Tschack! Krrks! Wutsch!

Fiktion Peter Stricklands „Berberian Sound Studio“ ist eine originelle Hommage an die italienischen Krimi-Horror-Filme der sechziger und siebziger Jahre
Gerhard Midding | Ausgabe 24/2013

Der Regisseur hat keinen Zweifel am künstlerischen Rang seines neuen Films. Einen Horrorfilm soll man ihn schon mal nicht nennen. Denn Santini, dessen Name wie der eines Zauberkünstlers klingt, versteht sich als Autorenfilmer.

Ob das Werk diesem Anspruch genügt, kann der Zuschauer von Berberian Sound Studio nicht überprüfen: Er bekommt keine einzige Einstellung daraus zu sehen. Skepsis darf er hegen, denn der großspurige auteur schert sich wenig um die Nachsynchronisation seines Werks. Er taucht nur sporadisch im Tonstudio auf und stellt dann vorzugsweise den Schauspielerinnen nach. Die Arbeit überlässt er dem Produzenten und Gilderoy (Toby Jones), dem kleinlauten Toningenieur, den er extra aus England nach Rom hat einfliegen lassen.

Gilderoy fühlt sich hier als Fisch auf dem Trockenen. Bislang hat er nur an Dokumentarfilmen über die Landschaften Großbritanniens mitgewirkt. Nun muss er die Toneffekte eines blutrünstigen giallo überwachen, eines jener ins Übersinnliche ausgreifenden Kriminal- und Horrorfilme, die dem italienischen Publikum in den sechziger und siebziger Jahren wollüstige Schauder bescherten und die Kinokassen zuverlässig klingeln ließen.

Der Toningenieur muss dafür Sorge tragen, dass das Zerhacken von Melonen und Kohlköpfen so klingt, als würden junge Nonnen verstümmelt oder geköpft. Bald muss er selbst Hand anlegen, Öl in einer Pfanne so heiß braten, dass der Kinogänger überzeugt davon ist, er würde hören, wie eines der Opfer mit einem glühenden Schürhaken penetriert wird. Als ihn sein Regisseur fragt: „Was siehst du vor dir: eine Katholikin oder eine Hexe?“, ist das einer von vielen Momenten, in denen der Puritaner die Antwort schuldig bleibt. Für ihn wird es zum Martyrium, Komplize des Exzesses katholischer Lustangst und verächtlicher Misogynie zu sein.

Filme über das Filmemachen gehören in der Regel zu den entbehrlicheren. Im Grunde sind sie eine Ausladung an den Zuschauer. Dreharbeiten vollziehen sich als ein sehr spezifischer Arbeitsprozess, und auf die Gefahr hin, allzu moralisch zu klingen: Hat der Kinogänger nicht ein Anrecht darauf, dass ihm ein Filmemacher ein Fenster zur Welt öffnet, anstatt ihn einen Blick in den eigenen Betrieb werfen zu lassen?

Sadistischer Furor

Es gibt ein Richtmaß für dieses Erzählterrain: Gelungen sind Innenansichten meist dann, wenn am Ende die Frage unerheblich ist, was aus dem Film im Film wohl werden wird. In Berberian Sound Studio ist der schon abgedreht; wie die Vertonung ausgehen wird, bleibt ein Geheimnis.

Peter Stricklands Blick in diese abgelegene filmhistorische Dunkelkammer ist kein Film nur für Eingeweihte. Es hilft zwar, wenn man Arbeiten von Giallo-Meistern wie Mario Bava und Dario Argento kennt. Unerlässlich ist es nicht. Der Film gibt sich weder als Imitation noch als Parodie zu erkennen, ist vielmehr eine akustische Autopsie des Subgenres. Strickland hat es genau studiert. Die Konventionen – etwa die überraschende Wendung im letzten Akt – besitzen für ihn eine gewisse Gültigkeit. Der sadistische Furor und die klangsinnliche Eindringlichkeit dieses Kinos werden spürbar. Die Komponisten stammen oft aus der Avantgarde oder dem Freejazz (für den Filmtitel stand zweifellos die Sopranistin Cathy Berberian Patin, die mit Luciano Berio verheiratet war). Strickland ist fasziniert vom noch analogen Schaffensprozess, den Schrecken klanglich zu vollenden.

Schon das präzise Raunen seines letzten Films, der Rachefabel Katalin Varga, zeigte Strickland als einen Regisseur, der das Publikum anhält, genau zuzuhören, um besser sehen zu können. Auch in Berberian erzählt er von einer verstörenden Entwurzelung, wechselt aber behände die Register. Britische Reserviertheit und italienische Jovialität bringt er wie in einer Sittenkomödie in Frontstellung. Der verschubste Gilderoy erfährt den sozialen Umgang als Minenfeld, auf dem er nur falsche Schritte tut. Sein latentes Schuldgefühl über die eigene Anwesenheit und Unzulänglichkeit steigert sich ins Wahnhafte. Die trefflich kafkaeske Satire gleitet allmählich hinüber in eine Studie von Klaustrophobie und Paranoia: zu einem Schlüsselfilm über die Kraft der Manipulation, nicht nur im Kino.

Berberian Sound Studio Peter Strickland 92 Min.

11:30 12.06.2013
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