie auch die Gesetze gegen Rassendiskriminierung. Bei „Faith and Freedom“ in Washington war, großzügig geschätzt, ein Dutzend Afroamerikaner zugegen.

Ralph Reed, Chef des Verbandes, ist Mitte 50, sieht aber so aus wie der rund 20 Jahre jüngere First Schwiegersohn Jared Kushner. Reed hat schon oft als Anführer und Stratege einer Generation von Aktivisten überrascht, die in den 1990er Jahren als „Christliche Koalition“ auf die politische Bühne trat. Er ging zu jener Zeit auf Distanz zu der Behauptung, die Christen stellten die Mehrheit. Sie seien eine Minderheit von 25 bis 30 Prozent, die aber organisiert werden könne, um ihren Einfluss zu vergrößern. Das hat sich ausgezahlt: lokales Organisieren bei Gemeinderatswahlen, und dann immer höher.

Bestimmte Grundsätze sind nicht mehr wegzudenken aus der Republikanischen Partei, besonders die gegen Abtreibung und Homoehe. Republikaner sind mehrheitlich für staatliche Gelder, um Programme zur Familienplanung aufzulegen, und gegen staatliche Mittel für den Familienplanungsverband Planned Parenthood, weil dessen Kliniken Abtreibungen durchführen. Für das Meeting in Washington hat Mark Roepke, Glatze und Zwirbelschnurrbart, etwa fünf Zentimeter große Plastikföten gebastelt. Genau 897 sind im Schaukasten für Anti-Abtreibungsveranstaltungen, denn 897 Babys würden jeden Tag von Planned Parenthood ermordet, erzählt Roepke. Ihm kommen die Tränen: Seine leibliche Mutter habe ihn zur Adoption freigegeben, sie sei als 14-Jährige vergewaltigt worden. 1971 sei das gewesen, vor der Legalisierung der Abtreibung. Sonst wäre er vermutlich nicht am Leben.

Trump versprach seiner Klientel einen konservativen Obersten Gerichtshof in Washington, der das Grundsatzurteil von 1973 zur Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs revidieren würde. Das sei eine Frage des „Respekts für gläubige Amerikaner“.

Der Kongressabgeordnete Jody Hice aus Georgia erläutert den Versammelten im Omni Shoreham Hotel, warum konservative Forderungen nach „wenig Regierung“ zusammenpassen mit dem missionarischen Verlangen, Moral und Glauben zu verbreiten. Die Gründerväter hätten die Nation „für ein moralisches und religiöses Volk“ geschaffen. Und moralische und religiöse Bürger brauchten keine starke Regierung.

Eier, so groß wie Melonen

Joshua Feuerstein (34) aus Arizona ist ein jovialer Typ, der im Eisladen dem Kunden nach ihm in der Schlange die Kugel mitbezahlt. Einfach so. Feuerstein ist als Evangelist unterwegs, vor allem online. Er regt sich gerade auf über den regenbogenfarbenen McDonald’s-Pommes-Container anlässlich des Gay-Pride-Tages. Er habe die Nase voll von Unternehmen, die „unsere Familien beeinflussen wollen“, schreibt er auf Facebook, wo er angeblich zwei Millionen Follower hat. Übrigens schmecke Essen bei McDonald’s „wie Dreck“. Feuerstein hat vor kurzem einen Aufruf online gestellt: Es sei an der Zeit, dass Abtreibungsärzte um ihr Leben fürchten müssten.

Donald Trumps Gegner spotten gern über die christliche Rechte, die sich für einen Politiker starkmache, den man beim besten Willen nicht als Repräsentanten von Familienwerten sehen könne. Doch „Faith and Freedom“-Aktivisten haben sich damit arrangiert. Es geht um Macht. Trump sei auf ihrer Seite und stark genug, um sich durchzusetzen. Oder, wie Feuerstein sagt: „Er hat Eier, so groß wie Wassermelonen.“ Die Gläubigen haben die Marke Trump gekauft. Trumps Slogan, „Amerika wieder großartig“ zu machen, entspricht den Sehnsüchten vieler konservativer – und weißer – Amerikaner nach einer Weltordnung, in der ihre Version vom christlichen Amerika unumstritten war. Diese Zeiten sind vorbei. Die am schnellsten wachsende „Glaubensgruppe“ in den USA sind die Menschen, die keine Bindung zu organisierter Religion haben. Aber Trump macht Hoffnung, man könne sich doch noch festhalten an der Macht. Eine Zeit lang wenigstens. Und wer nicht mitzieht, kommt halt unter die Räder.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 25/17.

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