Tschüss Philosophie und Sozialwissenschaft: Linke, studiert Wirtschaft!

Gesellschaft Romane analysieren statt Bilanzen verstehen? Schluss damit! Wer die Welt verbessern will, muss Wirtschaft studieren! Denn: Fragen nach Gerechtigkeit sind heute in erster Linie Wirtschaftsfragen. Wer regieren will, muss sich damit auskennen
Rechenschieber raus: Gerade junge Progressive scheuen sich oft vor ökonomischen Themen. Das muss sich ändern!
Rechenschieber raus: Gerade junge Progressive scheuen sich oft vor ökonomischen Themen. Das muss sich ändern!

Illustration: Der Freitag

Menschen wollen Sicherheit – vor allem finanziell. Und das hat viel damit zu tun, wie die Wirtschaft läuft. Gerade dieser Tage, in denen Butter teurer, Gas knapper und Wohlstand kleiner wird. Eine stabile progressive Mehrheit für eine gerechtere Politik gibt es nicht ohne glaubwürdiges Sicherheitsversprechen. Wie aber bringt man den Motor des riesigen Tankers Deutschland zum Laufen?

Dafür muss man sich auskennen im Maschinenraum, mit Marktwirtschaft, Geld und Steuern. Wie entstehen Jobs? Wann steigen Preise? Wie funktionieren Firmen im Wettbewerb? Woher kommt eigentlich das Geld? Was können wir uns leisten? Wer zahlt was? Wer eine bessere Welt will, muss sich mit solchen Fragen auskennen. Und zwar besser als die konservative Konkurrenz. Denn im Maschinenraum entscheidet sich, wie die Wirtschaft läuft – und in wessen Interesse sie läuft. Wie also Wohlstand erarbeitet und verteilt wird. Doch gerade in der politischen Linken ist das Thema unbeliebt und unterbesetzt. Gerade junge Leute im progressiven Lager scheuen oft ökonomische Themen. Studiert werden stattdessen politologische, soziologische – und immer öfter kulturwissenschaftliche Fächer.

Dabei sind alle Gerechtigkeitsfragen in hohem Maß auch Wirtschaftsfragen. Und kaum ein Thema eignet sich besser dafür, Konservativen und Neoliberalen das Wasser abzugraben. Die setzen ja immer auf „Wirtschaftskompetenz“. Doch die Fassade bröckelt: Die Produktivität lahmt, die Infrastruktur ist marode, die Energieversorgung unsicher, der Wohnraum knapp, die Bahn unzuverlässig, das Steuersystem chaotisch, die Löhne zu niedrig, die Preise zu hoch, die Armut auf Rekordniveau. Und auch am klimapolitischen 1,5-Grad-Ziel droht das Land zu scheitern.

Um sich für die Lösung solcher Probleme zu empfehlen, reicht weder „Systemkritik“ per Megafon noch die oberflächliche Forderung nach „mehr sozialer Gerechtigkeit“. Man muss schon vermitteln, dass man besser als etwa Union und FDP für eine brummende Wirtschaft mit Vollbeschäftigung und guten Aufstiegschancen sorgen kann. Vermitteln, dass man für eine Wirtschaft sorgt, in der der Bäcker und die Friseurin ein besseres Geschäft machen und Lageristen wie Kassiererinnen höhere Löhne aushandeln können.

Wer anderen hingegen den Maschinenraum überlässt, ist unglaubwürdig. Man muss zeigen können, wie wenig sich gerade ein Christian Lindner oder ein Friedrich Merz im Maschinenraum auskennt. Man muss ihre Mythen widerlegen: Sparpolitik und Marktgläubigkeit sind schlecht für die Wirtschaft und für die Geldbeutel!

Wenn Finanzminister Lindner in einer Talkshow von Schuldenabbau und Kürzungen redet, muss man übersetzen, was das heißt. Dafür reicht die simpelste aller ökonomischen Regeln: Des einen Ausgaben sind eines anderen Einnahmen. Gibt Lindner weniger aus, nimmt jemand in der Privatwirtschaft weniger ein. Baut er Schulden ab, verliert in der Privatwirtschaft jemand Geldvermögen. Wessen Börse soll also dran glauben, Herr Lindner? Wie soll die Wirtschaft so wachsen? So bringt man Leute wie ihn in die Defensive: Man muss den Menschen den großen Rechenschieber zeigen. Und erklären können, warum progressive Mehrheiten nicht nur eine Politik des größeren Herzens und des sozialen Gewissens brauchen – sondern auch eine Politik des größeren Geldbeutels.

Wer also die Welt verbessern will und nach einem relevanten Studium sucht, wer gerade das erste Jahr Philosophie enttäuscht hinter sich hat, sollte erwägen, Wirtschaft zu studieren. Damit die wirkliche Welt nicht so bleibt wie ihr Abbild etwa in den großen Zeitungen, wo ja die Wirtschaftskritik stets Sache des Feuilletons ist. Und nebenbei: Der Numerus clausus liegt weit unterhalb dessen etwa für Kulturwissenschaften. Aber: Augen auf bei der Uni-Wahl. Nicht dass man das Handwerk von denen lernt, die Lindner und Merz beraten!

Maurice Höfgen betreibt den Youtube-Kanal „Geld für die Welt“ und arbeitet für die Linkspartei im Bundestag

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