Trutzburg Theater

Publikum Auch ohne Lockdown bleiben an vielen Häusern jetzt die Zuschauer:innen weg. Kritik als „Scheiße am Ärmel der Kunst“ zu bezeichnen, hilft da nicht unbedingt weiter
Die Zeichen der Entwöhnung machen deutlich, dass Theater auch nur eine Kulturpraxis ist
Die Zeichen der Entwöhnung machen deutlich, dass Theater auch nur eine Kulturpraxis ist

Foto: Martin Müller/Imago

Kürzlich fachsimpelte ein Bekannter, der Wissenschaftssendungen moderiert und vielleicht ein wenig Ahnung von der Materie hat, mir vor, dass nun mit der neuen Omikron-Variante die Pandemie im Grunde noch mal komplett von vorne losgehe. Ich konnte und wollte ihm nicht glauben. Allerdings hatte ich zu Beginn der Pandemie auch jegliche Zeitungsartikel als „Katastrophenerotik“ abgetan, die damals schon das Heraufdämmern eines pandemischen Zeitalters in Aussicht stellten.

Vor ziemlich genau einem Jahr schrieb ich an dieser Stelle das erste Theatertagebuch, das zwangsläufig vom Kulturlockdown handelte, nur um jetzt festzustellen, dass sich das Thema für die Theater überhaupt nicht geändert hat. Wir bleiben eben Gefangene eines Virus. Mit angehaltenem Atem sah man vergangene Woche mal wieder den Beschlüssen der Ministerpräsidentenkonferenz entgegen, da hatten bereits die ersten Häuser in Sachsen, in Teilen Bayerns und in Österreich bis Anfang Januar dichtgemacht. Der Bühnenverein haute noch schnell eine Presseerklärung raus und forderte ein „klares politisches Bekenntnis zur Kultur“, was immer das eigentlich noch bedeuten soll. Einen erneuten totalen Bühnenlockdown hat es zwar dann doch nicht gegeben, aber – so schildern es viele Theater – bahnt sich mittlerweile ein ganz anderes, auch überraschendes Problem an: ein ausbleibendes Publikum.

Über die nur zögerliche Rückkehr der Zuschauer:innen wurde erstmals im Sommer berichtet, nun spricht man von Publikumsschwund, reihenweise stornierten Karten, geringer Auslastung und einer gespenstischen Entleerung der Säle. Vielleicht sind Metropolen und die großen Bühnen weniger betroffen, doch wenn die Dramaturgin des Schauspiels Köln, Lea Göbel, auf Twitter öffentlich dazu aufruft, sich „ernsthaft Gedanken“ darüber zu machen, was der Publikumsschwund „perspektivisch mit dem Theater macht“, ist das Problem in den Häusern wohl tatsächlich angekommen. Was ist denn, fragt sie, „wenn ein Großteil einfach nicht wiederkommt“? Das verwundert erst mal. War während des Lockdowns nicht überall von der „Sehnsucht der Menschen nach Kultur“ zu hören? Und jetzt sollen wir uns das Theater schon nach so kurzer Zeit abgewöhnt haben? Oder entwöhnt? Haben wir Theater immer sehr geliebt und gehen dennoch fast nie mehr hin?

Die Zeichen der Entwöhnung machen jetzt deutlich, dass Theater auch nur eine Kulturpraxis, ein gesellschaftliches Ritual ist und damit existenziell darauf angewiesen, beständig eingeübt und praktiziert zu werden. Fällt dieses Ritual weg, wie es im Lockdown der Fall war, erweist es sich dann plötzlich als doch nicht mehr so notwendig. Es scheint also zurzeit für das Theater viel auf dem Spiel zu stehen.

In diesem Lichte betrachtet, wirken jüngere Debatten in der Theaterblase erst mal seltsam: Eine zunehmend enttäuschte Kritiker:innengemeinde wirft René Pollesch einen verantwortungslosen Intendantenstart an der Volksbühne in Berlin vor, dieser keult selbstbewusst im Theaterpodcast zurück, er sei eben „trotzfrigide“. Die Intendantin des Hamburger Schauspielhauses Karin Beier hingegen will auf Theaterkritik gleich komplett verzichten und findet eh, diese sei „Scheiße am Ärmel der Kunst“. Und das alles im Deutschlandfunk Kultur. Oder die Regisseurin Karin Henkel, die vergangene Woche als Mitglied der dreiköpfigen Jury für den Gertrud-Eysoldt-Ring, den renommierten Schauspielpreis, einfach mal Lina Beckmann, die Hauptdarstellerin ihrer eigenen Inszenierung Richard the Kid & the King zur Preisträgerin kürte.

Einzelbeispiele, die von einer Trutzburg-Mentalität zeugen. Von den „ernsthaften Gedanken“, die das Publikum zurück in die Häuser holen sollen, fehlt da jede Spur.

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