Tschüs, BRD!

Finale Die „Lindenstraße“ endet, nach 35 Jahren. Ist der Kitt der Gesellschaft nun futsch?

Die ARD will partout nix über den Inhalt verraten. Aber eigentlich kann man sich die Themen der letzten Folge der „Kultserie“ Lindenstraße, die am kommenden Sonntag laufen wird (Inschallah!), auch ganz gut selbst ausdenken: Klausi wird Ehefrau Neyla nach Sex mit der Ex auf einer noch eingeschweißten Ehematratze zur Problemlösung eine polyamouröse Beziehung vorschlagen, eine Mieterinitiative der Lindenstraße wird die Verdrängung der ansässigen Shisha-Bar durch das Immobilienspekulanten-Schwein verhindern und der frühere Skinhead Olli Klatt kehrt zurück, vermutlich um als Kapitän eines Rettungsschiffes im Mittelmeer Spenden bei seinen alten Nachbarn zu sammeln, diesmal ohne sie zu erpressen. Im Hintergrund wird ein Internetradio laufen, aus dem tönt, dass Jens Spahn wegen Covid-19 anordnet, alle Geschäfte zu schließen, außer die für Lebensmittel. Und am Ende singt die ganze Nachbarschaft zusammen ein Lied. Von Kraftklub oder Konstantin Wecker. Mit Kerzen in der Hand.

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Nach fast 35 Jahren Beimer’schen Stress-Spiegeleiern und 1758 Folgen endet die Serie von Hans W. Geißendörfer. Der Programmdirektor der ARD sagt dazu: „Sie ist Spiegelbild der Geschichte und Entwicklung unserer Republik.“ Angemessen also, dass die Küche von Helga Beimer demnächst im Haus der Geschichte in Bonn ausgestellt werden wird. Hoffentlich hängen daneben dann die appropriierten Dreadlocks von Momo. Und die Konfuzius-Sprüche von Gung.

Das reinste Gewissen

Die Lindenstraße ist die Zentralstelle von dem, was die Neurechten linksgrünversiffte Mainstreammedien nennen. Die gibt es natürlich gar nicht. Aber in der Lindenstraße hatte man zumindest immer die Hoffnung. Ihre ziemlich homogene Zielgruppe ließ sich nach dem meist aufwühlenden Weltspiegel und der Werbung für Aktion Sorgenkind (später Mensch) ihr Weltbild bestätigen, mampfte zufrieden noch ein Erdnüsschen, wenn Lisa, die einst mit einer Bratpfanne den Priester erschlug (irgendwie Notwehr), auf den Pfad der Gerechten zurückkehren konnte. Denn die Gerechtigkeit siegte meist. Und Arschlöcher hatten immer einen guten Kern. Selbst Franz Wittich, der Alt-Nazi-Wicht, hatte seine milden Momente und nahm mal einen Schwarzafrikaner auf. Die Lindenstraße war in all den Jahren immer irgendwie gleich, sie war das reinste Gewissen der Bundesrepublik Deutschland. Der Themenindex einer linksliberalen Mittelschicht und von Zuschauern mit Protestanten-Verstrickung, die sich durch die, in ihrer Vorhersehbarkeit und Lehrerhaftigkeit schamtreibenden Dialoge, auch gleich einer schuldlindernden Selbstgeißelung unterziehen konnten.

Aber jetzt ist die Welt zu schlecht für gute Menschen. Es hat sich ausgemittelschichtet. Das Milieu der Lindenstraßen-Gucker mit Sisalteppich und Weissagung der Cree-Aufkleber und Salzteig-Türkranz ist nur noch dezimiert vorhanden. Und die Zeiten ihrer Selbstversicherung vorbei. Glaubt ja keiner mehr dran, dass die Guten in der Überzahl sind, wenn Atemschutzmasken aus Kinderkrebsstationen geklaut werden.

54 Tote, 21 Kinder und 37 Eheschließungen hat man in dieser unmünchnigsten aller Münchner Straßen gezählt. Über die Jahre wurden Geflohene aufgenommen, ein Obdachloser wurde zum Teil der Nachbarschaft, man sprach oder trank sogar ab und zu mit ihm. Männer durften Männer küssen (auch wenn es 1990 dafür im echten Leben dann Morddrohungen gab) und Einwanderer durften deutsche Frauen heiraten. Sie konnten sogar ihre Identität behalten und durften Sirtaki tanzen. An Wahlabenden wurden Hochrechnungen kommentiert wie in laschen Leitartikeln, Klausi musste kein Neonazi bleiben, er ist heute aktivistischer Journalist. Und ein Installateur schimpfte über die FDP, die dem WDR daraufhin einseitige Parteinahme vorwarf.

Natürlich gibt es von HBO und Co. seit vielen Jahren viel virtuoser und intelligenter geschriebene Serien, die sich mit wandelnden Gesellschaften und Gut und Böse beschäftigen, ganz ohne diese (west-)deutsche Wurstigkeit. Neue Lindi-Fans wuchsen kaum noch nach. Auch das gemeinsame Fernsehen in den Familien ist seltener geworden, vor den Endgeräten herrscht Vereinzelung. Aber auch die Menschen, die mit der Lindenstraße aufgewachsen sind, die sich in ihren irgendwie Bildungsbürgerfamilien das eigene moralische Wertesystem nacherzählen ließen, sind irgendwann umgestiegen, haben kaum noch eingeschaltet. Denn zuerst war überhaupt keine Ironie in der Serie und später da draußen zu viel Zynismus, um überhaupt noch an irgendwas zu glauben. Wenn in der Serie rechtsextreme Netzwerke auffliegen und dazu noch in U-Haft kommen, wirkt das einfach nur noch unrealistisch. Lindenstraße zu schauen oder Peter Lustig, den Aussteiger, der wollte, dass man den Fernseher ausschaltet, Neues aus Uhlenbusch mit den lieben Marxisten und Ein Haus in der Toscana, die Serie für die Barolo-Fraktion – all das war Bekenntnisfernsehen. Diese Sendungen gaben ihren Zuschauern das Gefühl von Gemeinschaft aus dem Wohnzimmer heraus, man fühlte sich gesehen und verstanden. Alles war ganz heimelig. Gesellschaftskittend.

Und vielleicht sind die allabendlichen Ansprachen, die Angela Merkel dieser Tage hält, ihr vermeintlicher Glaube an Demokratie, das Experiment der Selbstverantwortung – dasselbe, was die Lindenstraße immer bedeutete. Die Zusammenführung vor dem Fernseher, etwas Gleichmachendes, der Glaube an darauffolgende gemeinsame Veränderung. Zumindest die Illusion davon, denn es gibt kein Gleich in diesem Land. Die Idee gab es in der Lindenstraße, es gab sie in der Idee, die Familien von sich selbst hatten, es gab sie ganz ohne Multiplikatorengeschrei und das Meinungsbekenntnis-Gewitter sozialer Medien. Nur dummerweise kam die Idee da oft auch nicht raus.

Und als man feststellte, dass die Welt da draußen doch gar nicht so ist wie in der Lindenstraße, da war es eigentlich schon zu spät. Für die Lindenstraße und für die Gutmenschen. Hoffentlich gibt es am Ende wenigstens ein Feuerwerk.

06:00 29.03.2020

Ausgabe 21/2020

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