Tschö, Melodie & Rhythmus

Musikmagazin Der Letzte knipst das Rotlicht aus. Das Popkritik-Überbleibsel aus DDR-Zeiten verabschiedet sich erneut vom Zeitschriftenmarkt
Gunnar Leue | Ausgabe 02/2018

In der DDR, wo es mit der Popmusik nicht zur Weltspitze reichte, war natürlich auch die Popkritik nicht auf dem allerhöchsten Niveau. Immerhin: Es gab sie, ihr Zentralorgan hieß Melodie & Rhythmus. Seit 1957 erschien es als Fachblatt für Tanz- und Unterhaltungsmusik und widmete sich einem breiten Spektrum: vom Dresdner Schlagerfestival über die Blues-Historie bis zu Porträts nationaler und internationaler Popstars. In einer Art Monopolstellung gehörte die M&R zu den begehrtesten Printerzeugnissen der DDR. Wer nicht das Glück hatte, eines der raren Abos zu ergattern, bekam sie selten genug am Kiosk, als sogenannte Bückware. Die Auflagenhöhe – 1989 immerhin 270.000 Exemplare – wurde allein durch das Papierkontingent begrenzt.

Nach der Wende, als mit dem internationalen Pop auch die westdeutschen Musikzeitschriften ins Land kamen, war jedoch Schluss. 1991 wurde Melodie & Rhythmus eingestellt. 13 Jahre danach erlebte sie eine Auferstehung. Und nun, weitere gut 13 Jahre später, den erneuten Tod. Vorerst, wie es beim Verlag 8. Mai GmbH – der auch die Junge Welt herausgibt – heißt. Die nächste Ausgabe des zuletzt vierteljährlich erschienenen Magazins könne nicht erscheinen.

Für das erste Comeback der M&R hatte 2004 Christian Hentschel gesorgt. Der Musikjournalist hatte damals vom Berliner Henschel-Verlag die Titelrechte erworben und das Magazin im Zweimonatsrhythmus neu aufgelegt. Dahinter stand die Idee, nicht nur auf die nationale und internationale Rockmusikszene zu blicken. Sondern besonders auf das, was in der ostdeutschen und osteuropäischen Musikszene – nicht nur im Rockpopbereich – passierte. Das Konzept erwies sich als vernünftig, die materielle Basis allerdings nicht, weshalb nach anderthalb Jahren die Mittel versiegt waren.

Das Wunder in persona eines Investors kam jedoch prompt: Durch einen Nachruf auf die Zeitschrift auf sie aufmerksam geworden, meldete sich der Betreiber eines Onlinemusikshops, der die weiterhin schwächelnde M&R jedoch zwei Jahre später an den Verlag 8. Mai abstieß. Was im Übrigen nicht alle im Hause Junge Welt für einen Top-Deal hielten. Nach einer gewissen Schonfrist, beruhend auf anfänglicher Konzeptlosigkeit, wurde das Heft zu einem marxistischen Magazin für Gegenkultur umgepolt – was okay ist, wenn man Gegenkultur nicht auf ideologische Reinheit fixiert, die vor allem ältere ostdeutsche M&R-Leser an die „Rotlichtbestrahlung“ im Marxismus-Leninismus-Unterricht erinnerte. Viele Artikel vermittelten den Eindruck, dass Musikkritik vor allem unter dem Aspekt des richtigen Klassenstandpunkts formuliert wurde. Was denn doch wieder eine Annäherung an die DDR-Tradition war, mit der man es popkulturell ansonsten nicht so hatte.

„Ein Organ für kulturelle und künstlerische Fundamentalopposition“ nannte Chefredakteurin Susann Witt-Stahl die M&R. Ihre Impulsgeber würde sie „nicht vorwiegend in den Elfenbeintürmen, sondern auf der Straße, in den Ghettos und Slums, natürlich auch in den Betrieben finden“. Impulsgeber finden ist natürlich das eine, Leser finden das andere. Zumal für eine Zeitschrift, die eben kein politisches Musikmagazin war, sondern ein stramm ausgerichtetes Politmagazin mit Schwerpunkt Musik, in dem der Zweifel nicht unbedingt zur hausinternen Willkommenskultur gehörte. In dem Sinne ist die M&R in ihrem letzten Stadium fast großer Pop gewesen: viel Selbstgewissheit und reichlich große Töne, in puncto Massenappeal allerdings unterirdisch.

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